{"id":3987,"date":"2000-08-14T13:15:30","date_gmt":"2000-08-14T11:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3987"},"modified":"2023-12-02T13:17:24","modified_gmt":"2023-12-02T12:17:24","slug":"politik-des-vertrauens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/14\/politik-des-vertrauens\/","title":{"rendered":"Politik des Vertrauens"},"content":{"rendered":"<p>Endlich Sommer! Seit vorgestern mittag bin ich dem Ger\u00e4t fern geblieben, eine ungew\u00f6hnlich lange Zeit. Auch jetzt &#8211; es ist 7 Uhr zehn &#8211; schreib&#8216; ich erstmal Diary, bevor ich einen Blick in die Mailbox wage: Zu viele verschiedene Dinge k\u00f6nnten auf mich einst\u00fcrmen, mit dem Ergebnis, dass ich mich auf das Schreiben nicht mehr konzentrieren kann, weil allzuviel &#8218;einf\u00e4llt&#8216;, um noch etwas ausw\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. &#8222;Sich verzetteln&#8220; hiess das, als man noch mit Papier arbeitete.<!--more--><br \/>\nIm &#8222;Weltspiegel&#8220; der ARD zeigten sie gestern Ausschnitte aus dem amerikanischen Wahlkampf. Wie schwer es Al Gore hat, als etwas h\u00f6lzerner und wenig emotionaler Typ Punkte zu machen. Wie man dem durch sorgf\u00e4ltig inszenierte Auftritte mit Familie oder in der Heimatstadt entgegen steuert, wo er sich als &#8222;Junge von nebenan&#8220; gerieren mu\u00df. Keine Rede von Politik, keinerlei &#8222;Programme&#8220;, es geht darum, zu zeigen, WER Al Gore ist, das interessiert das amerikanische Volk sehr viel mehr als das, was er zu diesem oder jenem Gegenstand aus der Weltpolitik denken mag.<\/p>\n<p>Uns Europ\u00e4ern mutet das etwas seltsam an, die Wahlkampffeste werden kritisiert und besp\u00f6ttelt, weil so wenig INHALTE vorkommen und statt dessen die grosse Selbstdarstellungs-Show des Kandidaten abl\u00e4uft. &#8222;Wird er f\u00fcr uns da sein?&#8220;, fragen sich die W\u00e4hler und beurteilen das nach ganz unterschiedlichen Kriterien, nicht aber nach &#8222;Programmen&#8220;.<\/p>\n<p>Mir scheint, es gibt da nichts zu spotten. Was hier abl\u00e4uft, ist &#8222;Politik des Vertrauens&#8220; und nicht mehr des &#8222;Diskurses&#8220;. Breite Kreise haben es offensichtlich aufgegeben, daran zu glauben, sie k\u00f6nnten sich in der schnellebigen globalisierten Welt zu allen wichtigen Fragen eine profunde Meinung bilden. Also setzen sie konsequent darauf, m\u00f6glichst vertrauensw\u00fcrdige Personen an die Spitze zu bringen und die Kandidaten tun alles, um sich als Politiker &#8222;zum Anfassen&#8220; zu pr\u00e4sentieren. Die &#8222;Wahlkampf-Maschine&#8220; wird manches in hellem Licht strahlen lassen und anderes verschweigen, also durchaus verf\u00e4lschend wirken. Da allerdings auch die Gegner das Vorleben intentsiv durchleuchten, sind der Manipulation Grenzen gesetzt. Der Kandidat wird transparent gemacht, mit allem, was er ist und was er war, damit jeder beurteilen kann, ob er nun wirklich ein &#8222;good guy&#8220; ist.<\/p>\n<p>&#8222;Wissensgesellschaft&#8220; ist, wenn das Wissen aus den Gehirnen aus- und in Festplatten und Datenbanken einwandert. Genau wie das Zeitalter der Mobilit\u00e4t dadurch gekennzeichnet war, dass die Menschen das Selber-Laufen aufgegeben haben und in die Autos (auto=selbst) gestiegen sind, so bedeutet &#8222;Informationsgesellschaft&#8220; den Abschied vom Selber-Wissen, Selber-Urteilen, Selber-w\u00e4hlen. Nichts geht mehr ohne den Zugriff auf die Datenbanken, ohne kundiges Suchen &amp; Finden, und wer glaubt, man h\u00e4tte alle Zeit der Welt, um stets \u00fcber alles &#8222;informiert&#8220; zu sein, ist ein Phantast.