{"id":3980,"date":"2000-08-18T11:52:57","date_gmt":"2000-08-18T09:52:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3980"},"modified":"2023-12-02T11:58:45","modified_gmt":"2023-12-02T10:58:45","slug":"wuenschen-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/18\/wuenschen-wollen\/","title":{"rendered":"W\u00fcnschen &#038; wollen"},"content":{"rendered":"<p>Seit gut einem Jahr wohne ich nun hier in &#8222;Schlo\u00df Gottesgabe&#8220;. Mein in den letzten Jahren Berlin st\u00e4rker gewordener Wunsch nach einem Leben auf dem Land ist auf bestm\u00f6gliche Weise erf\u00fcllt. Es war kein romantischer Wunsch. Ich fand es einfach schrecklich, nur dreimal im Jahr die Metropole zu verlassen und &#8222;die Jahreszeit zu besichtigen&#8220;. Von Kreuzberg aus musste man in jede Richtung mehr als eine Stunde fahren, um \u00fcberhaupt den Stadtrand zu erreichen: nicht lohnend, wenn das Wetter nicht stabil ist, wenn man nur eben mal Luft schnappen oder eine gr\u00fcne Wiese sehen will, die nicht v\u00f6llig &#8222;\u00fcbernutzt&#8220;, sprich verm\u00fcllt ist. Das ewige Dr\u00f6hnen des Strassenverkehrs: Niemals Stille! Heute scheint es mir schon unvorstellbar, wieder in diesen Verh\u00e4ltnissen zu leben. Und wenn ich nach Berlin &#8218;reinfahre, hab&#8216; ich erstmal zwei Stunden Kopfschmerzen und leide unter dem Stadt-Smog.<!--more--><\/p>\n<p>Jetzt lebe ich hier und es ist gut so. Die Umgebung des Schlosses bietet weit mehr, als jedes Einfamilienhaus in noch so idyllischer Lage: 30.000 Quadratmeter Wiese, &#8222;Park&#8220;, Garten, Wald, Feuerstelle, H\u00fchnerstall &#8211; und ein Sumpf, der fr\u00fcher mal ein Weiher war. Dies alles locker von B\u00fcschen umgeben und so gegen das Dorf abgegrenzt, bzw. durch Wald und Sumpf gegen die angrenzenden unbebauten Wiesen und Felder. Gerade sind die Obstb\u00e4ume reif und ich kann Saft pressen, der ganz wunderbar schmeckt. Der Raum bietet M\u00f6glichkeiten, ohne zwangsl\u00e4ufig Pflichten aufzuerlegen: dass ich die H\u00fchner pflege, ist meine eigene Entscheidung und ich kann auch wieder damit aufh\u00f6ren. Am sch\u00f6nsten finde ich es, jederzeit ins Freie zu k\u00f6nnen und jedes Wetter ganz nah mitzubekommen, ohne erst eine gro\u00dfe Reise antreten zu m\u00fcssen. Es ist genau die richtige Abwechslung, der effektivste Erholungsfaktor, den ich mir zu meinem Leben vor dem Monitor nur denken kann.<\/p>\n<p>Es ist also gut, wie es ist, und jetzt? Schon lange f\u00e4llt mir kein Wunsch mehr ein, der sich auf \u00e4u\u00dfere Ver\u00e4nderungen bezieht. Weder treibt es mich in ferne L\u00e4nder, noch kann ich mir irgend eine &#8222;Verbesserung&#8220; der Wohnsituation w\u00fcnschen: Ich zahle 1000 DM Mietanteil f\u00fcr die obere Etage unserer Maisonette-Wohnung, und geniesse daf\u00fcr hohe R\u00e4ume, Parkettboden, viel PLATZ. Es k\u00f6nnte nicht sch\u00f6ner sein.<\/p>\n<p>Auch in meinem Arbeitsleben bin ich nach langem Experimentieren und vielen unterschiedlichen Formen in genau DIE Lage gekommen, die ich mir immer als optimal vorgestellt hatte: Tun, was ich sowieso tun will, die Auftr\u00e4ge und Projekte ergeben sich beil\u00e4ufig; ich kann davon leben, ohne auf die Mark achten zu m\u00fcssen, alles perfekt!<\/p>\n<p>Und jetzt? Ver\u00e4nderungen zu w\u00fcnschen, war immer Teil meines Lebens. Zur Not ging ich mit dem Kopf durch die Wand, wenn ich meinte, das m\u00fcsse jetzt sein. Als Kind eines unberechenbaren Alkoholikers hatte ich in den ersten 18 Lebensjahren derart viel Stress, Angst und Probleme, dass ich es auch weiterhin ganz nat\u00fcrlich fand, immer ANDERS leben zu wollen: Zweierbeziehungen, Wohngemeinschaften, besetzte H\u00e4user, dann wieder alleine. Nie war ich zufrieden, w\u00fcnschte immer schon nach kurzer Zeit das, was ich gerade NICHT hatte.<\/p>\n<p>Ab 36 lernte ich endlich, dass es oft besser ist, die Dinge einfach kommen zu lassen, als angestrengt hinter etwas herzurennen, von dem man nur GLAUBT, es w\u00e4re eine Verbesserung. Ich \u00fcbte mich im annehmen und hinnehmen, lernte, mich \u00fcberraschen zu lassen von dem, was sich &#8222;von selber&#8220; als M\u00f6glichkeit auftut. Machen, was unmittelbar anliegt, die Existenz k\u00fcmmert sich um den Rest. Und tats\u00e4chlich: Auf einmal ging alles viel lockerer, es ergaben sich wirklich interessante M\u00f6glichkeiten, die ich nur einfach ergreifen musste &#8211; auch Schloss Gottesgabe hat sich &#8222;einfach ergeben&#8220;, Freunde luden uns (=meinen liebsten Freund und mich) ein, hierher zu ziehen&#8230;.