{"id":3984,"date":"2000-08-17T13:06:45","date_gmt":"2000-08-17T11:06:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3984"},"modified":"2023-12-02T13:09:21","modified_gmt":"2023-12-02T12:09:21","slug":"die-logik-des-netzes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/17\/die-logik-des-netzes\/","title":{"rendered":"Die Logik des Netzes"},"content":{"rendered":"<p>Der Regen tr\u00f6pfelt auf das Oberlicht aus milchglas-artigem Hartplastik, das \u00fcber der Wendeltreppe zwischen unseren beiden Wohnetagen viel Licht hereinl\u00e4\u00dft. Ich liebe diesen Sound, er hat etwas Beruhigendes und vermittelt das Gef\u00fchl: Kein Grund, etwas zu tun! Bleib drin, lies die Zeitung oder ein Buch, es gibt nichts zu tun.<!--more--><br \/>\nDas stimmt nat\u00fcrlich nicht. So wenig ich derzeit Stress habe, gibt es doch st\u00e4ndig diesen &#8222;R\u00fcckstau&#8220; von Vorhaben und angefangenen Projekten, dieses immerw\u00e4hrende Hintergrundgef\u00fchl: Eigentlich sollte ich jetzt&#8230; Im Grunde ist es aber gar kein R\u00fcckstau, sondern einfach die Tatsache, dass ich an l\u00e4ngerfristigen Projekten beteiligt bin und nicht nur eilig eins nach dem anderen abarbeite (hau-ruck und fertig!). Das lineare Herangehen ist im Netz nicht durchzuhalten, eher bin ich ein Knoten in einem Geflecht vielf\u00e4ltiger Aktionslinien, durch die manchmal &#8218;Strom&#8216; fliesst, manchmal nicht. Die Arbeit als Netzwerkerin besteht dann aus:<\/p>\n<ul>\n<li>abchecken des Status der einzelnen &#8222;Dr\u00e4hte&#8220;: Was liegt an?<\/li>\n<li>reagieren, wenn es n\u00f6tig ist, mal nur in Form von Kommunikation, mal durch &#8222;richtige&#8220; Arbeit<\/li>\n<li>agieren, &#8222;stromlose&#8220; Linien selber wieder mit Energie beschicken<\/li>\n<li>Kn\u00fcpfen neuer &#8222;Dr\u00e4hte&#8220; zu anderen Knoten<\/li>\n<li>Konzeptionieren und Aufbauen ganzer Netzbereiche, die es SO noch nicht gibt<\/li>\n<li>entsorgen \/ entfernen von abgestorbenen Bereichen: daran denkt man kaum, deshalb die vielen frustrierenden &#8222;Web-Leichen&#8220;.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aus dem Netz gibt es kein Entrinnen mehr. Es ist kein &#8222;Job&#8220;, den man einfach mal wechseln k\u00f6nnte: Vor den Zeiten des Netzes dauerte mein l\u00e4ngstes Engagement in der Arbeitswelt gut zwei Jahre, meist deutlich weniger. Doch seit Anfang &#8217;96 baue ich am Netz und vermutlich werde ich nie wieder etwas anderes tun. Oder besser formuliert: ALLES, was ich tun werde, wird in Gestalt dieses Networking stattfinden &#8211; oder es wird NICHT stattfinden.<\/p>\n<p>Klar, man kann mal Urlaub machen, fern vom Ger\u00e4t. Doch mehr und mehr bemerke ich, wie meine Freunde und Kollegen dazu \u00fcbergehen, per Laptop &amp; Handy auch in ihren Auszeiten ansprechbar und aktionsf\u00e4hig zu bleiben. Ganz wie die Zellen eines K\u00f6rpers, die ja auch kontinuierlich ihre Aufgaben erf\u00fcllen m\u00fcssen, um dem Ganzen nicht zu schaden.<\/p>\n<p>Wenn man es auf diese Weise betrachtet, sieht man die Logik des Netzes, die sich mit \u00fcberw\u00e4ltigender Macht und Geschwindigkeit in alle sozialen Prozesse einschreibt und diese nach Effizienz-Kriterien umorganisiert. Alles h\u00e4ngt mit allem zusammen &#8211; die uralte Mystiker-Erkenntnis wird durch das Netz technisch verwirklicht, ganz profan im Hier &amp; Jetzt, und vor allem auch in jedem &#8222;dort&#8220;.