<\/p>\n<p>Was bleibt also \u00fcbrig? Wenn etwas zu entscheiden ist, das ich nicht \u00fcberblicke, frage ich gute Freunde oder Leute, deren \u00f6ffentlich vermittelter Eindruck mir sagt: Dem kannst du trauen! Und ich verhelfe &#8211; sofern ich Gelegenheit habe &#8211; Leuten zu \u00c4mtern und Funktionen, von denen ich denke: die werden ihren Job aus bestem Wissen und Verm\u00f6gen machen und vermutlich nicht korrupt sein. Der &#8218;Vater von Linux&#8216; als Direktor der ICANN? Aber klar!<\/p>\n<p>Dieses Vertrauen ist ein Kapital, das man nicht allein durch &#8222;gute Sacharbeit&#8220; erwirbt, sondern indem man sich m\u00f6glichst als ganzer Mensch zeigt, mit ganz vielen &#8222;Kontaktpunkten&#8220;, die Vertrauen erm\u00f6glichen, weil sie Verbundenheit signalisieren: Aha, er ist ein Natur-Fan, er mag die Toskana, er tr\u00e4gt am liebsten Jeans, er f\u00e4hrt auf diese oder jene Musik ab &#8211; genau wie ich! So einer kann eigentlich kein Arschloch sein&#8230;.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann man sich gewaltig irren, indem man jemandem pers\u00f6nlich vertraut. Man kann betrogen werden, ohne Frage. Aber das ist dann nicht viel anders, als wenn man dem &#8222;Wissen&#8220; vertraut h\u00e4tte: Wer sagt denn, dass es nicht FALSCH ist? Dass die Quellen nicht veraltet sind oder bewusst einseitig informieren? Dass nicht schon die Daten gef\u00e4lscht oder falsch interpretiert wurden?<\/p>\n<p>Firmen und Institutionen haben es schwer in der heraufziehenden Vertrauensgesellschaft. K\u00fcmmern sie sich um blosse Profitmaximierung, schaffen sie Vertrauen bei den Aktion\u00e4ren, nicht aber beim Kunden oder Mitarbeiter. Doch gerade mit diesen soll das Gesch\u00e4ft doch gemacht werden &#8211; eine Zwickm\u00fchle. Erschwert wird die Sache noch durch das Netz: Jeder kann sich anhand der Website eines Unternehmens einen guten Eindruck verschaffen, ob der Laden vertrauensw\u00fcrdig ist. Je mehr und l\u00e4nger das Web genutzt wird, desto vielf\u00e4ltiger und treffender werden die Kriterien, die man hier anlegt: Sehe ich Namen und Gesichter oder bloss eine nichtssagende Mail-Adresse? Bekomme ich binnen kurzer Zeit Antwort von einem Menschen, wenn ich hinschreibe? Finde ich nur vorgestanzte Formulare, oder werde ich ermuntert, mich zu allem und jedem einfach zu Wort zu melden, wenn ich etwas sagen will? Spricht die Firma eine menschliche Sprache oder verliert sie sich in wolkigem Marketing-Blabla und endloser Selbstbeweihr\u00e4ucherung?<\/p>\n<p>&#8222;Trau, schau, wem?&#8220; sagten unsere Grossm\u00fctter. Wir werden uns der Frage in Zukunft bewusster zuwenden m\u00fcssen. Vielleicht reicht es ja, durchgeknallte Egoisten aus dem \u00f6ffentlichen Leben zu verdr\u00e4ngen, ganz pragmatisch auf konkrete Menschen zu setzen, anstatt &#8222;am Werteverlust zu kranken&#8220;. Was meint Ihr?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich Sommer! Seit vorgestern mittag bin ich dem Ger\u00e4t fern geblieben, eine ungew\u00f6hnlich lange Zeit. 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