{"id":40,"date":"2006-12-26T11:38:25","date_gmt":"2006-12-26T09:38:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/12\/26\/weihnachten-2006-einfach-so-herumlungern\/"},"modified":"2006-12-27T10:26:11","modified_gmt":"2006-12-27T08:26:11","slug":"weihnachten-2006-einfach-so-herumlungern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/12\/26\/weihnachten-2006-einfach-so-herumlungern\/","title":{"rendered":"Weihnachten 2006: Einfach so herumlungern"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der dritte Tag ohne jede Struktur. Keine Termine, keine Telefonate, keine E-Mails, die mich zum Reagieren zwingen. Ich sitze mit dem ersten Milchkaffee vor dem Monitor,  schaue nach links aus dem Fenster und sehe den Nebel, der alle Konturen milchig wei\u00df verschwimmen l\u00e4sst. Weihnachten hat die kollektive Aufmerksamkeit komplett auf sich gezogen und mich braucht es dazu nicht. Ich bewohne die entstandene Leere und f\u00fclle sie auch selber nicht mit Sinn: kein Abarbeiten anstehender Aufgaben, kein Eintauchen in einen kreativen Schub, nicht mal ein Wellness-Programm mit  ich-tu-mir-jetzt-was-Gutes-Vors\u00e4tzen. Die Zeit vergeht und ich nutze sie nicht. Wie lange ist es eigentlich her, dass ich das mal so erlebt habe? Ich wei\u00df es nicht.<!--more--><\/p>\n<p>Gestern Mittag dachte ich daran, mich mit einem Freund, der ebenfalls Weihnachten alleine verbringt, f\u00fcr den Abend zu verabreden. Vielleicht essen gehen, danach <a href=\"http:\/\/www.angelaufen.de\/filme\/vorwochen\/die_filmstarts_vom_21_dezember_2006\/lichter_der_vorstadt\">der neue Kaurism\u00e4ki-Film<\/a>, dann noch ein bisschen plaudern \u00fcber Gott und die Welt.  Aber der Charme der Leere  hielt mich ab: lieber nichts veranstalten, lieber weiter nur so herumlungern ohne jede Notwendigkeit, auch nur den Mund aufzumachen.<\/p>\n<p>Das <a href=\"http:\/\/www.haus-der-stille.de\/hdsb_flash.html\">&#8222;Haus der Stille&#8220;<\/a> veranstaltet Schweige-Seminare, las ich gestern in einem Stadtmagazin. Nach einer Einf\u00fchrung wird tagelang geschwiegen, kein TV, kein Internet, kein Telefon, kein schreiben oder lesen. F\u00fcr Hardcore-Fans gibt&#8217;s das auch in Kombination mit Fasten. Eine beeindruckende Erfahrung, sagt der Veranstalter, man wird auf einer tiefen Ebene mit sich selbst konfrontiert und f\u00fcr manche ist das wirklich hart. Das glaube ich gern, doch was ist dieses &#8222;Selbst&#8220;, das dann jenseits aller Ablenkungen aufscheint?  Was ist ein  Supermarkt ohne Waren und ohne Kunden? Ist das noch der Supermarkt? Ist eine Wohnung ohne M\u00f6bel und Bewohner noch Wohnung? Welche &#8222;nackte Wahrheit&#8220;, welche &#8222;Essenz&#8220; soll sich da zeigen?? Ist das, was da erlebt wird, nicht vielmehr blo\u00dfe Reaktion auf das spektakul\u00e4re Fehlen von allem??<\/p>\n<p>Immer \u00f6fter bin ich der Spektakel m\u00fcde. Das Leben als ununterbrochene Abfolge von Veranstaltungen, in denen wir <a href=\"http:\/\/www.schweikhardt.net\/wider-die-sinnmacher.html\">&#8222;Sinn machen&#8220;<\/a> geht mir manchmal einfach auf den Senkel. Fr\u00fcher glaubte ich, das Gl\u00fcck l\u00e4ge darin, selbst Veranstalterin zu sein und sein eigenes Ding zu machen, doch das ist nur eine relative Wahrheit. Ich kann mich selbst genauso gut, ja heftiger stressen als irgend ein Arbeit- oder Auftraggeber es je k\u00f6nnte. In der Leere, in der ich mich gerade aufhalte, merke ich, wie zwanghaft &#8222;arbeitss\u00fcchtig&#8220; ich normalerweise bin. Einfach mal nichts tun kommt nicht in Betracht: ich arbeite an den ToDo-Listen, erledige dazwischen das Allern\u00f6tigste im Haushalt und kaufe auf die Schnelle ein. Nahtlos geht Berufliches und Privates ineinander \u00fcber, denn auch abends bastle ich an Webseiten, schreibe E-Mails und <a href=\"http:\/\/wwwboard.is-fun.net\/servlet\/JBoardServlet?board=sugatasforum&#038;template=boardentry&#038;ID=1095&#038;var_parentmail=claudia%40nospam.de&#038;var_ID=1095&#038;var_subject=spirituelle+Erfahrung+%2F+Irrungen+%2B+Wirrungen\">Forenbeitr\u00e4ge<\/a>, wechsle mal vor den Fernseher, um die Nachrichten vom Rest der Welt  mitzubekommen, kehre zur\u00fcck, um noch etwas zu erledigen, koche mir dazwischen was, sinke schlie\u00dflich m\u00fcde ins Bett, zappe noch ein wenig durch die Kan\u00e4le oder nicke \u00fcber einem Zeitungsartikel ein.  