{"id":3985,"date":"2000-08-16T13:09:35","date_gmt":"2000-08-16T11:09:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3985"},"modified":"2023-12-02T13:11:33","modified_gmt":"2023-12-02T12:11:33","slug":"die-midas-krankheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/16\/die-midas-krankheit\/","title":{"rendered":"Die Midas-Krankheit"},"content":{"rendered":"<p>Noch ein Huhn tot! Diemal war es ein kleiner Hahn, der vom Hund gefressen wurde, nachdem er sich durch eine L\u00fccke unter der T\u00fcr aus dem H\u00fchnergehege befreit hatte. Traurig, selbst die H\u00fchner hat es mitgenommen, sie haben gestern durchweg keine Eier gelegt. &#8222;So regelt alles die Natur&#8220;, sagt der Nachbar, und ist froh, den Hahn demn\u00e4chst nicht selber schlachten zu m\u00fcssen, wenn er alt genug gewesen w\u00e4re, mit dem alten Hahn Stress zu bekommen.<!--more--><\/p>\n<p>Natur? Nichts ist hier Natur: nicht die H\u00fchner, die auf Hochleistung (t\u00e4glich ein Ei) gez\u00fcchtet sind, und auch nicht nicht der Neufundl\u00e4nder, dessen Augen einen typischen &#8222;Zuchtschaden&#8220; aufweisen und oft tr\u00e4nen. Die Apfelb\u00e4ume, die zur Zeit unter der F\u00fclle an \u00c4pfeln fast zusammenbrechen, sind hoch-optimierte Produktionsanlagen, und die Lilien und andere von Mietern gesetzte Bl\u00fctenpflanzen wachsen verl\u00e4\u00dflich zu exakt dem spektakul\u00e4ren Anblick heran, den man aus den Gartenprospekten kennt.<\/p>\n<p>Apropos Garten: Als ich vor einem guten Jahr hierher gezogen bin, dachte ich nat\u00fcrlich daran, ein bi\u00dfchen zu g\u00e4rtnern. Platz ist ja genug. Doch schon zwei Versuchsbeete (Salat, Mangold) und ein kleines Erdbeerfeld machen derart viel Arbeit, dass ich davon abgekommen bin. Die Beete gegen Schnecken, Hunde, V\u00f6gel, Maulw\u00fcrfe und Kinder zu verteidigen und vor dem v\u00f6lligen \u00fcberwuchert werden zu retten, ist aussichtslos, wenn man nicht alles durchrationalisiert, den Garten umz\u00e4unt und t\u00e4glich &#8222;nach dem Rechten&#8220; sieht. N\u00e4chstes Jahr werden wir vermutlich nichts mehr pflanzen.<\/p>\n<p>Wozu auch? Die Erdbeeren, die da jetzt wachsen, sind die teuersten Erdbeeren meines Lebens. Mehrere Packungen Schneckenkorn zu je 18 Mark waren n\u00f6tig, um \u00fcberhaupt etwas gegen die schleimigen Nacktschnecken auszurichten, die zu Heerscharen das Gebiet bev\u00f6lkern und alles nieder fressen. Ganz zu schweigen von der Arbeitszeit!<\/p>\n<p>Der tiefere Grund aber, warum mir der Garten gestohlen bleiben kann, ist ein anderer: Es fasziniert mich nicht, irgendwelche Samenpackungen, Stauden oder Zwiebeln im Gartencenter einzukaufen, vorschriftsm\u00e4\u00dfig zu d\u00fcngen und zu pflegen, um schlie\u00dflich ein Ergebnis zu bekommen, das &#8211; ja, wirklich! &#8211; ganz genauso aussieht wie die Prospekte. Eine riesige Gartenbedarfs-Industrie versorgt den Hobby-G\u00e4rtner mit allem erdenklichen Schnickschnack, von den verl\u00e4\u00dflich und berechenbar wachsenden Pflanzen bis hin zur richtigen Outdoor-Kluft. Einen Garten machen ist so zwar immer noch aufwendig, aber im Prinzip nicht viel anders, als zum Kuchenbacken eine Backmischung zusammenzur\u00fchren. Da kauf ich lieber gleich einen Fertig-Kuchen und mach&#8216; mir nichts vor von wegen &#8222;Natur&#8220;.