{"id":4001,"date":"1999-03-04T15:41:40","date_gmt":"1999-03-04T14:41:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4001"},"modified":"2023-12-03T11:21:18","modified_gmt":"2023-12-03T10:21:18","slug":"auf-bildersuche-und-im-musikladen-gelandet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/03\/04\/auf-bildersuche-und-im-musikladen-gelandet\/","title":{"rendered":"Am Bahnhof Zoo:  Bildersuche, Musikladen, Leonard Cohen"},"content":{"rendered":"<p>Heute war ich am Bahnhof, den ich sonst nur aufsuche, wenn ich verreise. Es sind bei guter Verkehrslage 20 Minuten Autofahrt vom Chamissokiez bis zum Zoo &#8211; Ich fahre selten und genie\u00dfe die kurze Spanne dieser Art Allein-sein, wie man sie nur im Auto erlebt. Dazu kommt, da\u00df ich nur hier Radio h\u00f6re. Auch jetzt schalte ich ein und suche einen Sender, aus dem nicht diese aufgekratzen Schnellsprecher t\u00f6nen. Nicht immer einfach, heute jedenfalls finde ich nichts und gebe den Versuch auf.<!--more--><\/p>\n<p>Es ist ein aufgeladener bald-richtig-Fr\u00fchling-Tag, wolkig, ab und zu ein heftiger Windsto\u00df (den ich nat\u00fcrlich erst nach dem Aussteigen bemerke), dazwischen Sonnenstrahlen. Ich parke den Wagen auf dem Parkplatz und zahle Unsummen f\u00fcr zwei Stunden. Der Zeitungsladen ist mein Ziel, denn ich will Hochglanzmagazine ansehen, kein bestimmtes, sondern eine Menge. Vor allem solche, die sich an &#8222;F\u00fchrungskr\u00e4fte&#8220; als Zielgruppe wenden. Was wohl da f\u00fcr Bilderwelten zu sehen sind? Ich suche Inspiration f\u00fcr eine Website, f\u00fcr die ich den Auftrag habe, aber noch keine Gestaltungsidee.<\/p>\n<p>Ein Flop, die Magazine! In den Texten ist \u00fcberall die Rede davon, da\u00df der Unternehmer, der Selbst\u00e4ndige, die F\u00fchrungskraft und zu allervorderst der Manager sich in vieler Hinsicht \u00e4ndern m\u00fcsse &#8211; ja, er soll seinen Mitarbeitern sogar LUST an der Arbeit vermitteln. Aber die Bilder! Immer wieder diesselben Anzugtypen, die sich seit 40 Jahren kaum ver\u00e4ndert haben. Ob man wirklich LUST empfinden kann in so einem Anzug?<\/p>\n<p>Egal, ich suche ja Bilder &#8211; und finde sie nicht. F\u00fchrungskr\u00e4fte sind offenbar fern von konkreter \u00c4sthetik, geradezu ber\u00fchrungs\u00e4ngstlich. Weder erlaubt sich so ein Magazin ein irgendwie bemerkenswertes Layout, noch scheint es viele Produkte f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte zu geben, die ihre eigenen \u00e4sthetischen Welten mitbringen.\u00a0 B\u00fcrofassaden, Spiegel, Alu, Glas, schwarzer Marmor und technische Ger\u00e4te fallen mir ein. Dazwischen ab und an eine grosse pflegeleichte Gr\u00fcnpflanze. Ach je, wie sollen die Leute sich da trauen, an irgendetwas Lust zu haben?<\/p>\n<p>Unverrichteter Dinge geh ich aus dem Laden. Nichts hat mich angesprochen, auch nicht der kurze Blick auf ganz andere Themen: Tauchen, Tanzen, Surfen, Fit werden&#8230; Zwar ist mir jetzt klar, da\u00df ich Managern, die sich \u00e4ndern wollen, nicht mit demselben optischen Code kommen kann, den sie \u00fcberall gezeigt bekommen. Andrerseits sind sie Fachkr\u00e4fte f\u00fcrs Allgemeine, die sich offensichtlich ihrem Job zuliebe weitgehend der Konkretisierungen enthalten. Wo es dauernd um gro\u00dfe Summen, Verantwortung und Macht geht, verzichtet man wohl eher darauf, ein gr\u00fcnes Hemd oder Hight-Tech-Turnschuhe zu tragen, einer bestimmten Musikrichtung den Vorzug zu geben oder f\u00fcr t\u00fcrkische Teppiche zu schw\u00e4rmen. K\u00f6nnte ja sein, da\u00df jemand genau das garnicht mag! Selbstverwirklichung w\u00e4re hier einfach zu teuer, denk ich mir und verstehe.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gesuchte Gestaltungsidee hilft das Verst\u00e4ndnis leider nicht weiter, vielleicht besser, ganz auf Bilder verzichten und mehr graphisch drangehen&#8230;<\/p>\n<h2>Im Musikladen<\/h2>\n<p>Weil die Atmosph\u00e4re so anregend ist, laufe ich noch ein St\u00fcck. Ein Musikladen ist da dr\u00fcben und spontan gehe ich rein. Auch ein hochseltener Besuch, denn musikm\u00e4\u00dfig lebe ich in einer W\u00fcste, merke normalerweise noch nicht einmal, da\u00df mir etwas fehlt. Wenn ich mich zur\u00fcckerinnere, wann ich damit aufh\u00f6rte, Musik in meinem Leben zu haben (aufnehmen, h\u00f6ren, sich gegenseitig vorspielen&#8230;.), fallen mit die 80er ein: Neue deutsche Welle, das war so ungef\u00e4hr das letzte, was mich auf die alte Art begeistert hatte. Allerdings wurde ich in dieser Zeit in verschiedenen besetzten H\u00e4usern so ausgiebig von anderen beschallt, da\u00df ich im eigenen Zimmer als erholsamen Kontrast h\u00f6chstm\u00f6gliche Ruhe einf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Seither zehre ich von den Best\u00e4nden, wenn ich \u00fcberhaupt mal die Gelegenheit zum Musikh\u00f6ren habe. Das letzte Musikequipment hab&#8216; ich n\u00e4mlich vor ein paar Jahren bei einer Aufr\u00e4umaktion entsorgt, unter dem Motto &#8222;alles &#8218;raus, was ich nicht nutze!