{"id":4023,"date":"1999-05-04T12:26:35","date_gmt":"1999-05-04T10:26:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4023"},"modified":"2023-12-03T12:33:44","modified_gmt":"2023-12-03T11:33:44","slug":"der-richtige-zeitpunkt-die-stadt-zu-verlassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/05\/04\/der-richtige-zeitpunkt-die-stadt-zu-verlassen\/","title":{"rendered":"Der richtige Zeitpunkt, die Stadt zu verlassen"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist es seit einer Woche sicher, da\u00df ich nach Mecklenburg ins Schlo\u00df Gottesgabe ziehe (siehe 26.4.). Seltsamerweise kommt nicht die geringste Wehmut auf, kein Abschiedsschmerz, keine traurigen Gedanken angesichts dessen, was ich alles verlasse. Als ich innerlich zum Umzug &#8222;ja&#8220; gesagt hatte, erlebte ich eine Welle dieser Wehmut und dachte, das sei der Anfang einer l\u00e4ngeren Trauerphase. Aber nein, das war schon alles!<!--more--><\/p>\n<p>Mir zeigt es, da\u00df es der richtige Zeitpunkt ist, die Stadt zu verlassen. Ich komme hier &#8222;auf keinen gr\u00fcnen Zweig&#8220; und genau der ist es, der mir fehlt. Da kann ich noch so erfolgreich in meiner Webarbeit sein: die Freude, die dabei aufkommt, ist garnicht zu vergleichen mit dem Hinaustreten auf eine Wiese, wenn der Morgentau noch auf den Pflanzen liegt, wenn der Nebel noch nicht ganz verschwunden ist und die Luft so klar ist, wie der Geist nur sehr sehr selten!<\/p>\n<p>Es geht darum, eine Welt zu erleben, wo die Dinge sind, wie sie sind. Wo die B\u00e4ume ohne mich wachsen und die Bl\u00e4tter auch ohne meine Designk\u00fcnste wunderbar aussehen. Ist es nicht seltsam, da\u00df alles von Menschen Gemachte des Designs bedarf, der bewu\u00dft veranstalteten guten Gestaltung? Dagegen ist alles, was &#8222;da drau\u00dfen&#8220; ohne uns w\u00e4chst, vom Regenwurm zur Rose, vom Mistk\u00e4fer zur Hanfpflanze, vom Efeu zum Kastanienbaum in sich stimmig und deshalb sch\u00f6n. Waren nicht z.B. auch alle Hunde sch\u00f6n, bis wir sie in die seltsamsten Falten und Gestalten gez\u00fcchtet haben?<\/p>\n<p>Na, ich wollte jetzt nicht eine Brandrede \u00fcber den &#8222;b\u00f6sen Menschen&#8220; halten, der alles kaputt und h\u00e4\u00dflich macht &#8211; ich frage mich nur, wie es dazu kommt, da\u00df unsere Erzeugnisse und die von uns ver\u00e4nderten Tiere und Pflanzen nicht ebenso aus sich heraus &#8222;sch\u00f6n&#8220; sind &#8211; warum sind wir selbst nicht so einfach sch\u00f6n wie jede x-beliebige Stra\u00dfenkatze, warum machen wir nicht ganz &#8222;von selbst&#8220; sch\u00f6ne Dinge? Da\u00df es Kunst und gro\u00dfe Werke auf jedem Gebiet gibt, steht dem nicht entgegen, spricht eher daf\u00fcr. Denn da\u00df es &#8222;Kunst&#8220; gibt, hei\u00dft ja, da\u00df normalerweise Kunst fehlt&#8230;.<\/p>\n<p>Wenn ich eine Webseite neu gestalte, ist es kein &#8222;machen&#8220; im \u00fcblichen Sinn. Ich wei\u00df nicht, was es werden wird und experimentiere herum &#8211; mit Farben, Formen, Texten, Buchstaben, Bildern. Nachdem ich eine Einzelheit ver\u00e4ndert habe, lasse ich das Ganze auf mich wirken und &#8222;von irgendwo&#8220; kommt dann ein Empfinden: das sollte aber noch ein St\u00fcck nach rechts, etwas Rotes w\u00e4re sch\u00f6n&#8230;. Manchmal kommt auch nichts und wenn ich dann trotzdem &#8222;mache&#8220;, dann wird es nichts. Merkt vielleicht keiner, aber ich merke es.