<\/p>\n<p>Sehen, wie etwas &#8222;von selber&#8220; w\u00e4chst &#8211; das war der urspr\u00fcngliche Reiz, der mich schon als Kind in Entz\u00fccken versetzt hat. Eine gro\u00dfartige Bl\u00fcte zum Beispiel stellte ich mir als Ausnahme, als Belohnung f\u00fcr viele Fehlschl\u00e4ge vor. Keine Rede! Es keimt und w\u00e4chst alles GARANTIERT wie auf der Packung angegeben.<\/p>\n<p>Warum nur diese Gef\u00fchle des \u00dcberdrusses? Ist es nicht wunderbar, dass es Menschen gelingt, alles zu verbessern? Das Chaotische in berechenbare Ordnung zu bringen, verl\u00e4\u00dfliche Ertr\u00e4ge zu garantieren, Fehlschl\u00e4ge zu minimieren und beliebige Formen zu erzeugen, ganz nach der jeweiligen Mode? Ich muss an die Sage vom K\u00f6nig Midas denken, dem alles, was er ber\u00fchrte, zu Gold wurde &#8211; bis er verhungert ist.<\/p>\n<p>Wonach suchen wir? Ist es nicht immer wieder das Unbekannte, Unberechenbare? Das, was &#8222;von selber&#8220; schon da ist, bzw. \u00fcber uns hereinbricht, ohne dass je ein Mensch mit seinem ach so effektiven Verstand die Dinge in Richtung \u00fcberschaubar, ergonomisch nutzbar und totlangweilig optimiert hat? Was wollen denn all die fernreisenden Menschen, die jedes Jahr in Scharen weniger zivislisierte Gebiete aufsuchen? Was reizt am Bungie-Springen oder an den Extrem-Sportarten? Und schlie\u00dflich: Woher diese Lust an Katastrophenfilmen, an Bildern von Gewalt und Grausamkeit?<\/p>\n<p>Etwas in uns ist wild, durch nichts zivilisierbar, allenfalls ins Unbewu\u00dfte abzudr\u00e4ngen. Je rationaler und verregelter die Welt, desto gr\u00f6\u00dfer die Sehnsucht nach dem &#8222;ganz anderen&#8220;. Aber wenn wir auch nur ein St\u00fcck davon irgendwo finden, beginnen wir sofort, auch da Ordnung zu schaffen, das Unberechenbare zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und alles h\u00fcbsch effektiv zu optimaler N\u00fctzlichkeit umzuformen. Es ist v\u00f6llig absurd &#8211; sogar ernstlich verr\u00fcckt! &#8211; und es deprimiert mich, das in mir selbst genauso wahrzunehmen, wie an allen anderen, bzw. in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Jetzt, nachdem Tiere und Pflanzen, Landschaften und soziale Prozesse, Produktion, Verbrauch und Entsorgung &#8222;im Prinzip&#8220; durchrationalisiert sind, greift der Apparat aus Technik, Wissenschaft &amp; Wirtschaft nach dem Menschen selbst: hier ist noch jede Menge zu optimieren, packen wir&#8217;s an!\u00b7 Ein Mensch wird dann endlich auch nicht mehr &#8222;von selber&#8220; der sein, der er ist. Man wird mit den Schultern zucken und feststellen: Tja, er ist halt ein Microsofti&#8230; &#8211; oder auch bewundernd: He&#8217;s a Sony!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch ein Huhn tot! Diemal war es ein kleiner Hahn, der vom Hund gefressen wurde, nachdem er sich durch eine L\u00fccke unter der T\u00fcr aus dem H\u00fchnergehege befreit hatte. 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