{"id":4015,"date":"1999-04-14T11:58:06","date_gmt":"1999-04-14T09:58:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4015"},"modified":"2023-12-03T12:07:03","modified_gmt":"2023-12-03T11:07:03","slug":"prekaere-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/04\/14\/prekaere-arbeit\/","title":{"rendered":"Prek\u00e4re Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Ach, ich bin so gl\u00fccklich, da\u00df ich zwei Auftr\u00e4ge abgeschlossen habe, die mich in letzter Zeit recht intensiv besch\u00e4ftigt haben. Die <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/> trans-mission-WebSite ist schon online, die Druckwerkstatt Ilmoro wartet noch auf den letzten Segen &#8211; ich zeig&#8216; sie dann auch. Endlich wieder ein klein wenig mehr Zeit f\u00fcr dies&amp;das! So hab&#8216; ich heute auf Surferwunsch die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/home.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Home-Logo-Ausstellun<\/a>g wieder in mein Cyberzine Missing Link gestellt &#8211; irgerndwie sind sie putzig, diese Bildchen, wenn man sie mal alle nebeneinander stellt! Fr\u00fcher hatte ja jede Website ein Home-Logo &#8211; heute sind sie zumindest im professionellen Bereich out, durch komplexe Navigationsysteme und schicke Men\u00fcleisten ersetzt. Aber auf einer privaten Homepage sind sie immer noch nett, find ich.<\/p>\n<h2>Selbst\u00e4ndige Arbeit<\/h2>\n<p>Anja schrieb mir zum <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/04\/02\/freudige-arbeit-braucht-eigeninitative\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eintrag vom 2.4.<\/a>, in dem ich &#8211; zugegeben &#8211; stark ins Schw\u00e4rmen geraten war, einen nachdenklich-kritischen Leserbrief \u00fcber das selbst\u00e4ndige Arbeiten. <\/p>\n<blockquote><p>Liebe Claudia,<\/p>\n<p>zuf\u00e4llig auf deine Seiten gesto\u00dfen, hab ich mich in deinem Diary festgelesen. Ich wollte dir nur kurz zu deinen Gedanken am 2.4. schreiben, wo du \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge zwischen Arbeiten und Leben schreibst. Ich kann das alles sehr gut nachvollziehen, habe aber das Gef\u00fchl, da\u00df du die Selbst\u00e4ndigkeit ein wenig zu sehr glorifizierst. Es ist sch\u00f6n, wenn du f\u00fcr DICH darin einen zufriedenstellenden Weg gefunden hast, aber das f\u00fcr die Allgemeinheit als erstrebenswert hinzustellen, halte ich f\u00fcr \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig. Du hast ja selbst erkannt, da\u00df das Freiberuflertum viel Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit verlangt. Somit ist es f\u00fcr mich ein \u00e4u\u00dferst privilegiertes Arbeiten, denn ich glaube nicht, da\u00df man diese eigene Initative und Verantwortlichkeit allen Menschen abverlangen kann. Da\u00df es so etwas wie K\u00fcndigungsprozesse (also -fristen) gibt, hat schlie\u00dflich seinen guten Grund AUCH im Interesse der Arbeitnehmer. Und was soll so erstrebenswert daran sein, sich selbst zu versichern?<\/p>\n<p>Ich glaube auch nicht, da\u00df Projektarbeit generell machbar ist, so sehr ich selbst mich auch als Projektarbeiterin einsch\u00e4tze. &#8222;Sich je nach Laune zu mehr oder weniger Projekten zusammenschlie\u00dfen&#8220; w\u00e4re ja sch\u00f6n und recht, wenn da nicht tausend Kleinigkeiten und Sachzw\u00e4nge usw w\u00e4ren, die jeweils ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Nach Sekret\u00e4rinnen- und Datentypistinnenjob war ich einige Monate als freiberufliche Redakteurin t\u00e4tig und stehe im Moment am Anfang einer Umschulung zur Mediengestalterin. Nebenberuflich arbeite ich als Schriftsetzerin in einem kleinen, sich links zuordnendem Stadtmagazin, in dem niemand angestellt ist. Folge dort: 1\/3 der Leute ist GAR NICHT krankenversichert, rund die H\u00e4lfte zahlt keine Steuern (machen erst gar keine Steuererkl\u00e4rung), auch Leute, die schon jahrelang dabei sind, bekommen keinen h\u00f6heren Lohn usw. Alles in allem ziemlich schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Inzwischen mu\u00dfte auch ich begreifen lernen: Es gibt viele Leute, die in einem Angestelltenjob stecken, den ich wegen der \u00d6dnis kein halbes Jahr ertragen w\u00fcrde, den die Betroffenen selbst aber als einigerma\u00dfen zufriedenstellend empfinden. Es gibt viele, die gar nicht &#8222;frei&#8220; arbeiten wollen. Und die, die es wollen, k\u00f6nnen es ja tun. Ich pers\u00f6nlich brauche wohl irgendwas dazwischen. So ganz mit freier Zeiteinteilung und nur von zuhause aus (teilweise mach ich das noch als Schreiberline) w\u00e4re nichts f\u00fcr mich &#8211; weil ich KollegInnen brauche. Menschen, denen auff\u00e4llt, wenn ich mal einen Tag nicht da bin. Menschen, die ich t\u00e4glich sehe.