{"id":3995,"date":"2000-08-05T13:37:38","date_gmt":"2000-08-05T11:37:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3995"},"modified":"2023-12-02T13:40:30","modified_gmt":"2023-12-02T12:40:30","slug":"vom-kaempfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/05\/vom-kaempfen\/","title":{"rendered":"Vom K\u00e4mpfen"},"content":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich konkret gemeint, wenn immer wieder vom &#8222;Werteverlust&#8220; die Rede ist? Das wolkige Wort f\u00e4llt, wenn Eltern und Lehrer mit ihren Kids nicht fertig werden, wenn Jugendliche durch die Stra\u00dfen marodieren, wenn sich Gewaltexzesse und Amok-L\u00e4ufe h\u00e4ufen, die wir nicht mehr erkl\u00e4ren, schon gar nicht stoppen k\u00f6nnen. Das Wort passt aber auch gut auf das Hauen &amp; Stechen im Gesch\u00e4ftsleben, wo immer mehr &#8222;mit allen Mitteln&#8220; um den je eigenen Vorteil gek\u00e4mpft wird, beginnend beim Nichtzahlen der Rechnungen bis hin zur Bedrohung, Bestechung, Erpressung, Denunziation und zum Ausstreuen falscher Ger\u00fcchte \u00fcber Konkurrenten. \u00dcber Politiker noch etwas zu sagen, erspar ich mir jetzt mal, und auch der Gemeinplatz, dass die Medien aus Quotengr\u00fcnden \u00fcbelste Primitiv-Emotionen ausschlachten und verst\u00e4rken, sei nur der Vollst\u00e4ndigkeit wegen erw\u00e4hnt und abgehakt.<!--more--><\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die Zeiten der Friedensbewegung, damals hatte sich ein CDU-Politiker getraut, zu sagen, Friede sei nicht der oberste Wert. Keine Frage, dass der sprichw\u00f6rtliche &#8222;Sturm der Entr\u00fcstung&#8220; \u00fcber ihn hinwegfegte, auch ich fand das Statement ungeheuer, immerhin hatten wir gerade alle Angst, gleich nach der Stationierung der Pershing 2 gehe der dritte Weltkrieg los. Und dieser Eumel wagt sich zu sagen, Friede sei nicht das Wichtigste!<\/p>\n<p>Warum mir das jetzt einf\u00e4llt? Mir scheint, in den letzten Jahrzehnten &#8211; also den gro\u00dfen Zeiten des Sozialstaats und der Sozialarbeit &#8211; haben wir uns den Luxus einer sch\u00f6nen Illusion geleistet: Dass der &#8222;Grundzustand&#8220; im menschlichen Miteinander ein friedlicher sei und alles, was von dieser &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; abweicht, durch bedauerliche Sonderbedingungen verursacht und therapeutisch behandelt werden muss.<\/p>\n<p>Diese Denkfigur ist einerseits historisch bedingt: Nach dem Krieg waren alle wirklich sehr sehr friedlich, hatten die Nase so richtig voll. Zum Aufbau wurde jeder gebraucht und man war sich einig im Streben nach Wohlstand. Die dann folgende 68er-Kulturrevolution, die Hippie- und die Frauenbewegung brach alle noch verbliebenen Verkrustungen auf. Zwar ist die politisch-radikale Linie in Gestalt der RAF im Folgenden katastrophal gescheitert, doch die eher kulturellen Impulse waren durchdringend. Talare, Anz\u00fcge und Krawatten, Verbotsschilder auf Rasenfl\u00e4chen und Konventionen aller Art landeten auf dem M\u00fcllhaufen der Geschichte. Friede, Freude, Entspannung und Harmonie sollte herrschen, freie Liebe zu allererst. Solidarit\u00e4t statt Konkurrenz &#8211; man konnte sich&#8217;s leisten, denn die allseits kritisierte Wirtschaft verdiente auf dem Weltmarkt in aller