<\/p>\n<p>Stellt man sich &#8211; falsch, aber zu \u00dcberlegungszwecken spielerisch sinnvoll &#8211; das Netz als bewu\u00dfte Intelligenz vor, als eine Entit\u00e4t, die wie jedes Wesen leben, wachsen und dominieren will, so ist klar, was das erste Ziel ist: <b>Bestandserfassung<\/b>, Inventur. Alles, was da ist, muss verdatet, in den Speichern \u00fcbersichtlich repr\u00e4sentiert werden. Dazu geh\u00f6rt zuvorderst, zu wissen, wo sich jeder Mensch gerade aufh\u00e4lt, sei es nun im physischen Raum oder im Cyberspace. Im physischen Raum wird das derzeit durch den Handy-Boom vorangetrieben: Ein angeschaltetes Handy ist recht genau ortbar. WAP und UMTS machen daraus den Netzzugang. Hinzu kommen Video-\u00dcberwachungen (plus m\u00f6glicher Gesichtserkennung) an \u00f6ffentlichen Orten und in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden, sowie die satellitengest\u00fctzte Ortung im Strassenverkehr. Im Netz selbst sind Bestrebungen im Gange, die Internet-Protokolle so zu ver\u00e4ndern, dass mit jedem Datenpaket, das wir versenden, auch eine Art &#8222;Ausweis&#8220; mitreist. Im Grunde ist das nichts anderes als die Einf\u00fchrung der Ausweispflicht, wie wir sie im physischen Raum in den meisten entwickelten L\u00e4ndern schon lange haben.<\/p>\n<p>Die &#8222;Verortung&#8220;, die hier stattfindet, ist nat\u00fcrlich kein Selbstzweck, sondern dient dazu, jeden &#8222;Mitarbeiter&#8220; erreichen zu k\u00f6nnen: Wo immer ich mich befinde, kann ich angesprochen (=nachgefragt) werden und meinerseits auf den Info-Pool und auf andere zugreifen. Als Dienstleister, als Kunde, als Mitwirkender im NoCommerce-Bereich, schliesslich als B\u00fcrger in Wahrnehmung der b\u00fcrgerlichen Rechte. Klar, dass ein heftiger gesellschaftlicher Kampf um die &#8218;Zugangsdaten&#8216; im Gange ist, in dessen Rahmen sich kl\u00e4ren wird, mit welchem Recht welche Privaten und welche staatlichen Organe zu welchen Zwecken auf den Einzelnen zugreifen d\u00fcrfen. Strafverfolgung ist nur EIN Aspekt dieser Kl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Was geschieht sonst noch? Der n\u00e4chste Schritt nach der Inventur ist nat\u00fcrlich die <b>Rationalisierung<\/b>. Das Rad braucht nicht immer wieder neu erfunden zu werden, ein Auto braucht nur vier R\u00e4der &#8211; nicht 25 oder 1800, die alle verschleissen, erneuert und gewartet werden m\u00fcssen. Die Massenproduktion (Auflagen, Serien, Lagerhaltung, Absatzprobleme) findet in einer Welt vernetzter Individuen ihr Ende, zunehmend werden Produkte nur noch &#8222;on demand&#8220; exakt nach den W\u00fcnschen des Kunden hergestellt und ausgeliefert werden, welch&#8216; immense Einsparungen! Praktisch jedes Unternehmen und jede Institution muss derzeit alle Arbeitsprozesse und Beziehungen netzgerecht umbauen, um in Zukunft noch dabei zu sein. Und das beschr\u00e4nkt sich nicht auf ein &#8222;innen&#8220;. Die gro\u00dfe Fusionswelle, die Kooperationen, das &#8222;The Winner takes it All&#8220;-Ph\u00e4nomen auf den M\u00e4rkten, die &#8222;Synergien&#8220;, die \u00fcberall entdeckt und genutzt werden: Hier entsteht mitten im Kapitalismus der Geist der Planwirtschaft neu, den Menschen auf der politischen Ebene niemals befriedigend umsetzen konnten.