{"id":3999,"date":"1999-03-03T15:34:02","date_gmt":"1999-03-03T14:34:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3999"},"modified":"2023-12-02T15:38:24","modified_gmt":"2023-12-02T14:38:24","slug":"ein-besuch-in-der-psychatrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/03\/03\/ein-besuch-in-der-psychatrie\/","title":{"rendered":"Ein Besuch in der Psychatrie"},"content":{"rendered":"<p>Ein Besuch in der Psychatrie im Kreuzberger Urbankrankenhaus ist eine Reise in eine fremde Welt. Das Krankenhaus ist schon optisch eine Beleidingung. Einer dieser typischen Betonkl\u00f6tze der 70er Jahre, die von weitem alle wie Parkh\u00e4user aussehen und im Lauf der Zeit die Farbe schmutzigen Schnees annehmen. Doch in den &#8222;Neubau&#8220; mu\u00df ich ja nicht, die Psychatrie ist im Altbau, Gr\u00fcnderzeitbauten, freundlich verklinkert, jedes maximal zwei Stockwerke hoch.<!--more--><\/p>\n<p>Ein k\u00fchler Krankenhausflur, rechts und links kleine R\u00e4ume, Zweibettzimmer sind Luxus und es gibt nur ein Einzelzimmer, f\u00fcr die &#8222;ganz schweren F\u00e4lle&#8220;, wie meine Freundin, wegen der ich hier bin, mir erl\u00e4utert. \u00dcberall h\u00e4ngen die Werke aus der Besch\u00e4ftigungstherapie an den W\u00e4nden, der Aufenthaltsraum f\u00fcr Raucher ist doppelt so gro\u00df wie der f\u00fcr Nichtraucher. Wir sitzen alleine im Raucherraum, es ist nicht viel los auf der &#8222;Offenen&#8220;, die Leute nehmen ihre Kurstermine war oder verlassen die Klinik &#8211; man hat hier f\u00fcnf Stunden Ausgang pro Tag. Ein Telefon f\u00fcr die Patienten gibt es nicht, sie m\u00fcssen schon an die Zelle gehen, eine Telefonkarte dabeihaben &#8211; Selbst\u00e4ndigkeit ist angesagt auf der &#8222;Offenen&#8220;.<\/p>\n<p>Als ich vor einer Woche die &#8222;Geschlossene&#8220; erlebte, war es wie das Eintauchen in eine sch\u00fctzende Geb\u00e4rmutter. Der Flur etwas dunkler, doch \u00fcberall vor den Zimmern Tische, die Kranken an den Tischen sitzend, Brettspiele spielend, Besuch empfangend, auf dem Flur hin und herlaufend &#8211; oder auch telefonierend am Apparat, der an der Wand h\u00e4ngt, zur freien Verf\u00fcgung f\u00fcr alle. Ab und zu freundliche Menschen in Dienstkleidung, die die Aschenbecher leeren, allerlei Tischm\u00fcll bereitwillig entsorgen und immer freundlich fragen, ob man etwas w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Hinzu kommt eine Anmutung von Ausnahmezustand, Dauerparty: alles kann geschehen, schlie\u00dflich ist hier Psychatrie und die Wirklichkeit ist nicht so festgef\u00fcgt, wie sie f\u00fcr &#8222;Gesunde&#8220; scheint. Eine Griechin, die ich auf Mitte 50 sch\u00e4tze, geht in einer schief-verzogenen Schr\u00e4ghaltung durch den Gang und macht von Zeit zu Zeit an einem der Tische halt, streichelt einen der dort Sitzenden &#8211; auch mich geht sie an, ich sage &#8222;hallo!&#8220; und l\u00e4chle und fasse sie kurz an &#8211; wei\u00df aber nicht so recht, ob das ok ist. Sie kommt noch \u00f6fter, lebt \u00fcberall ihre Anfa\u00dflust aus und alle nehmen es gelassen. &#8222;Sie kann aber auch agressiv werden&#8220;, warnt mich die Freundin, doch das \u00e4ndert nichts daran, da\u00df ich die ganze Sache hier angenehm locker finde. Ein Ort, daf\u00fcr gemacht, sich v\u00f6llig fallen zu lassen. Schade, da\u00df man erst einen Selbstmordversuch machen muss, um in so einen Rraum zu komme!<\/p>\n<p>Zum Abendessen &#8211; ab 16.45! &#8211; ziehen wir in den Nichtraucherraum um, eine junge Frau setzt sich zu uns, ein Gespr\u00e4ch beginnt. Die beiden reden \u00fcber ihre Psychosen, ihre &#8222;Suizidversuche&#8220; und ihre Medikamente. Offenbar haben diese Medikamente neben den Nebenwirkungen auch Wirkungen, sagen sie. Beide sind sie Psychopharmaka-Gegnerinnen und blicken auf eine lange Geschichte der Verweigerungen zur\u00fcck. Doch jetzt, dieses Mal, sind sie froh, da\u00df die Tabletten wirken. Man mu\u00df sie nur lange genug nehmen, bemerkt die Fremde am Tisch, die hier ist, weil sie aus dem f\u00fcnften Stock springen wollte. Liebeskummer, Beziehungsdrama, genau wie bei meiner Freundin: Wenn die Welt nicht so ist, wie ich sie mir w\u00fcnsche, dann mu\u00df ich eben gehen&#8230;.