{"id":3993,"date":"2000-08-08T13:29:04","date_gmt":"2000-08-08T11:29:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3993"},"modified":"2023-12-02T13:31:48","modified_gmt":"2023-12-02T12:31:48","slug":"die-dritte-traegheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/08\/die-dritte-traegheit\/","title":{"rendered":"Die dritte Tr\u00e4gheit"},"content":{"rendered":"<p>Der Himmel ist heute wieder grau, schwacher Nieselregen f\u00e4llt auf die neu erstandenen &#8222;B\u00e4derliegen&#8220;, auf denen ich in den letzten Tagen viele Stunden zubrachte. Gut so, denn so lockt es mich nicht nach drau\u00dfen, weg vom Monitor. Es steht wirklich an, mal wieder konzentrierter etwas zu tun! Das sag&#8216; ich mir nun schon seit Tagen, immer morgens, doch alles, was dann wirklich zustande kommt, sind die Diary-Eintr\u00e4ge und ein paar Mails an Listen und Freunde.<!--more--><br \/>\nAufr\u00e4umen, real und virtuell, w\u00e4re ein guter Einstieg. Obwohl ich darauf achte, nicht zu viele Gegenst\u00e4nde in meiner Wohnung anzuh\u00e4ufen &#8211; ich mag es \u00fcbersichtlich, will nicht herumsuchen m\u00fcssen &#8211; neigt die Ordnung immer wieder dazu, in Chaos \u00fcberzugehen. Dabei tu&#8216; ich gar nichts, so kommt es mir wenigstens vor, dennoch ger\u00e4t alles wie von selbst ausser Form und an den Decken sammeln sich Spinnweben, in denen sich der Staub (woher nur?) verf\u00e4ngt. Auf den Fenstersimsen liegen verstorbene Insekten und auf allen Ablagefl\u00e4chen sammeln sich Papiere, Briefe, Zeitungen, B\u00fccher. Nicht sehr viele, es w\u00e4re alles binnen Minuten ordentlich gestapelt, doch das mach&#8216; ich nicht, obwohl der Anblick der Unordnung regelrecht schmerzt: Es soll nicht der Eindruck aufkommen, die Dinge seien in Ordnung, nur weil sie rechtwinklig aufeinander liegen.<\/p>\n<p>Tiefdruckgebiete, wie sie seit Wochen \u00fcber Gottesgabe ziehen, nehmen Energie weg. Man f\u00fchlt sich schwerer, mehr in Richtung Erde gezogen, als trage man Kleider mit kleinen eingen\u00e4hten Gewichten, die nach unten ziehen. Dagegen hilft nur k\u00f6rperliche Bewegung, doch die Schlappheit macht nicht gerade Lust darauf. Und warum soll ich auch immer gegen etwas angehen? Gegen Chaos, Tr\u00e4gheit und Zerstreutheit immer wieder Ordnung, Energie und Konzentration setzen?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, es wird nichts anderes \u00fcbrig bleiben und je fr\u00fcher ich damit anfange, desto leichter ist es. Der Berg verschobener oder ignorierter Kleinigkeiten wird mit jedem Tag gr\u00f6\u00dfer und mit ihm wachsen die Widerst\u00e4nde, sich der Dinge anzunehmen. Ich weiss, ich weiss, ich weiss, aber anscheinend ist Wissen nicht genug und ich habe schon zu lange damit aufgeh\u00f6rt, mein eigener Sklaventreiber zu sein, als dass diese Betrachtungen gen\u00fcgen w\u00fcrden, mich in Aktion zu versetzen.<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit lese ich das Buch: <b>Der M\u00f6nch und der Philosoph<\/b> &#8211; Buddhismus und Abendland. Es ist ein Dialog zwischen Vater und Sohn, zwischen Jean-Francois Revel (der Philosoph) und seinem Sohn Matthieu Ricard, der als habilitierter Molekularbiologe sein Leben im Westen aufgab und buddhistischer M\u00f6nch wurde. Seit langem begleitet er den Dalai Lama auf seinen Reisen. Das Gespr\u00e4ch der beiden fasziniert mich, s\u00e4mtliche Essentials des Buddhismus werden mit der abendl\u00e4ndischen Philosophie verglichen, doch auf eine unakademische Weise, ganz an der Frage orientiert: Was bringt&#8217;s?