<\/p>\n<p>Als Kern des rechnenden Denkens, als Wesen der Rationalit\u00e4t, als unkaputtbar sinnvoller Gedanke in einer Welt begrenzter Ressourcen ist dies ein neuer, von niemandem gesteuerter Ansatz, die Dinge &#8222;vern\u00fcnftig&#8220; zu ordnen. Freiwillig haben wir es nicht hingekriegt, jetzt sehen wir uns dem Zwang von Seiten der selbstgeschaffenen Technik ausgesetzt. Gem\u00fctlich geht das nicht ab, umso weniger, je verschlossener sich viele gegen\u00fcber den Ver\u00e4nderungen verhalten, die doch ein kreatives Mitwirken aller ben\u00f6tigen, um ein menschliches Gesicht zu bewahren, bzw. \u00fcberhaupt erst zu entwickeln.<\/p>\n<p>Denn die Analogie vom &#8222;intelligenten Netz&#8220; stimmt ja so nicht: Es ist unsere eigene Vernunft, unser eigener Ordnungssinn, unsere typisch menschliche Rationalit\u00e4t, die wir in Gestalt der Data-Sphere nach &#8222;aussen&#8220; setzen, weil wir offensichtlich von innen heraus zwar vern\u00fcnftig denken und meinen, aber uns im Reich der Taten in der Regel nicht einigen k\u00f6nnen. Zu unterschiedlich sind die jeweiligen materiellen und ideellen Interessen, kriegerisch und irrational verteidigen wir das je &#8222;eigene&#8220; und schaffen es einfach nicht, im Sinne des begrenzten Ganzen (Planet Erde) zu handeln. Wenn aber eines Tages alle fusioniert und vernetzt sind, deutlich sp\u00fcrbar voneinander abh\u00e4ngen &#8211; was kommt dann?<\/p>\n<p>Das Netz ist ohne Interesse. Es ist das &#8222;leere Boot&#8220;, \u00fcber das sich kein Ruderer aufregt, wenn es zur Kollision kommt. Gut, ich \u00e4rgere mich schon mal, wenn ein Programm abst\u00fcrzt &#8211; aber ich beginne nicht, es zu HASSEN und zu sabotieren.<\/p>\n<p>All diese \u00dcberlegungen stelle ich f\u00fcr mich selbst an, um mal nicht die Probleme und Verwerfungen, die Leiden an den Ver\u00e4nderungen in den Blick zu nehmen, sondern mir vor Augen zu f\u00fchren, was eigentlich passieren w\u00fcrde, wenn die reine Logik des Netzes sich durchsetzt. Es liegt ja nahe, sich bremsend und widerst\u00e4ndlerisch zu engagieren, zum Beispiel im Kampf um &#8222;volle Anonymit\u00e4t&#8220;, gegen &#8222;SPAM&#8220;, gegen Kontrolle jeder Art, oder auch gegen die Zumutung, so viel wissen zu sollen oder so ortbar und erreichbar zu sein, wie es die Netzlogik braucht.<\/p>\n<p>Bevor ich aber gegen einen Drachen k\u00e4mpfe, der mich fressen will, m\u00f6chte ich schon gerne wissen: Ist es \u00fcberhaupt ein Drache? Will er mich wirklich fressen? Oder ist er nur eine Vorstellung, weil ich das Neue, so nie da gewesene einfach nicht erkennen kann und also D\u00e4monen, Teufel oder auch G\u00f6tter (Hype!) imaginiere?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regen tr\u00f6pfelt auf das Oberlicht aus milchglas-artigem Hartplastik, das \u00fcber der Wendeltreppe zwischen unseren beiden Wohnetagen viel Licht hereinl\u00e4\u00dft. 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