{"id":3994,"date":"2000-08-07T13:32:55","date_gmt":"2000-08-07T11:32:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3994"},"modified":"2023-12-02T13:37:34","modified_gmt":"2023-12-02T12:37:34","slug":"die-helden-treten-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/07\/die-helden-treten-ab\/","title":{"rendered":"Die Helden treten ab"},"content":{"rendered":"<p>Der Empfehlung eines Bekannten folgend, hab&#8216; ich mir am Samstag den Katastrophenfilm &#8222;Der Sturm&#8220; von Wolfgang Petersen (Das Boot) angesehen. Da es sich um ein Meisterwerk aktueller Computer-Animationsk\u00fcnste handeln sollte, war das Risiko gering, sich zu langweilen: Spektakul\u00e4re Bilder und Szenen auf einer gro\u00dfen Leinwand sind oft Unterhaltung genug, ganz jenseits aller anderen Erwartungen und Anspr\u00fcche an einen Film.<!--more--><br \/>\nImmerhin: Zu Beginn werden eine gute halbe Stunde die Charaktere der sp\u00e4teren &#8218;Helden&#8216; entwickelt, ihr Alltag, ihre W\u00fcnsche, ihre Hoffnungen und bereits zerbrochenen Tr\u00e4ume ausgebreitet. Das Leben der Hochseefischer besteht aus harter Arbeit und schlechter Bezahlung, jedoch &#8211; so jedenfalls kneten es die Bilder ins Hirn des Zuschauers &#8211; weist es eine Lebendigkeit und Unmittelbarkeit, eine Buntheit und Romantik auf, die dem gew\u00f6hnlichen Sitzleben in den B\u00fcro-Welten traurigerweise verlorengegangen ist. Allein die Kneipenszenen! Voller Bewegung, Lachen, Action, ein fr\u00f6hliches Hin und Her, Umarmungen, Schulterklopfen, frotzeln, scherzen, trinken, knapp vermiedene Schl\u00e4gereien, es wird heftig geflirtet und dann gleich &#8222;nach oben gegangen&#8220;, worauf die Kneipeng\u00e4ste anhand des wackelnden Kronleuchters beurteilen, wie erfolgreich die Liebe in die Tat umgesetzt wird. Wow, High-Life!<\/p>\n<p>Ich schau&#8216; es mir an und empfinde eine Art Melancholie des Absurden, wie immer, wenn ein Hollywood-Movie DAS SCHWERE LEBEN EINFACHER ARBEITENDER MENSCHEN gekonnt romantisiert, als erstrebenswert hinstellt, wovor wir alle seit Generationen fliehen: harte physische Unmittelbarkeit, k\u00f6rperliche Anstrengung, unfreiwillige &#8211; aber im Film wunderbar dargestellte &#8211; soziale N\u00e4he.<\/p>\n<p>Der Rest der Geschichte ist in wenigen S\u00e4tzen erz\u00e4hlt: Der letzte Fang war recht unergiebig und so beschlie\u00dft der K\u00e4ptn, ein weiteres Mal auszufahren, obwohl die Saison zu Ende ist und das Wetter sich verschlechtert. Man hat ihn geh\u00e4nselt, seine Fischer-Ehre angegriffen und auch gedroht, einen erfolgreicheren Mann an seine Stelle zu setzen. Er heuert ein paar Kumpel an, die auch nicht so recht begeistert sind, aber ebenfalls auf den letzten Dr\u00fccker noch ein paar Dollar machen wollen. Los geht,s, die Katastrophe kann beginnen.<\/p>\n<p>Ab jetzt ist nicht mehr erkenntlich, wozu am Anfang soviel Sorgfalt auf die Charaktere verwendet wurde: Pralle Action f\u00fcllt die verbliebene Zeit, der &#8222;Perfect Storm&#8220; entt\u00e4uscht nicht, die Wellen sind gigantisch, die Effekte beeindruckend, der Kampf gegen die Natur in all seiner Dramatik hebt an. Die &#8222;Schwertfischer&#8220; erleben zweimal einen Augenblick der Besinnung, in dem sie entscheiden m\u00fcssen, ob sie weiter in Richtung Katastrophe schippern oder umkehren wollen. Sie entscheiden sich nahezu demokratisch f\u00fcr das erstere: Zeitgem\u00e4\u00df sind hier die Helden nicht aktiv, um viele Menschen, gar die Welt zu retten oder das B\u00f6se zu besiegen, sondern sie wollen nicht &#8222;als Lachnummer nach Hause kommen&#8220; und nat\u00fcrlich reich werden.<\/p>\n<p>Ein Drama, hochmodern in Szene gesetzt und doch irgendwie antiquiert: Das wagemutige &#8222;hinein in die Gefahr&#8220; der verschworenen M\u00e4nnergruppe (die sich nat\u00fcrlich erst unter Lebensgefahr zusammenraufen mu\u00df), weckt nicht die einstige Bewunderung f\u00fcr die Helden. Man sch\u00fcttelt eher den Kopf dar\u00fcber, wie man nur so unvern\u00fcnftig sein kann: Das Y-Chromosom als Risiko-Faktor! Die Anmutung wird verst\u00e4rkt durch eine Frau, die &#8211; ebenfalls Kapit\u00e4nin einer Schwertfischer-Crew &#8211; die ganze Zeit den \u00dcberblick beh\u00e4lt, rechtzeitig allen Gefahren ausweicht und TROTZDEM jede Menge Fische f\u00e4ngt.<\/p>\n<h2>Arme Helden. Arme M\u00e4nner.<\/h2>\n<p>Mir scheint, der Mythos vom m\u00e4nnlichen Helden geht derzeit beschleunigt unter. Und zwar nicht, weil Frauen ihn demontieren wollen, wie in den gro\u00dfen Zeiten der Frauenbewegung. Sondern, weil die immer komplexer werdende technische Welt solche Helden nicht mehr brauchen kann, ja sogar aussondern mu\u00df, um das Risiko &#8222;menschlichen Versagens&#8220; zu minimieren. Gef\u00fchle sind immer weniger angesagt an den Schalthebeln der Macht, das Gleichgewicht der Ger\u00e4te &amp; Programme ist daf\u00fcr zu anf\u00e4llig. Und &#8211; Ironie der Geschichte &#8211; ausgerechnet Frauen stossen in die L\u00fccke: vern\u00fcnftig, pragmatisch, an DER SACHE orientiert. Komisch, nicht?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Empfehlung eines Bekannten folgend, hab&#8216; ich mir am Samstag den Katastrophenfilm &#8222;Der Sturm&#8220; von Wolfgang Petersen (Das Boot) angesehen. 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