Ein Gegengewicht sind die Wochenenden, an denen ich den Liebsten empfange und ebenso regelm\u00e4\u00dfig einen alten Freund besuche: zwischenmenschliche Veranstaltungen, die ich sehr liebe, die aber ebenso aktive Inszenierungen sind wie diejenigen aus der Welt der Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Kleine Fluchten<\/strong><\/p>\n<p>Mein Unbewusstes hat so seine Tricks entwickelt, mir Freir\u00e4ume in diesem terminierten Leben zu verschaffen: wenn ich die ToDo-Liste weitgehend abgearbeitet habe und noch EINE SACHE ansteht, die ich unbedingt erledigen muss, schiebe ich diese letzte Arbeit gerne vor mir her. Ganz egal, ob es eine geliebte oder ungeliebte Arbeit ist, ich z\u00f6gere es hinaus und lungere derweil einfach nur herum:  mal in alle Mail-Accounts gucken, ein Blick in die Diskussionslisten, vielleicht <a href=\"http:\/\/wwwboard.is-fun.net\/servlet\/JBoardServlet?board=sugatasforum&#038;template=boardentry&#038;ID=1140&#038;var_parentmail=klinger%40nospam.de&#038;var_ID=1140\">einen Beitrag schreiben<\/a>, wenn ein interessantes Thema meine Aufmerksamkeit bindet.  Ein bisschen zielloses Surfen, ich folge den Links, die das Web als Verf\u00fchrung ins Sinnfreie \u00fcberall bereit h\u00e4lt, oder probiere mal \u00b4was Technisches aus, installiere irgend ein neues Feature oder recherchiere eine Frage, die in einem Gespr\u00e4ch offen geblieben war. Alles mit dem Gef\u00fchl gestohlener Zeit, im Hintergrund murmelt das schlechte Gewissen leise aber un\u00fcberh\u00f6rbar: Du solltest jetzt aber&#8230; &#8211; doch ich stelle mich taub und lasse mich weiter ablenken so lange es nur eben geht.<\/p>\n<p>Warum mache ich das so? Es w\u00e4re doch viel sinnvoller, die Arbeit gleich zu erledigen und dann RICHTIG frei zu haben! Tja, das ist wohl wahr, doch wei\u00df mein Unbewusstes ganz genau, dass mir dann, wenn ich FERTIG bin, die n\u00e4chsten Vorhaben einfallen. Schlie\u00dflich bin ich keine Arbeitnehmerin, die ihren verordneten Feierabend genie\u00dft, sondern eine selbstst\u00e4ndige Kreative, die immer ein paar Projekte in petto hat, an denen weiter gearbeitet werden kann. Und die stehen dann fordernd auf der Matte, wenn ich mit den Pflichten durch bin. Das &#8222;Sinn machen&#8220; w\u00fcrde nahtlos weiter gehen, deshalb stellt mir das UBW ein Bein und ich verfalle &#8211; im Grunde gerne &#8211;  ins Rumlungern zur falschen Zeit.<\/p>\n<p>Kann ich daran etwas \u00e4ndern? Na klar, alleine das Beobachten dieses Verhaltens, das dr\u00fcber Reden und Schreiben \u00e4ndert es schon, zumindest kenne ich das so von anderen Macken, die ich an mir selbst beobachtete und die dann nach und nach verschwanden.<\/p>\n<p>Drei Tage ohne diesen selbst gemachten Stress sind mir jedenfalls ein wundervolles Weihnachtsgeschenk. Zwar ist da mein Jahreswechselkurs mit zehn schreibfreudigen Teilnehmern, und auch im <a href=\"http:\/\/www.wellness-blog.de\/\">Wellness-Blog<\/a> muss &#8222;Christiane Bach&#8220;  weiter schreiben, doch kann ich den Ausnahmezustand, den ich empfinde, in diese Aktivit\u00e4ten gut einflie\u00dfen lassen.<br \/>\nVielleicht schaffe ich es ja im neuen Jahr, mir bewusst gesetzte Freir\u00e4ume zu schaffen &#8211; sie also &#8222;zu veranstalten&#8220;, weil es anders nun mal nicht geht.<\/p>\n<p>Der Nebel beginnt, sich zu lichten, es wird heller. Vielleicht gehe ich nachher noch raus und lasse die F\u00fc\u00dfe entscheiden, wohin es gehen soll.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der dritte Tag ohne jede Struktur. Keine Termine, keine Telefonate, keine E-Mails, die mich zum Reagieren zwingen. Ich sitze mit dem ersten Milchkaffee vor dem Monitor, schaue nach links aus dem Fenster und sehe den Nebel, der alle Konturen milchig wei\u00df verschwimmen l\u00e4sst. 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