{"id":3998,"date":"2000-08-01T13:49:32","date_gmt":"2000-08-01T11:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3998"},"modified":"2023-12-02T15:10:42","modified_gmt":"2023-12-02T14:10:42","slug":"die-farbe-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/01\/die-farbe-der-angst\/","title":{"rendered":"Die Farbe der Angst"},"content":{"rendered":"<p>Im Forum schrieb Andreas K. zum Stichwort &#8222;Schwarze Stimmung&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Claudia, ist es m\u00f6glich, da\u00df Du wie ich unter einer ganz speziellen Angst leidest &#8211; der Angst vor dem (vorerst relativen) Alter? Ich &#8222;ertappte&#8220; Dich in Deinen Artikeln jetzt schon zum zweiten Male bei Formulierungen, die mich zu dieser Annahme verleiten, und ich f\u00fcrchte, da haben wir etwas gemeinsam &#8211; ich habe etwas Angst vor dem Ende der Jugend.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie ein dummes Computerprogramm w\u00fcrde ich jetzt gerne zur\u00fcckfragen: &#8222;Sind Sie sicher?&#8220; Woher kommt die Anmutung, vor so etwas abstraktem wie dem ALTER, bzw. dem &#8222;Ende der Jugend&#8220; Angst zu haben?<br \/>\nMit meinen 46 Jahren weiss ich, dass die Jugend lange hinter mir liegt, einerseits. Andrerseits empfinde ich sowas wie &#8222;Alter&#8220; nicht, es ist nur ein Wort, eine Vorstellung, eine \u00dcberschrift unter der wir alles sammeln, was uns im Blick auf konkrete alte Menschen schrecklich erscheint: Krankheit, Pflegebed\u00fcrftigkeit, H\u00e4\u00dflichkeit, Schwachheit, Verbitterung, Senilit\u00e4t.<br \/>\nEs wirkt arrogant und unglaubw\u00fcrdig, zu sagen: Ich habe keine Angst vor dem Alter. Und jedes Mal, wenn ich mir die Frage stellte und diese Antwort vernahm, glaubte ich mir selber nicht so recht, fast sp\u00fcrte ich eine gesellschaftliche Pflicht, Angst vor dem Alter zu haben und der allgemein auf jeden Sockel gestellten JUGEND nachzutrauern.<\/p>\n<p>Was ich wirklich f\u00fchle, hat mit alledem wenig zu tun. Das, was in mir denkt und beobachtet, hat sowieso kein Alter. Es ver\u00e4ndert sich zwar st\u00e4ndig, was die Inhalte angeht, doch ist es als Beobachterfunktion, als reines Bewu\u00dftsein, immer gleich. Was sich ver\u00e4ndert ist K\u00f6rper und Psyche. Der K\u00f6rper regeneriert sich langsamer, nicht mehr jeder Exzess ist ihm zuzumuten: Wenn ich mich heute betrinke, leide ich die zwei folgenden Tage an den k\u00f6rperlichen und psychischen Nachwirkungen &#8211; besser also, ich lasse es. Das f\u00e4llt umso leichter, als ich in diesem Leben vom Alkohol wirklich alles gehabt habe, was man von einer Droge mitnehmen und lernen kann. Auch viele andere hab&#8216; ich ausprobiert, jedem Geheimnis und jedem Versprechen bin ich nachgegangen, nicht nur, was Drogen angeht.<\/p>\n<p>In jungen Jahren suchte ich das &#8222;Heil&#8220; oder auch die &#8222;blaue Blume&#8220; bei den M\u00e4nnern, in der Sexualit\u00e4t. Danach war einige Jahre Politik dran, ich wollte die Welt retten, mindestens. Dabei erschlo\u00df sich mir erstmalig die Welt der Arbeit, die mir vorher so langweilig erschienen war. Ich arbeitete ohne Pause und war gl\u00fccklich, meine F\u00e4higkeiten zu entdecken und anzuwenden, anzuwenden in Angelegenheiten, die f\u00fcr mich Sinn machten. Im nachhinein hat sich vieles davon als gro\u00dfe Dummheit, als Illusion, als blosses Schuften aus Ehrgeiz und Geltungsbed\u00fcrfnis herausgestellt, aber darauf kommt es nicht an. Sondern darauf, seinem jeweiligen D\u00e4mon zu folgen.