{"id":4007,"date":"1999-03-15T11:35:45","date_gmt":"1999-03-15T10:35:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4007"},"modified":"2023-12-03T11:38:48","modified_gmt":"2023-12-03T10:38:48","slug":"helfen-wollen-floppt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/03\/15\/helfen-wollen-floppt\/","title":{"rendered":"\u201eHelfen wollen\u201c floppt"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Helfen funktioniert nicht. Sobald etwas explizit als &#8222;helfen&#8220; begriffen wird, ist Hilfe schon nicht mehr m\u00f6glich. Man hat sich schon vom Schauplatz der Realit\u00e4t, wie sie gerade ist, verabschiedet und sich einem Konzept zugewendet. Man ist jetzt damit besch\u00e4ftigt, das Konzept auszuf\u00fcllen und sich zu fragen, was alles dazugeh\u00f6rt. Man beginnt, es innerlich zu diskutieren, es mit Werten abzuklopfen, seine \u00e4u\u00dferen Bedingungen und das gesellschafltiche Umfeld zu reflektieren. Vielleicht h\u00e4ngt man sich ab und zu gar innerlich einen Orden an &#8211; immerhin ertr\u00e4gt man ja einiges, um dem Konzept zu entsprechen! Mehrfach gebrochene Gem\u00fcter sch\u00e4men sich daf\u00fcr dann noch &#8211; kurzum: f\u00fcr die Sache, das vermeintliche &#8222;Problem des Anderen&#8220; bleibt kaum Aufmerksamkeit und noch weniger Interesse. L\u00f6st sich so ein dingfest gemachtes Problem dann doch mal im Lauf der Zeit, wird allenfalls ein Erfolg im Bereich &#8222;Helfen&#8220; verbucht, einer, der f\u00fcr viele Mi\u00dferfolge entsch\u00e4digen mu\u00df. Jetzt geht es darum, keine Dankbarkeit zu erwarten und falls doch, sich daf\u00fcr wieder angemessen zu sch\u00e4men. Auch Stolz kann aufkommen, ein ebenso \u00fcbel beleumundetes Gef\u00fchl. Doch hinter alle dem steht das Wissen, da\u00df die Hilfe entweder keine war &#8211; oder wenn doch, nicht unser Verdienst!<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Gestandene Helfer lassen es nicht so weit kommen, dieser Tatsache ins Gesicht zu sehen. Sie ertrinken lieber im Helfen, sp\u00e4ter dann oft auch im Alkohol.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Was l\u00e4uft da falsch? Soweit ich es sehe, liegt es darin begr\u00fcndet, dass in dem Moment, indem ich explizit etwas &#8222;zur Hilfe&#8220; tue (ich meine damit nicht so etwas handfestes wie die Pflege eines kranken Kindes), damit aufh\u00f6re, mir selbst zu helfen. Ich schalte mich (vermeintlich) aus und versuche, die Rolle des Helfenden gut zu bestehen &#8211; was immer hier &#8222;gut&#8220; gerade bedeuten mag. Ich urteile \u00fcber den anderen und seine Situation, dar\u00fcber, was er wollen kann und hoffen darf, sch\u00e4tze seine Chancen und M\u00f6glichkeiten ab, seine Energien und Erkenntniskr\u00e4fte ein, kurz: ich stehe dar\u00fcber, \u00dcBER dem anderen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Sensible Gem\u00fcter meiden deshalb das Helfen lieber ganz &#8211; doch ist das auch keine L\u00f6sung (und droht jederzeit zur Maske f\u00fcr Hartherzigkeit oder Ignoranz zu gerinnen). Das &#8222;Gef\u00e4lle&#8220; zwischen Helfer und Hilfsbed\u00fcrftigem w\u00e4re ja vielleicht durch eventuelle Erfolge zu rechtfertigen. Wir regen uns auch nicht auf, da\u00df einer gr\u00f6\u00dfer ist, wenn wir gerade jemanden brauchen, der vom obersten Regalbrett etwas herunterholt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Das Problem ist, da\u00df ich beim Helfen in all seinen Varianten vom anderen verlangen mu\u00df, seine Situation zu ver\u00e4ndern. Ich versuche, zu motivieren! Mit all meinen Ratschl\u00e4gen und Ver\u00e4nderungsempfehlungen lege ich ihm nahe, etwas neues zu versuchen, in Gebiete aufzubrechen, die dem &#8222;Hilfsbed\u00fcrftigen&#8220; vielleicht bisher verschlossen, bedrohlich oder zumindest fremd vorkommen. Ich erwarte, da\u00df er sich aufrafft, einen Schritt ins Unbekannte tut &#8211; in das <b>f\u00fcr den Anderen<\/b> Unbekannte! (Schlie\u00dflich kann ich nur in Angelegenheiten &#8218;helfen&#8216;, die ich zu \u00fcberblicken glaube). <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Doch w\u00e4hrend ich rate und helfe, Probleme analysiere oder wegdefiniere, Stimmung statt Problemtalk ausprobiere, tue ich alles m\u00f6gliche, nur eines nicht: in mein eigenes Unbekanntes aufbrechen, etwas f\u00fcr mich Neues versuchen, bedrohliche oder unheimliche Erfahrungen riskieren, etwas Fremdes aushalten. Das Konzept &#8222;Helfen&#8220; enthebt mich dieser Notwendigkeit, gibt mir eine feste Rolle und verl\u00e4\u00dflichen Schutz vor dem Augenblick. Es l\u00e4\u00dft mich &#8222;von mir absehen&#8220; und bietet daf\u00fcr auch noch respektabelste Rechtfertigungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Und dann sitze ich halt da und rede dar\u00fcber, was n\u00f6tig w\u00e4re. <\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helfen funktioniert nicht. Sobald etwas explizit als &#8222;helfen&#8220; begriffen wird, ist Hilfe schon nicht mehr m\u00f6glich. Man hat sich schon vom Schauplatz der Realit\u00e4t, wie sie gerade ist, verabschiedet und sich einem Konzept zugewendet. Man ist jetzt damit besch\u00e4ftigt, das Konzept auszuf\u00fcllen und sich zu fragen, was alles dazugeh\u00f6rt. 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