{"id":3988,"date":"2000-08-12T13:17:27","date_gmt":"2000-08-12T11:17:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3988"},"modified":"2023-12-02T13:21:58","modified_gmt":"2023-12-02T12:21:58","slug":"real-life-kann-weh-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/12\/real-life-kann-weh-tun\/","title":{"rendered":"Real Life kann weh tun"},"content":{"rendered":"<p>Die <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"http:\/\/www.netzliteratur.de\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Liste Netzliteratur<\/a> ist meine Lieblings-Community: Anders als in vielen anderen Mailinglisten, die sich durch ihren rauhen Ton und st\u00e4ndige &#8222;Hahnenk\u00e4mpfe&#8220; auszeichnen, gehen die Leute meist freundlich miteinander um. Klar, es wird auch mal gefrozzelt, es gibt Phasen der Langeweile und Mails, die kein Newcomer verstehen kann, aber alles in allem ist es doch &#8222;eine fr\u00f6hliche Schar&#8220;, viele Mitglieder kennen sich pers\u00f6nlich (f2f) und arbeiten in manchem Projekt zusammen.<!--more--><br \/>\nAls vor ein paar Tagen ein paar Neu-Einsteiger, jegliche Nettiquette ignorierend, in die Liste &#8222;bretterten&#8220; und mittels provozierender Spr\u00fcche die Runde ein wenig aufmischen wollten, wirkte das zun\u00e4chst als ganz willkommene Belebung. Schliesslich dient so eine Liste ja auch der platten Unterhaltung: als Unterbrechung im Arbeitstag guckt man mal rein, was denn so los ist&#8230;<\/p>\n<p>Die Neuen, allesamt Mitarbeiter eines netzbekannten Satire-Magazins, fielen nicht nur durch ihren agressiven Ton, sondern auch durch ihre Ahnungslosigkeit auf: Offensichtlich hatten sie keinerlei Beziehung zum Thema Netzliteratur und wussten nicht so recht, \u00fcber was reden. Dass das aber auch gar nicht in Ihrer Absicht lag, sollte die Liste noch zu sp\u00fcren bekommen.<\/p>\n<p>Ich ignorierte die Neuen weitgehend. &#8222;Auf-den-Putz-hauen&#8220; als Selbstzweck ist in bestimmten Lebensaltern reizvoll, die halt einfach schon hinter mir liegen. ;-) Erst, als sie einen alten Mann angriffen, der sich &#8211; vorgeblich 79 Jahre alt &#8211; in die Liste verirrt und dort zum Besten gegeben hatte, die Kriegsjahre seien seine sch\u00f6nste Zeit gewesen (guter Job, viele Freundinnen), verteidigte ich diesen alten Mann gegen die bl\u00f6de Anmache. Ja, ich schickte ihm sogar per PM ein &#8222;Help-File&#8220; mit allerlei Tips zur Mail-Nutzung und einigen Erl\u00e4uterungen zum sozialen Geschehen in so einer Liste, wof\u00fcr er sich herzlich bedankte.<\/p>\n<p>Alte Menschen im Web werden zur Zeit mehr, das sagen auch die Statistiken. Pers\u00f6nlich hatte ich in den letzten Monaten Mailkontakt zu mehreren 65 bis 85-J\u00e4hrigen, die mich aufgrund einiger Diary-Eintr\u00e4ge angemailt hatten &#8211; es kam mir also nicht gleich v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig vor, dass sich &#8222;so einer&#8220; mal in eine Mailigliste verirrt haben sollte. Und &#8211; das ist auch Fakt &#8211; ich guck&#8216; mir die \u00c4u\u00dferungen anderer nicht daraufhin an, ob sie irgendwie &#8222;unstimmig&#8220; sind, ich nehme den Leuten erstmal ab, dass sie das sind, was sie zu sein vorgeben &#8211; wie sollte man sich sonst sinnvoll verhalten?