<\/p>\n<p>Vielleicht schreibe ich ein andermal mehr zu diesem wunderbaren Buch. Jetzt ist es mir nur eingefallen wegen der Definition der Tr\u00e4gheit im Buddhismus. Danach gibt es <b>drei Formen der Tr\u00e4gheit:<\/b> Die erste besteht darin, seine Zeit mit Essen und Schlafen zu verbringen. Die zweite, sich zu sagen: &#8222;Jemandem wie mir wird es nie gelingen, sich zu vervollkommnen&#8220;. Die dritte Tr\u00e4gheit &#8211; und das ist wohl meine bevorzugte &#8211; besteht darin, <span style=\"color: purple;\">sein Leben mit zweitrangigen Aufgaben zu vergeuden, ohne jemals zum Wesentlichen zu kommen. Man verbringt seine Zeit mit dem Versuch, nebens\u00e4chliche Probleme zu l\u00f6sen, die sich endlos aneinanderreihen wie die Kr\u00e4uselungen auf der Oberfl\u00e4che eines Sees. Man sagt sich: &#8222;Wenn ich dieses oder jenes Vorhaben abgeschlossen habe, werde ich mich darum k\u00fcmmern, meinem Dasein einen Sinn zu geben.&#8220;<\/span><\/p>\n<p>Als Mittel gegen die dritte Tr\u00e4gheit wird empfohlen, zu begreifen, dass man nur dann ans Ziel seiner endlosen Vorhaben gelangen kann, wenn man sie fallen l\u00e4\u00dft und sich ohne Z\u00f6gern dem zuwendet, was dem Dasein einen Sinn gibt.<\/p>\n<p>Wenn ich so herumh\u00e4nge und nicht mal aufr\u00e4ume, mich de facto auch allen anstehenden &#8222;zweitrangigen Aufgaben&#8220; verweigere, warte ich im Grunde auf den Impuls, auf eine Art Eingebung, auf einen neuen Kontakt zum Gef\u00fchl von SINN. Das Kind in mir l\u00e4\u00dft sich nicht mehr zum Zimmer-aufr\u00e4umen \u00fcberreden, wenn nicht ein St\u00fcck &#8222;blaue Blume&#8220; an irgend einem Horizont winkt. Immerhin &#8211; und dar\u00fcber bin ich wirklich gl\u00fccklich! &#8211; neigt es auch nicht mehr zur Selbstzerst\u00f6rung aus blossem Frust, wenn mal eine Zeit lang kein heiliger Gral in Sicht ist.<\/p>\n<p>Diese Worte sind vielleicht mi\u00dfverst\u00e4ndlich: Ich glaube nicht an einen bestimmten, vorgegebenen SINN, der ein f\u00fcr allemal zu finden und zu verwirklichen w\u00e4re. Und auch nicht daran, dass man diesen Sinn einfach so SETZEN kann, aus philosophischen oder anderen \u00dcberlegungen heraus. Das Sinn-hafte ist eine energievolle, klare Seinsweise, zu der man von jetzt auf gleich in Kontakt kommen, die man aber nicht VERANSTALTEN kann. Allenfalls ist es m\u00f6glich &#8211; und dazu bekomme ich jetzt dann doch Lust! &#8211; das St\u00f6rende und Verstopfende beiseite zu r\u00e4umen, damit ein Vakuum, eine Leere entsteht, in die die F\u00fclle str\u00f6men kann.<\/p>\n<p>Also doch: aufr\u00e4umen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Himmel ist heute wieder grau, schwacher Nieselregen f\u00e4llt auf die neu erstandenen &#8222;B\u00e4derliegen&#8220;, auf denen ich in den letzten Tagen viele Stunden zubrachte. Gut so, denn so lockt es mich nicht nach drau\u00dfen, weg vom Monitor. Es steht wirklich an, mal wieder konzentrierter etwas zu tun! Das sag&#8216; ich mir nun schon seit Tagen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9,10,414],"tags":[95,97,96,855,711],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3993"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3993"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3993\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3993"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3993"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}