{"id":403,"date":"2005-02-01T12:36:24","date_gmt":"2005-02-01T10:36:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=403"},"modified":"2009-12-28T14:30:00","modified_gmt":"2009-12-28T12:30:00","slug":"blicke-nach-draussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/02\/01\/blicke-nach-draussen\/","title":{"rendered":"Blicke nach drau\u00dfen"},"content":{"rendered":"<h2>Heimatstadt<\/h2>\n<p>Ich war 26, als ich Wiesbaden verlie\u00df und nach Berlin zog. Seither ein Besuch pro Jahr, manchmal weniger. Nichts zieht mich hin au\u00dfer Mutter, Schwestern, Schwesterkinder. Ich besuche sie im Januar oder Dezember, jedoch niemals punktgenau zu Weihnachten. <\/p>\n<p>Wiesbaden &#8211; Landeshauptstadt, Kurstadt, Spielbank, hei\u00dfe Quellen, schon bei den R\u00f6mern als Badeort beliebt. Es war eine reiche Stadt, ruhig, gem\u00fctlich, schick heraus geputzt, im Krieg nicht zerst\u00f6rt, denn dort wollten die Amerikaner  wohnen. Nun sind sie schon ein paar Jahre weg und mit Wiesbaden geht es bergab. <\/p>\n<p>Als ich aus dem Bahnhof trete und durch die Unterf\u00fchrung muss, staune ich \u00fcber die Verwahrlosung. S\u00e4mtliche Rolltreppen au\u00dfer Betrieb, abgesperrt, beschmiert &#8211; und zwar so, dass man sieht, dass daran seit Jahren nichts ge\u00e4ndert wurde. Auch die Stra\u00dfen wirken schmuddliger, L\u00e4den stehen leer, wo sich fr\u00fcher ein edles Antiquit\u00e4tengesch\u00e4ft ans n\u00e4chste reihte. Fast h\u00e4tte meine Schwester einen tollen Job bekommen, weil sie sich als Elternvertreterin so kundig f\u00fcr die Umgestaltung eines Spielplatzes engagiert hatte.  &#8222;Machen Sie das doch bei allen Pl\u00e4tzen, die ich  umgestalte!&#8220;, bot ihr die Architektin an. Doch da wurde nichts draus: Roland Koch, der Kanzler-Aspirant mit dem Ohrfeigengesicht hat s\u00e4mtliche Bauvorhaben gestrichen. Statt dessen ringen die Stadtv\u00e4ter um das Abholzen der gro\u00dfen Platanen vor dem Kurhaus: Sie seien krank, hei\u00dft es, und deshalb m\u00fcssten sie weg &#8211; und im \u00fcbrigen passten sie nicht in die Sichtachsen des historischen Bau-Ensembles aus Theaterkollonaden und Spielbank, der Bereich werde aufw\u00e4ndig umgestaltet.  Ich denke an Berlin, an den Streit um die Linden &#8222;unter den Linden&#8220;. Vorzeigestra\u00dfen neu gestalten, letztes Hobby der Stadtgestalter in Zeiten leerer Kassen. &#8222;Touristen zuerst!&#8220;  &#8211; das gilt nicht nur f\u00fcr Tsunami-verw\u00fcstete L\u00e4nder, sondern ganz allgemein. <\/p>\n<h2>Zeitgeist<\/h2>\n<p>Mehr Religion, mehr Sicherheit durch \u00dcberwachung, Kampf den Rauchern, sexuelle &#8222;Treue&#8220; als oberster Beziehungswert: das Klima in der Gesellschaft ver\u00e4ndert sich drastisch. Bald werde ich die verschrobene Alte mit den komischen Ansichten aus den 70gern sein, doch seltsamerweise ficht mich das nicht an. Nicht mehr so, dass ich mich aufgerufen f\u00fchlte, daran etwas zu \u00e4ndern, indem ich meinen Senf zu allem und jedem dazugebe, um mich zumindest am &#8222;Meinung machen&#8220; zu beteiligen.  Es ist nicht wichtig, was jemand meint, sondern was einer tut &#8211; und dar\u00fcber wird eher wenig gesprochen. Ich merke es immer wieder, wenn ich z.B. mal in einer Mailingliste ganz unzensiert aus dem eigenen Erleben berichte, ohne das Gesagte in ein Meinungskorsett einzubinden, \u00fcber das sich trefflich streiten lie\u00dfe. Die einzig passende Antwort w\u00e4re innere Resonanz: Das, was durch einen Text &#8222;in den Sinn kommt&#8220; ebenso frei und unkommentiert zeigen &#8211; aber wer will sich schon zeigen? Alle f\u00fchlen sich offenbar von Feinden umgeben und bem\u00fchen sich allenfalls, eine glitzernde, unangreifbare, weltkompatible Oberfl\u00e4che zu zeigen, die auf dem &#8222;Markt&#8220; bestehen kann. <\/p>\n<p>Diesem Markt scheint es dennoch unrettbar schlecht zu gehen,  die &#8222;Binnennachfrage&#8220; springt nicht so richtig an, die Wirtschaft, an der unser immer noch vergleichsweise immenser Wohlstand h\u00e4ngt, lebt haupts\u00e4chlich vom Export. Doch inmitten der Kaufzur\u00fcckhaltung leisten sich die Deutschen demonstrativ eine beispiellose Spendenwelle: endlich Geld ausgeben mit Sinn! Endlich etwas bewirken &#8211; und nicht immer nur verbrauchen!<br \/>\nDas stimmt mich milde: Zeitgeist hin oder her, so ganz l\u00e4sst sich der Mensch doch nicht zum blo\u00dfen R\u00e4dchen im Getriebe degradieren, das nur noch Medien konsumiert und sich mit der kundig vergleichenden Auswahl von Produkten, Dienstleistungen und Tarifen befasst.  Immer bleibt da ein Rest Unberechenbarkeit, eine w\u00fchlende Unzufriedenheit mit der eigenen gesellschaftlichen Stellung: im Produktionsprozess die letzte Instanz vor dem M\u00fclleimer zu sein, reicht einfach nicht. Wir sind DOCH nicht ganz bl\u00f6d!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heimatstadt Ich war 26, als ich Wiesbaden verlie\u00df und nach Berlin zog. Seither ein Besuch pro Jahr, manchmal weniger. Nichts zieht mich hin au\u00dfer Mutter, Schwestern, Schwesterkinder. 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