<\/p>\n<p>Andere waren weniger gutgl\u00e4ubig. Als sich der Streit um den vermeintlichen &#8222;alten Nazi&#8220; hochschaukelte, vermuteten etliche Listenmitglieder, dass es sich hier um einen &#8222;Fake&#8220; handelt: Eine Kunstfigur, ein Pseudo, eine F\u00e4lschung, von den Newcomern zu rein provokatorischen Zwecken geschaffen: schliesslich wurde auch der Streit von IHNEN inszeniert, die Listenmitglieder gingen eher sachlich auf die angeschnittenen Themen ein, wehrten sich gegen die zunehmende Agressivit\u00e4t oder bezweifelten schlicht das ganze Geschehen &#8211; womit sie Recht behielten!<\/p>\n<p>Per PM forderte ich den &#8222;alten Herrn&#8220; auf, mich anzurufen und so seine Identit\u00e4t zu beweisen. Als das einen ganzen Tag lang nicht geschah, wusste ich, was Sache war. Und ich f\u00fchlte mich verletzt, als h\u00e4tte mich jemand in den Bauch getreten.<\/p>\n<p>Als sich der &#8222;T\u00e4ter&#8220; in der Liste schlie\u00dflich als 35-j\u00e4hriger Satire-Schreiber outete, der die Netzliteratur-Community aus blossem Verwertungsinteresse benutzt hatte wie die Ratten in einem Labyrinth, hatte ich ein paar Stunden lang Lust, den Computer einzumotten, die Maus in den M\u00fcll zu werfen und mir ein anderes Bet\u00e4tigungsfeld zu suchen. Warum nicht z.B. als Altenpflegerin? Irgend etwas, wo man dem Anderen ins Gesicht sehen kann &#8211; und der Andere MIR ins Gesicht sehen muss, wenn er sich unm\u00f6glich macht!<\/p>\n<p>Ich sass am Fenster, schaute auf die beruhigend gr\u00fcne Schlosswiese und dachte dar\u00fcber nach, was das alles bedeutet. Jenseits des vordergr\u00fcndigen \u00c4rgers, pers\u00f6nlich verarscht worden zu sein, war ich unendlich traurig. Es schmerzt mich einfach, dass Menschen mit anderen umgehen, als seien sie bloss Texte, Programme, Material.<\/p>\n<p>Dereinst bin ich nach einem Jahr Reinschnuppern in die Welt politischer Parteien mit Abscheu dort wieder ausgetreten, weil ich es so widerw\u00e4rtig fand, wie da &#8222;der Gegner vorgef\u00fchrt&#8220; wurde &#8211; einfach so, jenseits irgend einer Sache, um die es gegangen w\u00e4re. Dass das im Netz mittlerweile zum Privatsport profilierungswilliger Schreiber geworden ist, die der Realit\u00e4t nichts Berichtenswertes abgewinnen und deshalb ihre Ereignisse selber inszenieren m\u00fcssen, deprimiert mich. Es zeigt diese grauenhafte Leere, wo normalerweise Menschen ein Herz haben sollten.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte jetzt entschuldigend sagen: Sie wissen nicht, was sie tun. Jemand, der einen Fake inszeniert, findet das einfach nur lustig und denkt nicht dar\u00fcber nach, dass er damit die Bedingungen sozialen Verhaltens untergr\u00e4bt, ja, verunm\u00f6glicht. Es steht ihm nicht vor Augen, dass er damit Misstrauen s\u00e4ht, Verschlossenheit nahelegt, ja, Angst verbreitet. (Wie kann jemand noch hilfsbereit und offen auf jemanden zugehen, der stets f\u00fcrchten muss, der andere sei ein &#8222;Fake&#8220;, zu vermutlich feindseligen Absichten geschaffen?).