{"id":3989,"date":"2000-08-10T13:22:03","date_gmt":"2000-08-10T11:22:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3989"},"modified":"2023-12-02T13:26:57","modified_gmt":"2023-12-02T12:26:57","slug":"selbstbestimmt-arbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/10\/selbstbestimmt-arbeiten\/","title":{"rendered":"Selbstbestimmt arbeiten?"},"content":{"rendered":"<p>Immer wenn ich \u00fcber Arbeit oder auch &#8222;nur&#8220; Geld verdienen schreibe, bekomme ich mehr Resonanz als sonst, offensichtlich brennt das Thema vielen auf den N\u00e4geln. Manche sehen meine Situation als \u00fcbers Netz arbeitende Freelancerin als ideal an und m\u00f6chten das f\u00fcr sich am liebsten ganz genauso haben, von jetzt auf gleich, versteht sich! Andere denken nur an die &#8222;Lebenslauf-Pflege&#8220; und streben klassische Karrieren an, heute nat\u00fcrlich anders ins Werk zu setzen als vor 20 Jahren, aber im Prinzip dasselbe: Status und Einkommen als oberste Werte. <!--more--><br \/>\nDann sind da die Widerst\u00e4ndler und Verweigerer, die immer genau wissen, was sie NICHT wollen. Ja, da f\u00fchle ich mit, so war ich auch, seit ich die Arbeitswelt auch nur von Weitem erblickte! Schon als in der gymnasialen Oberstufe meine Mitsch\u00fcler dar\u00fcber klagten, wie \u00f6de die Schule doch sei, sagte ich dazu nur: &#8222;Macht mal halblang, wir werden es nie wieder so gut haben!&#8220;. (Zum Gl\u00fcck hab&#8216; ich mich da geirrt, was das &#8222;gut haben&#8220; angeht, nicht aber, was die Sorglosigkeit betrifft.)<\/p>\n<p>Hinter das &#8222;selbstbestimmte Arbeiten&#8220;, das allenthalben als Ideal gilt, setze ich heute mal ein Fragezeichen. Was heisst denn das eigentlich? Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach: Tun, was ICH tun will, und zwar so, wie ICH es f\u00fcr richtig halte. Nun ist aber die Bezahlung, die ja keiner entbehren kann und will, eine Gegenleistung f\u00fcr das Dienen, daf\u00fcr, dass ich eben NICHT tue, was mir gerade Spass macht, sondern an einer Aufgabe arbeite, die anderen nutzt: kontinuierlich und berechenbar, nicht spontan &amp; sporadisch. Diese Grundstruktur jedes bezahlten Arbeitsverh\u00e4ltnisses, ob nun als &#8222;Freie&#8220; oder Angestellte, ist nicht auszuhebeln. Auch das Sich-selbst\u00e4ndig-machen, seine eigene Chefin sein, verschiebt die Sache nur vom Arbeit- bzw. Auftraggeber auf den anonymen &#8222;Markt&#8220; &#8211; manch eine merkt erst dann, was es bedeutet, &#8222;frei&#8220; zu schalten und zu walten, wenn keine b\u00f6se oder idiotische Chefin mehr als Puffer zwischen ihr und den potenziellen Kundinnen steht. <span style=\"color: red;\">;-)<\/span><\/p>\n<p>Die &#8222;ganze Freiheit&#8220; ist also nicht zu haben, selbst K\u00fcnstler und Autoren, gern als besonders Selbstbestimmte glorifiziert, m\u00fcssen sich &#8222;vermarkten&#8220;, heute mehr denn je. Wenn ich also Leute klagen h\u00f6re \u00fcber mangelnde Selbstbestimmung, fehlende Freiheit, schlimme Bedr\u00fcckungen durch fremde Einfl\u00fcsse und Anforderungen, dann versuche ich, zu unterscheiden: Leiden sie an dem, was nicht zu \u00e4ndern ist und sitzen also Illusionen auf? Oder stecken sie &#8217;nur&#8216; in Zw\u00e4ngen und Gewohnheiten fest, die sie nicht mehr \u00fcberblicken, geschweige denn \u00e4ndern k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Wir haben in diesem unserem Land &#8211; daran zu denken, schadet nie! &#8211; noch immer sehr luxuri\u00f6se Bedingungen, um dieses Problemfeld individuell und kollektiv zu bearbeiten. Das soziale Netz sch\u00fctzt vor den schlimmsten H\u00e4rten, viele sch\u00fctzt es so gut (z.B. durch &#8222;unbefristete Arbeitslosenhilfe&#8220;), dass sie nicht einsehen, Kompromisse zu machen zwischen den eigenen Vorstellungen und dem, was gefordert wird. Ich denke, ich darf das offen sagen, denn ich habe selbst von diesem Netz viele Jahre gelebt und in dieser Zeit nicht im Traum daran gedacht, mich &#8222;ernsthaft zu bewerben&#8220; &#8211; ich war gut darin, so zu tun, als ob.