<\/p>\n<p>Die Fragen, die ich viel spannender finde bei den Zusammenh\u00e4ngen Leben und Arbeiten sind Fragen um Teilzeitarbeit, um das Aufteilen zwischen gewinnorientierter und sozialer Arbeit, um geschlechterspezifisches Arbeiten und generell um eine gerechtere Verteilung der Arbeit. Da gibt es noch unheimlich viel zu tun, und es wird noch viel Umdenken n\u00f6tig sein.<\/p>\n<p>Ansonsten weiterhin viel Spa\u00df bei der Arbeit ;-),<br \/>\nliebe Gr\u00fcsse<br \/>\nAnja<\/p><\/blockquote>\n<p>Eigene Initative und Verantwortlichkeit k\u00f6nne man nicht allen Menschen abverlangen, sagt Anja. Nein, nicht von allen, ALLE ist ein gro\u00dfes Wort, das habe ich nicht gemeint. Arbeitende und Arbeitssuchende sind sowieso immer eine Minderheit, absolut gesehen. Und es gibt Menschen, die in dieser &#8222;hochzivilisierten&#8220; technisch und b\u00fcrokratisch verregelten Welt nicht zurecht kommen. Sie sollte man nicht mit bl\u00f6den &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; bel\u00e4stigen, in denen sie Dinge lernen, die sie mit Sicherheit niemals f\u00fcr sich nutzen werden. Hier w\u00e4re eher die Arbeit mit Menschen, mit der Umwelt, soziale und ehrenamtliche Arbeit zu f\u00f6rdern. Aber: unter den 4,3 Millionen Arbeitslosen sind sicher ein paar Hunderttausende, die vom Herkommen, ihren Vorjobs und ihren vorhanden F\u00e4higkeiten durchaus in der Lage sind, sich weiterzubilden und etwas &#8222;f\u00fcr sich&#8220; anzufangen. Und auch die, die in ihren langweiligen Mobbing-Jobs st\u00f6hnen, k\u00f6nnten verschiedentlich durchaus etwas \u00e4ndern, wenn sie ihre hochgesteckten Sicherheitsbed\u00fcrfnisse zur\u00fcckstecken w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Den Fehler seh ich da auch nicht nur bei den Einzelnen, sondern er ist strukturell angelegt: diese ganzen &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; zielen darauf, Leute wieder in Angestelltenverh\u00e4ltnisse zu bringen, es wird nicht gleichzeitig die Selbst\u00e4ndigkeit gelehrt. Denn daran hat das Arbeitsamt ja nicht viel Interesse, die zahlen als Selbst\u00e4ndige ja keine Beitr\u00e4ge mehr!<\/p>\n<p>Arbeit bei Stadtteilzeitungen und \u00e4hnlichen Inititativen, bei denen Anja die mangelnde Absicherung kritisiert, rechne ich garnicht &#8222;richtig&#8220; zum ersten Arbeitsmarkt. Solche T\u00e4tigkeiten &#8211; ich war selbst jahrelang auf diese Art aktiv &#8211; sind eher B\u00fcrgerinitiative als Gesch\u00e4ft: wo soll da das Geld herkommen, um die immensen Arbeitskosten normaler Angestelltenverh\u00e4ltnisse zu bezahlen? <\/p>\n<p>Ich habe auch mal erlebt, wie es ist, wenn eine solche &#8222;Ini&#8220; \u00f6ffentliche Mittel bekommt und auf einmal paradisische Verh\u00e4ltnisse ausbrechen: Der ganze Elan war weg, es ging nur noch um &#8222;Verl\u00e4ngerung&#8220;, Antr\u00e4ge schreiben, wer ist dabei und wer nicht, niemand wollte mehr einen Handschlag umsonst tun&#8230; Wenn es eine richtig n\u00f6tige Sozialarbeit ist, dann ist es in Ordnung, zu institutionalisieren. Ansonsten finde ich das &#8222;prek\u00e4re&#8220; Arbeiten echt nicht schlecht, zumindest nicht in jungen Jahren. Abgesehen davon, da\u00df die Arbeitsfelder selbstgesucht und gesellschaftlich spannend sind, lernt man jede Menge. Oft genau das, was n\u00f6tig ist: die F\u00e4higkeit und den Willen, sich selbst durchzuwursteln, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Dieses Anklagen und Forderungen aufstellen, das in DE so verbreitet ist, kann ja nicht alles sein. Schon garnicht, wo heute jeder wei\u00df, da\u00df beim Staat einfach immer weniger zu holen ist &#8211; egal, wer regiert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, ich bin so gl\u00fccklich, da\u00df ich zwei Auftr\u00e4ge abgeschlossen habe, die mich in letzter Zeit recht intensiv besch\u00e4ftigt haben. Die trans-mission-WebSite ist schon online, die Druckwerkstatt Ilmoro wartet noch auf den letzten Segen &#8211; ich zeig&#8216; sie dann auch. Endlich wieder ein klein wenig mehr Zeit f\u00fcr dies&amp;das! 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