<\/p>\n<p>Vielleicht zehren wir in solchen Momenten der Kreativit\u00e4t vom selben Grund, aus dem auch die Pflanze w\u00e4chst. Das ist keine &#8222;Leistung&#8220;, allenfalls die Leistung, zu warten, in sich hinein zu h\u00f6ren, anstatt irgendetwas dahin zu stellen, weil es nunmal Mode ist.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren w\u00e4r&#8216; es mir unm\u00f6glich gewesen, die Stadt zu verlassen. Eine verr\u00fcckte Vorstellung, auf all die M\u00f6glichkeiten zu verzichten: Kultur, Stimmungen, L\u00e4den und M\u00e4rkte, Szenen und Subkulturen, das MultiKulti-hafte und das gewisse Metropolen-Feeling: ja, hier bin ich im Mittelpunkt der Welt, am Puls der Zeit, in der Hauptstadt Berlin. In Berlin leben ist dazu noch diametral anders als etwa das Leben in M\u00fcnchen. M\u00fcnchen steht f\u00fcr den erfolgreichen und satten Mainstream und die Bl\u00fcten, die er hervorbringt, Berlin f\u00fcr die Br\u00fcche, das Unstimmige, das 1000-fach gespaltene und zersplitterte der (Post-)Moderne.<\/p>\n<p>In Berlin ist das &#8222;anything goes&#8220; Normalit\u00e4t, nicht nur im positiv-spielerischen, sondern in jedem denkbaren Sinne. Berlin ist alles andere als aufger\u00e4umt und ordentlich, keine schmucke Normalit\u00e4t legt die Gem\u00fctshaltung nahe, da\u00df doch irgendwie alles in Ordnung sei, im Gegenteil. Und damit hat Berlin eine gewisse Wahrheit, denn unser Leben in den &#8222;entwickelten&#8220; Industriel\u00e4ndern ist tats\u00e4chlich eine Wahnsinnsveranstaltung &#8211; auch wenn \u00d6ko heute &#8222;out&#8220; ist. Ein Leben im Dienste der Wirtschaft, des UMZU, des Zweckrationalen, des Konkurrenzkampfs, das jede Menge M\u00fcll erzeugt, au\u00dfen wie innen.<\/p>\n<p>Jedem einzelnen bleibt aber die M\u00f6glichkeit, das Leben als eigenes zu erkennen und zu fragen: Was will ich? Was macht mir Freude? Was w\u00fcrde ich tun, wenn ich mal davon absehe, da\u00df dies und jenes mich zu zwingen scheint? Ich frage mich das seit langem jeden Tag. Und immer ist da der Wunsch nach Erde, nach Pflanzen, Tieren, Wasser, Wind und Wetter &#8211; nicht nur im Urlaub, sondern JEDEN TAG. Und ab Juli werde ich (dem Netz sei Dank!) wirklich mitten drin leben &#8211; sofern ich nicht vorher einen Unfall habe, toi toi toi. :-) <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist es seit einer Woche sicher, da\u00df ich nach Mecklenburg ins Schlo\u00df Gottesgabe ziehe (siehe 26.4.). Seltsamerweise kommt nicht die geringste Wehmut auf, kein Abschiedsschmerz, keine traurigen Gedanken angesichts dessen, was ich alles verlasse. Als ich innerlich zum Umzug &#8222;ja&#8220; gesagt hatte, erlebte ich eine Welle dieser Wehmut und dachte, das sei der Anfang [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[895],"tags":[836,898,897,33],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4023"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4023"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4023\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}