{"id":3996,"date":"2000-08-04T13:40:35","date_gmt":"2000-08-04T11:40:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3996"},"modified":"2023-12-02T13:45:03","modified_gmt":"2023-12-02T12:45:03","slug":"joggen-gegen-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/04\/joggen-gegen-rechts\/","title":{"rendered":"Joggen gegen rechts?"},"content":{"rendered":"<p>Seit ein paar Tagen ist das Thema &#8222;rechte Gewalt&#8220; in den Medien nun also mal ganz vorn. Offensichtlich wollen die Redaktionen guten Willen zeigen, deutlich machen: an uns soll es nicht scheitern! Das ist ja schon mal was und ich bin gespannt, ob die Bem\u00fchung \u00fcber das Sommerloch hinaus Bestand hat.<!--more--><br \/>\nDie kommunikative Aufgabe ist ja auch wirklich verdammt schwer: Einer zu Kunden, Konsumenten und schrankenlos flexiblen Arbeitskr\u00e4ften umerzogenen Bev\u00f6lkerung muss ein &#8222;gemeinsames Projekt&#8220; nahe gebracht werden, f\u00fcr das sich jeder EINSETZEN soll, nicht nur etwas &#8222;meinen&#8220;. Und das Projekt verspricht noch nicht einmal etwas Neues, etwa Zukunft und Innovation, Aufbruch zu einem Mehr oder Besser. Nein, es m\u00fcssen Grundlagen des zivilisierten Zusammenlebens verteidigt werden, die man lange f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich hielt. Das ist, als wollte man die Besucher der Berliner Reichstagskuppel dazu motivieren, doch in die Keller herunterzusteigen und beim Trocken-legen der Fundamente zu helfen.<\/p>\n<p>Wenn ich mit Freunden aus den alten Bundesl\u00e4ndern telefoniere, f\u00e4llt mir auf, dass mancher angesichts des Themas &#8222;rechte Gewalt&#8220; noch im Vor-Wende-Denken steckt. Neonazis waren damals ein marginales Problem, es ging um die Ausl\u00e4nderfrage. Vor dem Fall der Mauer (und noch ein paar Jahre danach) verbreiteten die Regierenden ihre &#8222;Das Boot ist voll&#8220;-Ideologie und die Linken &amp; Gr\u00fcnen verlangten, alle &#8218;reinzulassen, schliesslich seien wir ein reiches Land. Beide Positionen zusammen verhinderten die Wahrnehmung der Realit\u00e4t, zum Beispiel der, dass in manchen St\u00e4dten mit hohem Ausl\u00e4nder- und Immigrantenanteil Integrationsprobleme exisitieren, die wahrhaftig nicht nur den Deutschen anzulasten sind. In Berlin verlangte zum Beispiel eine Abgeordnete vom gr\u00fcn-alternativen Milieu in Kreuzberg, doch einfach ein bisschen zusammen zu r\u00fccken, um noch ein paar Asylbewerber aufzunehmen. Die &#8222;Basis&#8220; war aber bereits dabei, sich in andere Stadtteile zu orientieren, weil den eigenen Kindern die desolate Schulsituation nicht mehr zuzumuten war und t\u00fcrkische Gangs, sp\u00e4ter auch die Mafia aus dem Osten, den Alltag nicht gerade friedlicher machten.<\/p>\n<p><b>Die jetzige Lage<\/b> hat ganz andere Koordinaten und es geht auch nicht allein um Ausl\u00e4nder. Ins Visier der Rechtsradikalen geraten Obdachlose, allein erziehende M\u00fctter, Punks, Langhaarige &#8211; alles &#8222;undeutsch&#8220; und vernichtenswert. In Mecklenburg, Brandenburg und den anderen neuen L\u00e4ndern dominieren die Rechten vielerorts die Stra\u00dfen, sind die einzig existierende &#8222;Jugendkultur&#8220;, in der der Einzelne Gemeinschaft und Sinn findet, so \u00fcbel dieser &#8222;Sinn&#8220; auch ist. Auf dem Land gibt es praktisch keine bezahlte Jugendarbeit mehr und in den Schulen haben die Lehrer seit der Wende &#8222;vorschriftsgem\u00e4\u00df&#8220; damit aufgeh\u00f6rt, gesellschaftliche Werte zu vermitteln (&#8222;ist doch jetzt Sache der Eltern&#8230;&#8220;) &#8211; wie h\u00e4tten sie das auch tun k\u00f6nnen, angesichts ihrer Vergangenheit? Schlie\u00dflich hatte die ganze Bev\u00f6lkerung extreme Umorientierungsprobleme, da sich alles, aber wirklich ALLES ge\u00e4ndert hat, vom Arbeitsleben bis zum Fahrkartenautomaten und zum hinterletzten beh\u00f6rdlichen Vorgang.<\/p>\n<p>In der aktuellen ZEIT ist ein wunderbarer Artikel von Peter Schneider: <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/> <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2000\/32\/Der_Zerfall_des_Zivilen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Zerfall des Zivilen<\/a>, den ich allen heftig empfehle:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wer vor vier oder f\u00fcnf Jahren auf die neue Qualit\u00e4t der Gewalt unter Jugendlichen hinwies, sah sich als Kulturpessimist oder als Lobbyist der Polizei angeschw\u00e4rzt. Wichtiger als die Wahrnehmung der Tatsachen war die Frage, ob diese mit dem Weltbild der Experten und Debattengurus vereinbar waren. H\u00f6rte man ihnen zu, so gewann man den Eindruck, die Soziologen, Sozialtherapeuten, Psychologen und Sozialhelfer der Republik h\u00e4tten sich verschworen, das Ph\u00e4nomen der zunehmenden Gewalt durch Erkl\u00e4rung zu beseitigen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Schneider nimmt einen Grundpfeiler ehemals linken Denkens aufs Korn: die Vorstellung, der Mensch sei an sich gut und werde durch \u00e4u\u00dfere Faktoren b\u00f6se gemacht. Was dazu f\u00fchrt, dass Intellektuelle im Kritisieren &amp; Klagen \u00fcber &#8222;die Zust\u00e4nde&#8220; verharren und damit nichts, aber auch gar nichts gegen die Zust\u00e4nde &#8222;da drau\u00dfen&#8220; ausrichten.<\/p>\n<p>Ich will das nicht vertiefen, sondern einen anderen Aspekt aufgreifen: Wer wesentlich mittels der Worte und Texte mit der Welt in Verbindung tritt, ist immer denen unterlegen, die f\u00e4hig und bereit sind, k\u00f6rperliche Gewalt anzuwenden. Wer nur leise und \u00fcberlegt sprechen kann, zuckt zur\u00fcck, sobald ihn jemand ANSCHREIT. Ist die Situation dann vor\u00fcber, wird der Schreiber einen Text verfassen, der seine geistige \u00dcberlegenheit erneut deutlich macht. Damit ist der Seelenfrieden wieder ein bisschen gekittet, bis zum n\u00e4chsten Mal.<\/p>\n<p>Sobald die Gewaltt\u00e4tigkeit einer Gruppe oder Minderheit den Rahmen \u00fcberschreitet, der von Polizei und Rechtsstaat in friedlicheren Zeiten garantiert werden konnte, sieht die Republik der Autoren und Mausklicker verdammt alt aus! Was soll man da bloss machen? &#8222;Joggen gegen rechts&#8220; wird nicht viel ausrichten, schon gar nicht, wenn es die ersten Jogging-Runden sind, die sich einer um der guten Sache Willen zumutet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ein paar Tagen ist das Thema &#8222;rechte Gewalt&#8220; in den Medien nun also mal ganz vorn. 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