Stille genug f\u00fcr alle und gab sich mit unter 5% Rendite zufrieden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich merkte mensch schnell, dass nicht nur DIE ANDEREN nicht immer so friedlich sind, wie sie laut neuer Vorgabe sein sollten. Die gro\u00dfe Zeit der Selbsterfahrung und Psychotherapie war der Versuch, sich selber umzuerziehen. Das vielf\u00e4ltige Scheitern daran f\u00fchrte viele in die spirituelle Suche, wo sich ebenfalls ein breiter Markt entwickelt hat. Erw\u00e4hnenswerte letzte Formen dieser Bewegung sind einerseits die Tantra-Szene, wo das konfliktreiche sexuelle Erleben meditativ befreit werden soll, um ein lustvolleres Leben zu erm\u00f6glichen und andrerseits die Satsang-Bewegung, wo gemeinsames &#8222;Sitzen in Stille&#8220; die Erfahrung aufschliessen soll, dass doch alles schon gut so ist, wie es ist: Sich-ergreifen lassen vom Ereignis das DASEINS, wodurch das Rennen in Richtung MEHR obsolet wird.<\/p>\n<p>Alles sch\u00f6n und gut, doch wenn man sich mit wachen Augen umsieht, kann man nirgends erkennen, dass diese oder andere Aktivit\u00e4ten die Situation auch nur ankratzen. Das Zunehmen der Gewalt, die allgemeine Verrohung, das Wegsehen und Abdriften in Unterhaltung und abgeschottete Fantasiewelten, das, was immer neu die Diagnose &#8222;Werteverlust&#8220; rechtfertigt, ist offensichtlich SEHR resistent. Das NICHTS breitet sich aus, mit Michael Ende gesprochen.<\/p>\n<p>Warum f\u00e4llt es so schwer, diesem vermeintlichen Nichts etwas entgegen zu stellen? War das Besondere am Menschen nicht immer schon seine Anpassungsf\u00e4higkeit, das intelligente Reagieren auf neue Probleme? Kann es vielleicht sein, dass die jahrzehntelang gepflegte Illusion der grunds\u00e4tzlichen Friedlichkeit uns ausserstande sein l\u00e4\u00dft, die zunehmende Unfriedlichkeit in ertr\u00e4gliche Bahnen zu lenken?<\/p>\n<p>Ein ergiebiger Gedanke! Wer Kampf grunds\u00e4tzlich ablehnt, entwickelt und tradiert keine Ethik des K\u00e4mpfens. Ganz konkret: Den Kindern wird allenfalls von bem\u00fchten Lehrern, Erziehern und Eltern gesagt, sie sollen NICHT zuschlagen, sie sollen gef\u00e4lligst friedlich spielen und teilen. Ein aufgewecktes Kind kann da doch nur mit dem Kopf sch\u00fctteln und steckt lieber den Schlagring ein, um sich oder seine Marken-Jacke auf dem Schulweg zur Not verteidigen zu k\u00f6nnen. Als Lernfeld f\u00fcr den Kampf stehen ihm aufgrund der erzieherischen Abstinenz allenfalls Filme und Video-Spiele zur Verf\u00fcgung, in denen die brutalste Vernichtung des Anderen zelebriert wird &#8211; warum wundern wir uns also \u00fcber die Formen, die der Kampf annimmt?<\/p>\n<p>Unter Erwachsenen sieht es nicht besser aus: Un\u00fcberbr\u00fcckbare Interessengegens\u00e4tze werden gern geleugnet. Man glaubt, sich VERSTEHEN br\u00e4chte automatisch ein friedliches Miteinander, man m\u00fcsse nur miteinander reden und sich dann vern\u00fcnftig einigen. Dass das nur geht, solange genug f\u00fcr alle da ist, wird schlicht verdr\u00e4ngt. Sogar neueste Unternehmensf\u00fchrungskonzepte vermitteln den Eindruck, es sei immer m\u00f6glich, eine Win-win-Situation zu erzeugen, in der alle Teilnehmer etwas f\u00fcr sich gewinnen und niemand verliert.