&#8220;. Doch jetzt, da ich mit dem PC auch CDs abspielen kann, gibt es zumindest beil\u00e4ufig auch diese M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Aber was kaufen? Nur die alten Namen sagen mir etwas, doch das allermeiste davon will ich nicht unbedingt wieder h\u00f6ren. Und bei vielen St\u00fccken, die mir im Prinzip noch immer gefallen, str\u00e4ubt sich mir alles, sie auf irgendeiner der 10.000 Sampler-CDs zu kaufen. Es ist alles so zu-tode-vermarktet, da\u00df sogar ich es mitbekommen habe, trotz Unaufmerksamkeit bez\u00fcglich des allgemeinen Musiklebens. Und irgendwann sch\u00e4mt man sich, man sch\u00e4mt sich, weil diese Musik einmal Bedeutung hatte, sie war mehr als Ware und ein guter Audio-Event.<\/p>\n<p>Schliesslich erf\u00fclle ich mir einen Wunsch, den ich schon einige Jahre hege, soweit ich \u00fcberhaupt an Musik denke: die alten Platten von Leonard Cohen!<\/p>\n<p>Und jetzt sitze ich also hier seit heute mittag um 3 und h\u00f6re diese Scheiben (immerhin sind es noch SCHEIBEN), die mich schon vor 25 bis 30 Jahren auf eine Weise ber\u00fchrt haben, wie keine andere Musik: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hs5hOhI4pEE&amp;list=RDQM_2Bi_prKz2s&amp;start_radio=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Songs from a room<\/a>,\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3f0ADuVJhYQ&amp;list=PLcVjm5TixIzv_P9XK5gYOMiWVNsmfFwVH\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Songs of Love and Hate<\/a>,\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jKosiPw-85k&amp;list=OLAK5uy_mzOdHoYrhzTL1NN5qNMMFIdOk39CCHOqY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">New Skin for the Old Ceremony<\/a>. Und es hat sich nichts ge\u00e4ndert, in diesem Punkt nicht. Anscheinend trifft Cohen mit diesen alten Songs bei mir eine Grundstimmung, bzw. ein ganzes Essemble, eine Art Gef\u00fchlsweb. Gerade h\u00f6re ich &#8222;You know how I am&#8220; &#8211; und da f\u00e4llt mir doch etwas auf, was sich ge\u00e4ndert hat. Es hei\u00dft im Refrain:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;You know who I am, you&#8217;ve stared at the sun, well, I am the one who loves changing from nothing to one&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie bin ich doch auf diesen Satz abgefahren! Wie alle Jungen f\u00fchlte ich mich vielf\u00e4ltig als Nichts und Niemand, unterlegen oder ausgeliefert und gab mir alle M\u00fche, das zu ver\u00e4ndern, wenn nicht wenigstens zu verbergen. Da traf dieser Satz genau ins Schwarze.<br \/>\nEr stimmt aber nur f\u00fcr die erste H\u00e4lfte des Lebens: Vom Namenlosen zum Namen kommen, vom Nichts zum Etwas, vom niemand zum jemand werden, das ist nur die halbe Miete (wie die Berliner sagen). Im Rest der Zeit &#8211; den ich pl\u00f6tzlich, irgendwann Mitte drei\u00dfig als solchen erkannte, geht es darum, die EINS wieder loszuwerden, wieder in Richtung Null zu tendieren, den Namen wieder los zu werden. Nicht aus irgendwelchen honorigen Gr\u00fcnden, sondern weil es keine Freude macht, in einem Gef\u00e4ngnis, in einer festen Form alt zu werden. Eine solche Form, eine PERS\u00d6NLICHKEIT, h\u00e4uft soviele Automatismen an, da\u00df kaum mehr Freiheit \u00fcbrig bleibt. (Wer dazu noch das Pech hat, irgendwie bekannt zu sein, findet nur noch schwer die T\u00fcr raus aus dem gem\u00fctlichen Elend.) Jede Verwirklichung ist eben der Tod unendlich vieler M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>So manche Zeile der Cohen-Songs verstehe ich heute anders, mit den Texten verbinden sich hier und da gewandelte Bedeutungen &#8211; doch die Wirkung der Musik, der Stimme, ist genau diesselbe, der Gef\u00fchlseindruck unver\u00e4ndert. Wie eigenartig!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute war ich am Bahnhof, den ich sonst nur aufsuche, wenn ich verreise. Es sind bei guter Verkehrslage 20 Minuten Autofahrt vom Chamissokiez bis zum Zoo &#8211; Ich fahre selten und genie\u00dfe die kurze Spanne dieser Art Allein-sein, wie man sie nur im Auto erlebt. Dazu kommt, da\u00df ich nur hier Radio h\u00f6re. 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