<\/p>\n<p>Leider funktioniert diese vernunftgl\u00e4ubige De-Eskalierungs-Denke nicht: Ich glaube nicht mehr daran, dass jemand, der seine Umwelten und Mitmenschen derart egozentrisch ge- und missbraucht, einfach &#8222;unwissend&#8220; ist. Es ist ihm schlicht egal, was er bei anderen anrichtet. Hauptsache, er kann einen fetzigen Artikel schreiben! Angesichts dieser Tatsache habe ich die einfache Wahl: Ziehe ich die Kampfmontur an und gehe Waffen-starrend und verpanzert durch die Welt, um sicher zu sein, dass mir keiner dumm kommt? Oder verzichte ich darauf und nehme in Kauf, gelegentlich verletzt zu werden?<\/p>\n<p>Diese Entscheidung ist selten bewusst. Sie entwickelt sich im Lauf des \u00c4lter-werdens. Wenn ich so dar\u00fcber nachdenke, sehe ich das Erwachsen-werden als Entwicklung von verletzlicher Weichheit zu kampfge\u00fcbter H\u00e4rte: als Kind ist man allen \u00dcbeln hilflos ausgeliefert, doch im Lauf der Jahre lernt man immer besser einzustecken, aber auch auszuteilen. Das geht so weiter, bis es ca. Mitte dreissig einen Gipfel erreicht (so war es zumindest bei mir). Man ist zu einer schlagkr\u00e4ftigen Kampfmaschine geworden, wow! Doch auf einmal sp\u00fcrt man, dass es gar nichts zu erk\u00e4mpfen oder zu erreichen gibt, dass man sich lediglich gegen\u00fcber dem Leben dicht gemacht, den Anderen gegen\u00fcber verschlossen hat &#8211; und wof\u00fcr?<\/p>\n<p>Ich will das jetzt nicht vertiefen, es f\u00fchrt zu weit weg. Wir kennen ja alle die verbitterten Alten, die ignorant, b\u00f6sartig und geistig eng geworden sind: Sie haben sich NICHT rechtzeitig f\u00fcr Abr\u00fcstung entscheiden k\u00f6nnen. Sie leben in ihrer je eigenen H\u00f6lle und verbreiten Angst und Schrecken vor dem Alter, als g\u00e4be es keine Alternative.<\/p>\n<p>Der Weg der Abr\u00fcstung ist manchmal auch hart: Es tut weh, verletzt zu werden und sich das nicht sch\u00f6n zu reden. (Es liegt n\u00e4her, durch k\u00f6rperliche Verspannungen die Empfindung zu blockieren und das gar nicht erst wahrzunehmen). Aber ich f\u00fchle mich lebendiger damit, das Leben ist &#8211; bei aller H\u00e4rte &#8211; doch viel geheimnisvoller, wenn man ein flexibler Resonanzbodern ist und keine unersch\u00fctterliche Mauer.<\/p>\n<p>Was mich in Sachen &#8222;Fake&#8220; letztlich getr\u00f6stet hat, waren die gelassenen Reaktionen in der Liste: Der Event wurde locker weggesteckt und festgestellt, dass wir ALLE ZUSAMMEN den &#8222;Angriff&#8220; doch gut pariert haben: Freundliche Hilfsangebote, differenzierte Beitr\u00e4ge zum Thema &#8222;damals&#8220; und &#8222;Generationenkonflikt&#8220;, wie auch ein gutes Gesp\u00fcr f\u00fcr falsche Fuffziger &#8211; alles war da, nichts fehlte. Ein Listiger fasste es treffend in die Worte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;und irgendwie gibt es hier eine kollektive klugheit, die mehr ist als die summe der koepfe.&#8220;<span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"><br \/>\n<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Liste Netzliteratur ist meine Lieblings-Community: Anders als in vielen anderen Mailinglisten, die sich durch ihren rauhen Ton und st\u00e4ndige &#8222;Hahnenk\u00e4mpfe&#8220; auszeichnen, gehen die Leute meist freundlich miteinander um. 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