<\/p>\n<p>So geraten viele in eine schizophrene Spaltung: Auf der Ebene des Redens &amp; Schreibens gilt die &#8222;friedliche Linie&#8220;, in der Realit\u00e4t muss jeder sehen, wo er bleibt, sich m\u00f6glichst effektiv verteidigen oder wenn n\u00f6tig auch angreifen. Und dabei allein mit sich ausmachen, wie weit er (oder sie) f\u00fcr welches Ziel zu gehen bereit ist. Der faktisch unvermeidliche Bruch mit der allgemeinen Ideologie f\u00fchrt in ein Vakuum: Ausserhalb des Erlaubten, bzw. vermeintlich Normalen scheint alles erlaubt, jeder marodiert also auf die je eigene Weise auf seiner jeweiligen Kampfzone vor sich hin. Ob &#8222;gut&#8220; oder &#8222;schlecht&#8220;, dar\u00fcber gibt es weder Gespr\u00e4ch noch Konsens, also z\u00e4hlt allein der Erfolg.<\/p>\n<p>Muss das so bleiben? Es hat doch mal eine Ethik des K\u00e4mpfens gegeben, von wem und wohin ist die eigentlich entsorgt worden? Vielleicht einfach mangels Nachfrage vergessen, weil wir schliesslich ohne Waffen Frieden schaffen wollten?<\/p>\n<p>Als ich ein Kind war, galt es als feige, zu mehreren auf einen einzuschlagen, genauso wie das &#8222;Nachtreten&#8220; verp\u00f6nt war. Sobald der Gegner signalisierte, dass er aufgibt, musste abgelassen werden &#8211; und die meisten hielten sich dran, Ausrutscher wurden als Ausrutscher gesehen, man sch\u00e4mte sich f\u00fcr sie. Auch der westliche Mann hatte mal eine Ethik des K\u00e4mpfens: Fairness, Waffengleichheit und viele andere Konventionen und Traditionen regelten die an-stehende (=die &#8222;anst\u00e4ndige&#8220;) Auseinandersetzung &#8211; vom Duell bis hinein ins Kriegsrecht.<\/p>\n<p>Wenn heute Politiker fordern, jeder Einzelne m\u00fcsse seine Zivilcourage wiederentdecken und gewaltt\u00e4tigen Jugendlichen mutig entgegen treten, dann markiert das eine Wende. Jedem ist ja klar, dass es sich hier nicht nur ums Worte-machen dreht, wenn auch der Griff zum Handy gewi\u00df das erste Mittel der Wahl ist. Auch ein Lehrer hat heute vielerorts ein schlechtes Standing, wenn er nicht zumindest glaubhaft den Eindruck vermittelt, er k\u00f6nne sich zur Not auch gegen k\u00f6rperliche Angriffe zur Wehr setzen. Die friedlichen Zeiten sind offenbar vorbei, warum also nicht das K\u00e4mpfen wieder lernen?<\/p>\n<p>Kampfsport an den Schulen von der ersten Klasse an w\u00e4re ein guter Ansatz. Und zwar nicht nur Techniken, sondern auch die jeweilige geistig-ethische Tradition &#8211; gerade die \u00f6stlichen Kampfsportarten haben da viel zu bieten und sind zudem bei vielen Kids und Jugendlichen hoch angesehen. Wer von klein auf eine Praxis k\u00f6rperlicher (!) Auseinandersetzung \u00fcbt, entwickelt ein tiefer gelegenes Selbstbewu\u00dftsein, als es durch das Beherrschen der Schrift oder verschiedener Ger\u00e4te zu haben ist &#8211; und zittert vielleicht auch nicht automatisch beim Anblick von ein paar Glatzen. Ganz nebenbei w\u00fcrde mittelfristig der Gesundheitsetat erheblich entlastet, alle w\u00e4ren ges\u00fcnder, schlanker, fitter, wahrscheinlich auch wacher, und w\u00fc\u00dften besser, wohin mit ihrer Energie. Einen Versuch w\u00e4re es jedenfalls wert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich konkret gemeint, wenn immer wieder vom &#8222;Werteverlust&#8220; die Rede ist? 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