<\/p>\n<p>F\u00fcr all die angestrengten Konzepte, die Menschen in die Lage versetzen sollen, &#8222;Ziele zu verwirklichen&#8220;, hatte ich nur noch leisen Spott \u00fcbrig. Woher sollte denn auch das Wissen kommen, was &#8222;das Beste&#8220; f\u00fcr mich ist? Allzu oft war ich verr\u00fcckten Vorstellungen nachgejagt, die sich nach ihrer Verwirklichung als selbstgemachte H\u00f6lle herausstellten. Das sprichw\u00f6rtliche &#8222;Tun des Nicht-Tun&#8220; schien mir eine viel sinnvollere Weise, im Leben aktiv zu sein, und doch auf nichts bestimmtem zu beharren, voller Vertrauen, dass das Richtige nicht in meinem Kopf geboren wird, sondern sich von selbst ergibt.<\/p>\n<p>Und jetzt? Ich bin &#8218;erst&#8216; 46 und denke manchmal: War es das jetzt? Soll ich die restliche Lebenszeit, die &#8211; rein statistisch &#8211; noch einige Jahrzehnte umfassen k\u00f6nnte, einfach so weiterleben? ZUFRIEDEN altern?<\/p>\n<p>Ich kenne keine Zufriedenheit, das Wort hielt ich immer f\u00fcr ein Schwindel-Ettikett, gut daf\u00fcr, elende Kompromisse sch\u00f6n zu f\u00e4rben. Wo fr\u00fcher meine Unzufriedenheit war, da ist jetzt einfach GAR KEIN Gef\u00fchl. Und je l\u00e4nger diese Abwesenheit andauert, desto \u00f6fter frage ich mich (immerhin ganz ohne Stress): Was noch tun im Rest der Zeit?<\/p>\n<p>Wenn ich es SO betrachte, dann f\u00e4llt mir schon auf, dass ich ungern lebensl\u00e4nglich arbeiten will, so von Autrag zu Auftrag. Auftr\u00e4ge und Projekte, die zwar sch\u00f6ne Aufgaben beinhalten, aber oft nicht viel mit mir zu tun haben. Am liebsten schreibe ich doch Diary oder experimentiere mit Webkunst, manchmal w\u00fcrde ich auch gerne etwas f\u00f6rdern, was ich f\u00fcr n\u00fctzlich halte &#8211; und zwar OHNE selber gross Hand anzulegen.<\/p>\n<p>Ich kann nicht ohne Arbeit leben, mein Temperament ist eher aktiv und nicht sehr kontemplativ, arbeiten ist f\u00fcr mich Spiel und Experiment, ich m\u00f6chte es nicht missen. Aber vielleicht w\u00e4re es sch\u00f6n, keine Brot-Jobs mehr machen zu m\u00fcssen? Schon gar, wenn ich mal gegen die 60 gehe? Eine erw\u00e4hnenswerte Rente hab&#8216; ich nicht zu erwarten, daf\u00fcr ist mein Arbeitsleben zu unstet, zu wenig auf Sicherheit und Regelm\u00e4\u00dfigkeit ausgerichtet. Irgendwann wieder arm zu sein, schreckt mich &#8211; materiell gesehen &#8211; nicht. Lange Jahre hab&#8216; ich &#8222;auf Sozialhilfeniveau&#8220; bestens gelebt, da mir Konsum nichts bedeutet. Allerdings sch\u00e4tze ich mittlerweile die Bewegungsfreiheit, die man geniesst, wenn man nicht auf Mark und Pfennig achten muss &#8211; und ein paar Bequemlichkeiten sind auch ganz sch\u00f6n, z.B. hab&#8216; ich den Umzug hierher von einem Umzugsunternehmen abwickeln lassen und nicht mehr, wie fr\u00fcher, selber geschleppt.<\/p>\n<p>Kurzum, da kommt er pl\u00f6tzlich auf, der Gedanke, den ich mein ganzes bisheriges Leben als verfehlt und &#8222;voll daneben&#8220; angesehen habe: Warum nicht mal richtig Geld verdienen? Mein Wissen von der Welt und den Menschen auf Unternehmungen richten, die mal nicht der &#8222;Selbstverwirklichung&#8220; dienen (offensichtlich liegt da gerade nichts mehr an), sondern dem gemeinen Geld-Erwerb? Einfach mal in diese Richtung denken, mit dem Ziel, die halbe oder ganze Million zu machen, um dann von den Zinsen leben zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Na, das dauert sicher noch, bis ich diesen Gedanken zu Taten konkretisiere! Da muss ich mich erst dran gew\u00f6hnen&#8230;.. ;-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit gut einem Jahr wohne ich nun hier in &#8222;Schlo\u00df Gottesgabe&#8220;. Mein in den letzten Jahren Berlin st\u00e4rker gewordener Wunsch nach einem Leben auf dem Land ist auf bestm\u00f6gliche Weise erf\u00fcllt. Es war kein romantischer Wunsch. Ich fand es einfach schrecklich, nur dreimal im Jahr die Metropole zu verlassen und &#8222;die Jahreszeit zu besichtigen&#8220;. 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