<\/p>\n<p>Die Wirkung der Medikamente ist deutlich zu sehen. Nicht nur in den starren, aber ruhigen K\u00f6rperhaltungen &#8211; auch die Augen sehen mich an, auf die gleiche Weise wie mitten im psychotischen Schub oder auf Droge. Dieser tief dringende Blick, so bedeutungsvoll, als wolle sie auf den tiefsten Grund der Seele blicken &#8211; dabei erz\u00e4hlt sie, w\u00e4hrend sie mich so ansieht, von der Fr\u00fchgymnastik.<\/p>\n<h2>Vom Leiden nicht absehen k\u00f6nnen<\/h2>\n<p>Was ist Psychose? Soweit ich es zu verstehen meine, weigert sich etwas in mir, es Krankheit zu nennen. Ich erlebe Psychose bei meiner Freundin als eine Unf\u00e4higkeit, sich vom Leiden abzuwenden, wenn es unertr\u00e4glich wird, verbunden mit der UNWILLIGKEIT, das auf nicht destruktive Weise auch nur zu versuchen. Dieses Festkleben am Elend, am Leid, am Problem &#8211; im Grunde ein Zug, den unsere ganze Gesellschaft teilt und in dem ein Punkt erreicht werden kann, wo es keine Wahl mehr gibt. Das nennt man dann Krankheit. Ganz \u00e4hnlich, wie beim Alkohol: trinken ist normal, aber wenn jemand nicht mehr aufh\u00f6ren kann, dann leidet er an Alkoholimus, ist &#8222;unheilbar krank&#8220;.<\/p>\n<p>Doch an der Psychose ist noch mehr dran. Wenn mir etwas oder jemand derart zusetzt, da\u00df ich beginne, daran &#8222;kaputt zu gehen&#8220;, dann gibt es in mir eine Instanz, die sagt: &#8222;Vergi\u00df es, schick ihn zum Teufel, ordne Deine Werte neu, setze dich selbst an die oberste Stelle, la\u00df die ganze Sache los und sieh, wie du weiter kommst. ALLES ist besser als DAS, was dich derart leiden macht!&#8220; Diese Instanz, ein Ego, das hauts\u00e4chlich am \u00dcberleben und am eigenen Nutzen interessiert ist, scheint bei Psychotikern nicht zu funktionieren. Es verliert sich statt dessen in den Emotionen, im Ha\u00df, in der Angst, im Verlangen nach Rache. Nach au\u00dfen mag so jemand extrem egozentrisch wirken, keine anderen mehr wahrnehmend, sondern nur noch die eigenen d\u00fcsteren Gedankenlabyrinthe beschreitend. Vom gew\u00f6hnlichen Egoismus ist das jedoch meilenweit entfernt.<\/p>\n<p>Es scheint keine Therapie f\u00fcr die Psychose zu geben, deren Bezeichnung sich daf\u00fcr im Lauf der Jahre wandelt: mal diagnostiziert man Schizophrenie, mal Borderline Syndrom, mal psychotischen Schub. Immer gibt es Medikamente und Angebote, sich zu besch\u00e4ftigen &#8211; auch k\u00f6rperlich und kreativ. Nach und nach kommt es zur &#8222;Stabilisierung&#8220;, die genau so lange anh\u00e4lt, bis wieder ein entsprechender Leidensberg aufget\u00fcrmt ist.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg sehe ich den Himmel, ein spektakul\u00e4res Schauspiel heute abend, wundersam verwirbelte Wolken, blauer Himmel, ein Abendrot, da\u00df die Wolken in allen Farben zwischen wei\u00df, gelb, rot, orange, rosa, violett leuchten l\u00e4\u00dft. Und da hinten dunkelgrau-drohend das n\u00e4chste Regengebiet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Besuch in der Psychatrie im Kreuzberger Urbankrankenhaus ist eine Reise in eine fremde Welt. Das Krankenhaus ist schon optisch eine Beleidingung. Einer dieser typischen Betonkl\u00f6tze der 70er Jahre, die von weitem alle wie Parkh\u00e4user aussehen und im Lauf der Zeit die Farbe schmutzigen Schnees annehmen. Doch in den &#8222;Neubau&#8220; mu\u00df ich ja nicht, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148],"tags":[869,870],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3999"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3999"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3999\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}