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren nun ist da kein D\u00e4mon mehr, ein seltsames Gef\u00fchl, richtig gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. 1995\/96 hat mich nochmal kurz der Internet-Hype ergriffen: Ein &#8222;neues Land der Freiheit&#8220; schien es zu erschlie\u00dfen, weil die Zw\u00e4nge und H\u00e4rten des Alltags in den Netzen noch keinen Eingang gefunden hatten. Es gab eine neue Spielwiese und die Menschen waren entsprechend nett zueinander. Die Desillusionierung, die bald schon folgte, war &#8211; verglichen mit den anderen Desillusionierungen in meinem Leben &#8211; relativ locker wegzustecken. Und so langsam &#8211; endlich! &#8211; erlebe ich mich als in der Realit\u00e4t angekommen. Ich k\u00f6nnte das auch als Prozess des Alterns darstellen: Vorstellungen, W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume zeigen sich als das, was sie sind: Vorstellungen, W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume. Eine geistige Automatik, die durch Verwirklichungen niemals zufrieden gestellt wird, sondern immer neue Vorstellungen erzeugt. Das zu sehen bedeutet, nicht mehr automatenhaft in Begeisterung f\u00fcr dieses oder jenes Ziel oder Vorhaben zu verfallen &#8211; aber auch nicht mehr in Furcht und Schrecken.<\/p>\n<p>Mit zwanzig hab&#8216; ich engagiert Schach gespielt. (Es war mir ernst, denn im Grunde k\u00e4mpfte ich f\u00fcr mein Geschlecht, so als eine von ganzen zwei Frauen in der &#8222;Regionalliga S\u00fcd&#8220;.) Bei jedem Zug des Gegners denkt man: WAS DROHT? und nimmt dann diese Drohung vorweg, stellt sich darauf ein &#8211; und je rationaler man das tut, desto effektiver und erfolgreicher ist es. Dies vom Schach auf das Leben \u00fcbertragend fragte ich mich ab da immer: Was droht? Und stellte mich dann weitestm\u00f6glich auf das Worst-Case-Szenario ein, um m\u00f6glichst frei von diffusen \u00c4ngsten agieren zu k\u00f6nnen. Einen Beziehungskonflikt vom Zaun brechen? Warum nicht, wenn man f\u00e4hig und bereit ist, auch alleine zu leben. Im Gesch\u00e4ftsleben einen Prozess riskieren? Warum nicht, im schlimmsten Fall droht der Verlust aller Verm\u00f6genswerte und Einkommen &#8211; na und? An der eidesstattlichen Versicherung ist noch niemand gestorben.<\/p>\n<p>Das Sterben allerdings wird auch Bill Gates nicht verschonen. Und so hat alles bewu\u00dfte Leben AUCH die Farbe der Angst. Das Alter schreckt mich nicht, denn immer werde ich bei mir sein und nichts zwingt mich, zu denken, dass mein Alter genauso sein wird wie das meiner geistig und k\u00f6rperlich unbeweglich im Sessel sitzenden verstorbenen Gro\u00dfmutter (schon das Alter meiner Eltern war\/ist erheblich besser!). Ich genie\u00dfe das \u00c4lter-werden von Tag zu Tag mehr: nicht mehr von Ehrgeiz zerfressen, nicht mehr voller Furcht, irgendwo nicht &#8222;anzukommen&#8220;, nicht mehr &#8222;cool&#8220; sein m\u00fcssen, ja, wozu denn? Allermeist f\u00fchle ich mich gelassen und entspannt und wenn etwas dieses Gef\u00fchl st\u00f6rt, scanne ich aus alter Gewohnheit meine Realit\u00e4t mit der Frage: Was droht? Wo ist der Feind?