{"id":4004,"date":"1999-03-07T11:28:52","date_gmt":"1999-03-07T10:28:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4004"},"modified":"2023-12-03T12:22:43","modified_gmt":"2023-12-03T11:22:43","slug":"keine-zeit-fuers-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/03\/07\/keine-zeit-fuers-land\/","title":{"rendered":"Keine Zeit f\u00fcrs Land"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Beim Spaziergang in der Hasenheide treffe ich meinen alten Freund Hans. Er sitzt mit zwei seiner drei Kinder an einem Tisch vor dem Imbi\u00df im Stil der 50ger, den es seltsamerweise in der Hasenheide unver\u00e4ndert gibt. Eine lustige nierentischf\u00f6rmige \u00dcberdachung auf S\u00e4ulen, darunter und davor Klapptische, so viele, wie gerade gebraucht werden, alles ein bi\u00dfchen schmuddlig. Kein Investor hat hier je versucht, ein RICHTIGES Caf\u00e9 aufzumachen, und das ist gut so, denn so, wie es jetzt ist, ist der &#8222;Point&#8220; f\u00fcr alle gesellschaftlichen Schichten besuchbar. Penner und Studienr\u00e4te f\u00fchlen sich hier gleicherma\u00dfen wohl und st\u00f6ren sich nicht mal aneinander. <\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Mit Hans bin ich &#8217;79 nach Berlin gekommen, doch schon nach einem dreiviertel Jahr zogen wir auseinander. Wir sind beide schon \u00f6fter umgezogen, er sogar mal in eine andere Stadt. Doch jetzt wohnt er mit Familie im Haus neben mir, gro\u00dfe Wohnung, immerhin Balkon. Aber trotzdem: angesichts seines Spitzenjobs, Manager in einem mittelst\u00e4ndischen Betrieb, frag ich ihn mal wieder, ob er eine Datscha hat oder wenigstens plant, sich eine anzuschaffen. Da ich nun doch nicht aufs Land ziehe, frag&#8216; ich mich n\u00e4mlich, wie ich mit meiner Sehnsucht nach Erde und Pflanzen umgehen soll, ohne in die Pampa zu m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> &#8222;Keine Zeit&#8220;, sagt er. Und: &#8222;Ich dachte lange, ich brauch ein Landhaus &#8211; aber WANN soll ich denn dahin?&#8220; Ganz umziehen k\u00e4me nicht in Frage, alle Bekannten und Freunde, die ES GEWAGT h\u00e4tten, seien mittlerweile reuig zur\u00fcckgekehrt. Oder sie s\u00e4\u00dfen auf v\u00f6llig unverk\u00e4uflichen H\u00e4usern und w\u00e4ren todungl\u00fccklich. &#8222;Tja, der Mitmensch ist halt das Problem auf dem Land&#8220;, sag ich und er nickt. &#8222;Die Kittelsch\u00fcrze von nebenan&#8220;, grinst er, dann mu\u00df er sich wieder den Kids widmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Es ist wahr: alle Landmenschen, die ich kenne, sind damit besch\u00e4ftigt, Konflikte mit ihren Nachbarn auszutragen. Man kann dem offenbar nicht entgehen, denn selbst wer &#8222;garnichts tut&#8220;, ist in einem Dorf schon gleich angeeckt. Und wer etwas tut, z.B. H\u00fchner halten, einen Gartenzaun aufrichten oder was auch immer, hat mit denen zu k\u00e4mpfen, denen er damit ins Gehege kommt &#8211; und sei es nur das Gehege ihrer festgef\u00fcgten Vorstellungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> In der Anonymit\u00e4t der Stadt leiden zwar viele unter Einsamkeit und Isolation &#8211; aber ich vermute, vier Wochen in einem kleinen Dorf (als Anwohner, nicht als Tourist!) w\u00fcrden gen\u00fcgen, um die heftige Sehsucht zu wecken, endlich wieder \u00fcbersehen, ignoriert, von niemandem auf der Stra\u00dfe gekannt zu werden.<br \/>\n<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Spaziergang in der Hasenheide treffe ich meinen alten Freund Hans. Er sitzt mit zwei seiner drei Kinder an einem Tisch vor dem Imbi\u00df im Stil der 50ger, den es seltsamerweise in der Hasenheide unver\u00e4ndert gibt. 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