{"id":4017,"date":"1999-04-19T12:10:08","date_gmt":"1999-04-19T10:10:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4017"},"modified":"2023-12-03T12:11:58","modified_gmt":"2023-12-03T11:11:58","slug":"wie-entsteht-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/04\/19\/wie-entsteht-krieg\/","title":{"rendered":"Wie entsteht Krieg?"},"content":{"rendered":"<p>Wie entsteht Krieg? Angesichts der Greuel, die mehr und mehr in diesem Kosovo-Konflikt zu Tage treten, frage ich mich immer wieder fassungslos: Wie kann es soweit kommen? Auch Klaus Brandstetter schreibt gerade in AndererSites dar\u00fcber und stellt fest: wir leben noch immer alle mit der Keule in der Hand. Und: Auch Wettbewerb ist Krieg, offene Konkurrenz, heute mehr und mehr in Wildwestmanier ausgetragen &#8211; nur fliesst dabei kein Blut.<!--more--><\/p>\n<p>Hat es einen Sinn, sich zu fragen, ganz individuell, welche Alternativen es zum Krieg gibt? Kann denn das Individuelle da \u00fcberhaupt irgend eine Wirkung haben? Ich wei\u00df es nicht und ich wei\u00df auch nicht, wie man &#8211; ganz individuell &#8211; in Frieden lebt.<\/p>\n<p>Es gibt immerhin die Stadt, die im Gegensatz zum Land eine Anonymit\u00e4t garantiert, die friedliches Nebeneinander erm\u00f6glicht. Man ist nicht abh\u00e4ngig voneinaner, es ist ein Friede in Ignoranz. Immerhin besser als die Lage auf dem Land, wo in jedem Dorf 1000 Fettn\u00e4pfchen lauern, in die der Zugezogene treten kann, weil er um die tiefen Konflikte der Anwohner nicht wei\u00df.<\/p>\n<p>Krieg &#8211; ganz einfach betrachtet &#8211; gibt es als Kampf um Ressourcen: Wasser, Land, Besitz, und ihr Abstraktum Geld und Macht. Wenn die Verteilung der G\u00fcter zu ungleich ist, gibt es \u00c4rger, das ist nachvollziehbar. Und wenn es zu wenig gibt, hebt ein Hauen und Stechen an: Lebenserhaltungstrieb in Aktion.<\/p>\n<p>Neben diesen nachvollziehbaren Formen existiert allerdings noch etwas anderes: das Unverm\u00f6gen, bzw. den Unwillen, den Anderen anders sein zu lassen. Solange man ihn ignorieren kann, und sei es als Nachbar im selben Haus, kein Problem. Mu\u00df oder will man sich aber mit ihm auseinandersetzen, dann wird die Anderheit unertr\u00e4glich. Das Anderssein des Anderen stellt uns n\u00e4mlich selbst in Frage.<\/p>\n<p>Dabei ist es sogar unerheblich, ob wir uns als besser oder schlechter emfinden, eine Sortierung, die bereits unbewu\u00dft, praktisch automatisch abl\u00e4uft. Leute, die ich sch\u00e4tze, k\u00f6nnen stundenlang dar\u00fcber reden oder Seite um Seite vollschreiben, wie dumm, unvollkommen, unf\u00e4hig, mangelhaft entwickelt, r\u00fcckst\u00e4ndig oder sonstwie verbort &#8222;die anderen&#8220; sind. Ob es nun das allgemeine &#8222;man&#8220;, die Gesellschaft, die Zielgruppe, die Bekannten und Verwandten, die Lebenspartner oder die lese-unwilligen Surfer sind, spielt keine Rolle. Wir m\u00fcssen offenbar leben, umgeben von Idioten!<\/p>\n<p>Hinter dieser Haltung steht ein Leiden, eine Entt\u00e4uschung (sie sind nicht so, wie ich sie mir w\u00fcnsche) und hinter dem Leiden das Verlangen nach Anerkennung (sie sollen mich sehen, mich verstehen und sch\u00e4tzen, wie ich bin!). Ja, im tiefsten Grunde lebt ein immer vorhandenes Verlangen nach dem Anderen, eine Bed\u00fcrftigkeit, die erst endet, wenn wir aufh\u00f6ren, Menschen zu sein.<\/p>\n<p>Diese Bed\u00fcrftigkeit sollte eigentlich zu Liebe werden und nicht zu Ha\u00df und Ablehnung. Wie k\u00f6nnte das gehen? Ich wei\u00df dar\u00fcber nicht viel, aber ich vermute, es setzt voraus, die eigenen Gef\u00fchle ernst zu nehmen. Hinter die eigene Ablehnung zu schauen und die Angst oder die Bed\u00fcrftigkeit zu sehen, sie auszuhalten. Mir tut es weh, wenn mich jemand ablehnt. Ich werde dann traurig und f\u00fchle mich als ein wertloses Nichts &#8211; WENN ich es nicht vorziehe, das garnicht erst aufkommen zu lassen, sondern statt dessen zum Angriff \u00fcberzugehen, und sei es nur f\u00fcr mich, im eigenen Kopf und Herzen: Was f\u00fcr ein Idiot der doch ist! Denkt, er w\u00e4r was besseres! Dabei braucht man doch bloss mal hinsehen, da und da und da&#8230;usw. und so immer gleich.<\/p>\n<p>Es gab Momente in meinem Leben, da fiel diese allgemein verbreitete Grundhaltung von mir ab, diese verteidigungsbereite Hab-Acht-Stellung, dieses Eingemauertsein, in dem emotional die gro\u00dfe Langeweile herrscht &#8211; man ist ja so gut abgesichert in seinen Gewohnheiten und Denkweisen, im eigenen st\u00e4hlernen Geh\u00e4use.<\/p>\n<p>In diesen Momenten gab es nicht den Schimmer eines Ressentiments, nicht das geringste Empfinden von &#8222;besser&#8220; oder &#8222;schlechter&#8220;, ich hatte einzig und allein Kontakt zu dieser Ebene des Anderen, auf der jeder Sehnsucht hat und verletzlich ist, was immer an der Oberfl\u00e4che gerade im t\u00e4glichen Theater aufgef\u00fchrt wird &#8211; ach, ich versuche lieber nicht weiter, es zu beschreiben, es ist unbeschreiblich. Da\u00df es \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, l\u00e4\u00dft jedenfalls hoffen, da\u00df Friede m\u00f6glich ist und nicht nur ein Gedanke. Aber ein paar 1000 Jahre wird es wohl noch dauern&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie entsteht Krieg? Angesichts der Greuel, die mehr und mehr in diesem Kosovo-Konflikt zu Tage treten, frage ich mich immer wieder fassungslos: Wie kann es soweit kommen? Auch Klaus Brandstetter schreibt gerade in AndererSites dar\u00fcber und stellt fest: wir leben noch immer alle mit der Keule in der Hand. 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