<\/p>\n<p>Seit Jahren lebe und arbeite ich selbst\u00e4ndig &#8211; und zwar NICHT mit dem Ziel, m\u00f6glichst viele Auftr\u00e4ge zu haben und jede Menge Geld zu verdienen, sondern um genug freie Zeit f\u00fcr Dinge zu haben, die mir Freude machen, bzw. mit genau diesen &#8222;freudvollen Aktivit\u00e4ten&#8220; mein Geld zu verdienen. Das ist nat\u00fcrlich nicht v\u00f6llig stressfrei, es gibt Termine, Verpflichtungen, im schlimmsten Fall auch mal psychisch belastende Auseinandersetzungen und Verstrickungen (die ich dann schnell wieder abbaue, auch mit Verlusten, wenn es nicht anders geht). Und so kommt es, dass ich auch in dieser relativen Freiheit immer einen &#8222;Grund der Angst&#8220; hatte: ein unsicheres Gef\u00fchl, ein Empfinden leichten Bedroht-Seins &#8211; aha, es ist der einzuhaltende Termin, der mich dr\u00fcckt, oder die langweilige Arbeit, die ich bis zum geht-nicht-mehr vor mir herschiebe. So dachte ich, so denke ich allermeist.<\/p>\n<p>Seit ein paar Wochen jedoch bin ich ganz frei. Genug gearbeitet, um einige Monate einen ruhigen Lenz zu schieben, mich nach Lust &amp; Laune eigenen Projekten zu widmen: der immer herbeigew\u00fcnschte &#8222;Optimalzustand&#8220;, den ich bisher nur aus Zeiten gut bezahlter Arbeitslosigkeit kannte. Zwar sind da noch kleine Pflichten, zum Beispiel eine Autorenseite, die ich zugesagt habe &#8211; aber das sind SCH\u00d6NE Aktivit\u00e4ten, die keinen unangenehmen Druck verursachen.<\/p>\n<p>Und trotzdem f\u00fchle ich immer noch eine diffuse Unsicherheit. Keine spektakul\u00e4re Angst, kein Zittern und Zagen, es ist eher ein untergr\u00fcndiges Gef\u00fchl, das immer \u00fcberdeckt war durch Aktivit\u00e4ten, bzw. dadurch, dass ich immer meinte zu wissen, VOR WAS ich gerade Angst habe. Nun sp\u00fcre ich das Gef\u00fchl ganz von Ursachen isoliert, eine Empfindung im Bereich des Solar Plexus. Und ich scanne mein Leben (&#8222;was droht?&#8220;), finde keinen Feind, keinen Termin, keine Drohung, keine Krankheit, nichts &#8211; und doch ist das Gef\u00fchl da.<\/p>\n<p>Das erinnert mich daran, dass es mir mit dem Sex genauso gegangen ist. Ich erlebte sexuelle Erregung, Geilheit, Verlangen als ein Problem, das nach einer L\u00f6sung schreit. ( = erf\u00fclltes Sexualleben in liebevoller Zweierbeziehung, zum Beispiel). Eine Aufgabe, die ich mit anderen Menschen irgendwie positiv bew\u00e4ltigen muss, ansonsten w\u00e4re ich eine Versagerin. Doch in den letzten Jahren ist mir aufgegangen, dass das ein Irrtum ist. Indem ich mich beobachtend auf das Gef\u00fchl konzentrierte, ohne etwas &#8222;damit anfangen&#8220; zu wollen, konnte ich sehen: Sex ist ein Aspekt der Energie, die mich lebendig sein l\u00e4sst. IMMER sp\u00fcrbar, sobald ich entspannt genug bin, um die Empfindung zuzulassen. Just a human feature &#8211; genau wie die ANGST.<\/p>\n<p>Je weniger ich w\u00fcnsche und plane, je seltener mich irgendwelche Vorstellungen von Zukunft zu wilden Aktivit\u00e4ten verlocken, desto deutlicher zeigt sich der Grund. Das, was da ist, wenn ich nicht herumwusele wie eine Irre: der Boden der Wirklichkeit. Und der ist gar nicht so schlecht, birgt sogar einen Hauch von &#8222;blauer Blume&#8220;, solange ich nicht daran arbeite, eine seiner Farben auszuschlie\u00dfen, zum Beispiel die Farbe der Angst.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Forum schrieb Andreas K. zum Stichwort &#8222;Schwarze Stimmung&#8220;: &#8222;Claudia, ist es m\u00f6glich, da\u00df Du wie ich unter einer ganz speziellen Angst leidest &#8211; der Angst vor dem (vorerst relativen) Alter? 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