<\/p>\n<p>Meine Verweigerung konnte ich mir selbst gegen\u00fcber rechtfertigen, weil ich ja immerhin nicht unt\u00e4tig war: schwer aktiv in der Stadtteilpolitik, n\u00fctzlich als Beratungsinstanz f\u00fcr Mieter und andere Sanierungsbetroffene leistete ich unbezahlte B\u00fcrger-Arbeit und hatte also kein schlechtes Gewissen, das soziale Netz in Anspruch zu nehmen. Sch\u00f6n und gut, aber wenn ich genau hinsehe, hab ich doch ein wenig MEHR und L\u00c4NGER abgehangen, als es &#8218;gerechter Ausgleich&#8216; gewesen w\u00e4re!<\/p>\n<p>Meine Schwester ist Psychologin und betreut seit Jahren Langzeitarbeitslose, relativ erfolglos, ihre Kandidaten sind psychisch sehr weit weg vom Gedanken an Arbeit. Sie berichtete, dass vor einigen Jahren, als die Politik mal beschlossen hatte, die Arbeitslosenhilfe zu befristen, auf einmal ein RUCK durch die Reihen ging. Pl\u00f6tzlich wurden die Leute etwas wacher, begannen, sich ernsthaft Gedanken zu machen &#8211; auf Sozialhilfe hat ja nun echt niemand Lust! Das Vorhaben ist dann allerdings nochmal verhindert worden und alle wendeten sich wieder ab vom &#8222;Problem&#8220;. (Achtung Leute, das kommt! Im Zuge der europ\u00e4ischen Vereinheitlichung ist die unbefristete ALHI nicht zu halten.)<\/p>\n<p>Heute bin ich dankbar f\u00fcr die Zeit, die mir das soziale Netz gegeben hat: Zeit, meinen Impulsen zu folgen oder auch gar nichts zu tun und zu erleben, wie mir das bekommt. Und wenn ich demn\u00e4chst meine Steuer &#8217;99 mache (oh Graus!) und im Ergebnis ALLES Geld, das \u00fcber plus-minus Null hinausgeht, beim Finanzamt abgebe, dann jammere ich nicht, sondern erinnere mich daran!<\/p>\n<p>V\u00f6llig selbst bestimmtes Arbeiten ist, wie man es auch betrachtet, eine Idealvorstellung und als solche unerreichbar. Was geht, ist ein st\u00e4ndiges Sich-m\u00fchen, den jeweiligen Rahmen selbst zu w\u00e4hlen, bzw. ab und zu auszuwechseln und innerhalb dieses Rahmens m\u00f6glichst gro\u00dfe Freir\u00e4ume zu erobern, bzw. zu verteidigen. In der Regel geht das nur \u00fcber gesteigerte N\u00fctzlichkeit: Je mehr Nachfrage, Bedarf, Probleml\u00f6sung jemand erzeugt, desto eher l\u00e4\u00dft man ihn machen, was und wie er will.<\/p>\n<p>So jedenfalls stellt sich das &#8222;von au\u00dfen&#8220; dar. Gl\u00fcck und Zufriedenheit, Freude und Abenteuer sind aber innere Angelegenheiten eines jeden Individuums. Der neue Job, die Bef\u00f6rderung, der tolle Auftrag oder die Sehnsucht danach verstellen den Blick, bzw. richten ihn in die falsche Richtung, wenn es darum geht, die Freude in und an der Arbeit zu finden. Man glaubt leicht, wenn nur dieser oder jener Erfolg eintrete, dann breche auf einmal Zufriedenheit aus, dann sei das Problem gegessen, die Kuh ein f\u00fcr allemal vom Eis. Weit gefehlt! Genau dieser Blick nach aussen, auf die Bedingungen, die Mitarbeiter, die Rendite oder H\u00f6he des Verdienstes ist es, der erfolgreich ablenkt von dem, was eigentlich ansteht: Die eigenen F\u00e4higkeiten und Talente auszuexperimentieren, f\u00fcr sich selbst das zu finden, was &#8222;an sich&#8220; und nicht &#8222;um zu&#8220; Freude macht. Arbeiten und nach befriedigender Arbeit immer neu Ausschau halten ist eine Form der Suche nach Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Allein aus einmal vorhandenen Vorstellungen heraus beantwortet sich das nicht, sondern nur aus intensiver Praxis.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wenn ich \u00fcber Arbeit oder auch &#8222;nur&#8220; Geld verdienen schreibe, bekomme ich mehr Resonanz als sonst, offensichtlich brennt das Thema vielen auf den N\u00e4geln. Manche sehen meine Situation als \u00fcbers Netz arbeitende Freelancerin als ideal an und m\u00f6chten das f\u00fcr sich am liebsten ganz genauso haben, von jetzt auf gleich, versteht sich! Andere denken [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[852,103,307,32],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3989"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3989"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3989\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3989"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3989"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3989"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}