{"id":4003,"date":"1999-03-06T11:22:29","date_gmt":"1999-03-06T10:22:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4003"},"modified":"2023-12-03T11:28:36","modified_gmt":"2023-12-03T10:28:36","slug":"beschleunigte-filmwelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/03\/06\/beschleunigte-filmwelten\/","title":{"rendered":"Beschleunigte Filmwelten"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Einen ganzen Tag dem PC ferngeblieben. Nicht, um hinauszugehen, dazu war das Wetter zu regnerisch, nein, mit Freude bin ich versunken in einen Krimi von Elizabeth George <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/>, die ich k\u00fcrzlich entdeckte. Sie ist zwar Amerikanerin, doch gilt ihre Liebe England, wo die meisten ihrer Geschichten spielen. Ich mag ihre Art, in die Seelen der Menschen zu blicken, wo niemals alles nur schwarz oder weiss ist. Dazu ist es wie Urlaub, mich von einer solchen Geschichte f\u00fcr Stunden, manchmal einen ganzen Tag oder eine Nacht, g\u00e4nzlich verschlucken zu lassen. <\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Abends dann auch noch Fernsehen! Samstags ist es besonders idiotisch, den Einschaltknopt zu benutzen. Doch sp\u00e4t kam ein Film mit Yves Monteau (Aktion Ikarus), der das zusehen lohnte. Nicht so sehr wegen der Story (engagierter Staatsanwalt k\u00e4mpft gegen den Geheimdienst, letztlich wird er erschossen), sondern wegen der Filmtechnik, die in diesem vielleicht 15 Jahre alten Film so ganz anders ist als das, was wir heute vom TV gewohnt sind. Alles was geschieht, wird hier auch gezeigt. Z.B. das wiederholte (!) Zur\u00fcckspulen und Abspielen eines Tonbandger\u00e4ts, das aufwendige Knacken eines Safes und die Wege von hier nach dort, die von den Personen zur\u00fcckgelegt werden. Aufz\u00fcge, die vom 1. in den 14. Stock fahren, mu\u00df der Zuschauer geduldig anhand der Leuchtanzeige verfolgen &#8211; alles ist in einer Weise ausf\u00fchrlich zu sehen, da\u00df man st\u00e4ndig leichte Ungeduld empfindet: ich wei\u00df doch jetzt, was kommt, warum zeigen sie das noch?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Ein heutiger Fernseh- oder Kinofilm ist verglichen damit eine schnelle Abfolge von Highlights. Ereignisse, Abl\u00e4ufe, alles, was Zeit kostet, wird lediglich mittels eines Minimums an schnellen Schnitten angedeutet &#8211; sobald wir erkannt haben, was Sache ist, folgt schon der n\u00e4chste, m\u00f6glichst \u00fcberraschende oder sonstwie spektakul\u00e4re Eindruck. Der Film versucht, mit der Geschwindigkeit von Gedanken mitzuhalten &#8211; w\u00e4hrend die alten Filme noch an die Zeit der sinnlichen Wahrnehmung gebunden waren. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Die Beschleunigung wirkt erst einmal angenehm: keine &#8222;L\u00e4ngen&#8220; mehr, die Ereignisse kommen Schlag auf Schlag, so da\u00df wir gerade noch folgen k\u00f6nnen (\u00c4ltere k\u00f6nnen das immer weniger&#8230;). Es gibt keine Zeiten mehr, in denen der Blick l\u00e4nger auf etwas verweilt &#8211; diese Zeit, die fr\u00fcher zwangsl\u00e4ufig dazu genutzt wurde, um einem &#8218;Vertiefungsgedanken&#8216;, einer pers\u00f6nlichen Assoziation Raum zu geben, ist verschwunden. Sie bot immer auch die M\u00f6glichkeit &#8211; aus der Sicht der Filmemacher die &#8218;Gefahr&#8216; &#8211; , aus der aktuellen Traumwelt der Bilder zu erwachen und sich f\u00fcr ein anderes Tun zu entscheiden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Die Filme von heute halten das Band der Aufmerksamkeit so straff gespannt wie m\u00f6glich: keinen Augenblick sollen wir zur Besinnung kommen, kein Moment soll f\u00fcr die Selbstwahrnehmung \u00fcbrig bleiben &#8211; und wir genie\u00dfen das auch, es ist Unterhaltung, eine Art Kurzurlaub vom mehr oder weniger sinnvoll-im-Leben-stehen-m\u00fcssen. Allerdings: wer sich viel in der TV- und Filmwelt aufh\u00e4lt, bemerkt die Abstumpfung, die das Hochgeschwindigkeits-Video mit sich bringt. Steigerungen sind nicht endlos m\u00f6glich: wenn einmal alles in schnellsten Bildern von schreienden Menschen, supervertonten Zweik\u00e4mpfen, rasenden Autos, Schie\u00dfereien, schleimigen Monstern und Explosionen ohne Ende zusammenf\u00e4llt, beginnt irgendwann das gro\u00dfe G\u00e4hnen. Eine Langeweile, gegen die im Film kein Kraut mehr gewachsen ist. Man kann sich nur noch abwenden und &#8211; sofern das &#8222;Real Life&#8220; noch immer nicht verlockt &#8211; ein anderes Medium benutzen: das Buch, das mir die Lesegeschwindigkeit \u00fcberl\u00e4\u00dft, oder das Web, wo ich sowohl die Geschwindigkeit als auch die Inhalte in jedem Moment selber w\u00e4hle. Webseiten, deren Macher versuchen, durch bewegte Filmsequenzen (Flash, DHTML etc.) eine TV-Anmutung zu erzeugen, gehen so gesehen einen Weg in die Medien-Vergangenheit. Ich vermute, es ist ein falscher Weg. <\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen ganzen Tag dem PC ferngeblieben. 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