{"id":4008,"date":"1999-03-19T11:38:58","date_gmt":"1999-03-19T10:38:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4008"},"modified":"2023-12-03T11:45:32","modified_gmt":"2023-12-03T10:45:32","slug":"vom-leben-als-freiberufler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/03\/19\/vom-leben-als-freiberufler\/","title":{"rendered":"Vom Leben als Freiberufler"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Zum Thema &#8222;Helfen&#8220; vom 15.3. sind Mails gekommen, deshalb hab&#8216; ich die Rubrik <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/leserbriefe-per-email-im-jahr-1999\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Briefe&#8220;<\/a> eingef\u00fchrt &#8211; mir ist das lieber als ein G\u00e4stebuch, denn das wirkt immer irgendwie automatenhaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Es ist Freitag, das Wochenende naht. Als Freibruflerin mu\u00dfte ich erst lange \u00fcben, wieder eine gewisse Rhytmik in mein Leben zu bringen. Schlie\u00dflich ist es recht egal, wann ich meine Webseiten gestalte, meine Mails schreibe, meine Bilder bearbeite oder an Texten sitze. Der einzige Unterschied ist, da\u00df die L\u00e4den zu sind, wenn ich Sonntags die Wohnung verlasse.<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Immer hatte ich mir gew\u00fcnscht, da\u00df es keinen Unterschied geben m\u00f6ge zwischen &#8222;leben&#8220; und &#8222;arbeiten&#8220; &#8211; und allermeist ist es mir gelungen, auf diese Weise meine Br\u00f6tchen zu verdienen. Ein 9to5-Job war das letzte, was ich mir vorstellen mochte und faktisch hab&#8216; ich auch insgesamt nur zwei Jahre so gearbeitet: ange-stellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Es ist angenehmer, selbst\u00e4ndig zu sein, selbst-zu-stehen. Allerdings nur, wenn man sich nicht mitten in der Selbst\u00e4ndigkeit zum Angestellten der Vorstellungen anderer machen l\u00e4\u00dft: der Banken, der Existenzgr\u00fcndungsberater, der Steuerberater und Anw\u00e4lte. Wie viele reiben sich darin auf, ihre Business-Pl\u00e4ne umzusetzen, Antr\u00e4ge zu schreiben, Organisatorisches von der Geldbeschaffung \u00fcber die kaufm\u00e4nnische Abwicklung bis zur Akquise zu betreiben! Alles Dinge, die mit der eigentlichen Arbeit nichts mehr zu tun haben. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">F\u00fcr &#8222;Unternehmen&#8220; ist das normal: der Unternehmer <i>unternimmt<\/i>, wenn er den Namen verdient. Er soll garnicht an der Sache arbeiten, sondern an der Firma. F\u00fcr die inhaltliche Arbeit stellt er andere an, Arbeit-Nehmer. Letztlich bedeutet das: ein Unternehmer darf nicht allzu sehr an der Sache selbst interessiert sein, sondern mu\u00df am Gewinn, am Wachstum, am Erfolg seine Freude haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Vor 12 Jahren hatte ich die Kneipe in meiner Stra\u00dfe \u00fcbernommen, ein Kiez-Lokal, in dem ich lange schon Stammgast gewesen war. Es hatte sich so ergeben, weil wir w\u00e4hrend der Hausbesetzungen in Berlin eine Option auf den Mietvertrag &#8222;herausverhandelt&#8220; hatten, im Tausch gegen die friedliche R\u00e4umung eines Besetzercaf\u00e9s, das wir im Stil &#8222;legal, illegal, schei\u00dfegal&#8220; betrieben hatten. Ich hatte nicht daran gedacht, da\u00df die Sache sich ein paar Jahre sp\u00e4ter wirklich realisieren k\u00f6nnte, doch kam es wirklich so: eine Brauerei-freie Kneipe, kostenlos, niedrige Miete, vollsaniert &#8211; wer mag da schon nein sagen, wissend, dass viele f\u00fcr sowas hundertausend und mehr zahlen? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Vom &#8222;wir&#8220; waren mittlerweile nur mein Freund Thomas und ich \u00fcbrig geblieben, doch wir packten die Sache in noch immer jugendlichem Leichtsinn an. Und schon binnen eines halben Jahres war mir all meine vorherige Freude an diesem Lokal vergangen! Ich konnte es nie wieder SO erleben, wie ich es als Gast erlebt hatte und ich lernte, da\u00df &#8222;Wirtin&#8220; nicht mein Wunschjob ist, ja, weit entfernt davon! Ich hatte auch keine Lust mehr, irgendwo anders Gast zu sein, da ich jetzt automatisch darauf achtete, wie oft der Aschenbecher geleert wurde oder wie sauber die Gl\u00e4ser waren, wie die Bel\u00fcftung funktionierte und dergleichen Wirtsbetrachtungen mehr. Ein Flop das Ganze und nach 10 Monaten hat es mir gereicht!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Freiberufler sein ist das Beste: frei seiner Berufung nachgehen! Da kann die Berufung ruhig \u00f6fter wechseln, sich ver\u00e4ndern, ja, sogar L\u00fccken k\u00f6nnen auftreten, wenn sich einfach nichts zeigt, wozu man sich berufen f\u00fchlt. Alles ist m\u00f6glich, wenn man nur f\u00fcr sich selbst Verantwortzung tr\u00e4gt, sogar eine schlichte Pause. Frei bin ich nicht dort, wo ich alles tun, sondern da, wo ich es auch wieder LASSEN kann, ohne da\u00df meine Welt einf\u00e4llt. Je mehr Verbindlichkeiten ich eingehe, sei es durch B\u00fcros mieten, Kredite nehmen oder Leute anstellen, desto mehr entferne ich mich von dem, was mir Freude macht und baue mir stattdessen einen mehr oder weniger komfortablen K\u00e4fig. Eine Illusion, zu glauben, man werde daf\u00fcr durch Geld oder Macht, Ruhm oder Ehre entsch\u00e4digt! Denn das sind alles nur Gedanken, Worte und Zahlen auf Medien und Kontoausz\u00fcgen, die gerade mal ein kurzes psychisches Highlight bieten, wenn sie GANZ NEU sind. Ansonsten sind sie nichts als &#8222;another brick in the wall&#8220;.<br \/>\n<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Thema &#8222;Helfen&#8220; vom 15.3. sind Mails gekommen, deshalb hab&#8216; ich die Rubrik &#8222;Briefe&#8220; eingef\u00fchrt &#8211; mir ist das lieber als ein G\u00e4stebuch, denn das wirkt immer irgendwie automatenhaft. Es ist Freitag, das Wochenende naht. 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