{"id":3969,"date":"2000-08-29T11:30:06","date_gmt":"2000-08-29T09:30:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3969"},"modified":"2023-12-02T11:32:46","modified_gmt":"2023-12-02T10:32:46","slug":"wunderbar-immobil-autobio-langweil-gefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/29\/wunderbar-immobil-autobio-langweil-gefahr\/","title":{"rendered":"Wunderbar immobil (Autobio, langweil-Gefahr!)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wo du bist, da bohr dich ein, bis du im Mittelpunkt der Welt ankommst.&#8220; Mein Sieb-Ged\u00e4chtnis hat nat\u00fcrlich vergessen, von wem der Satz stammt, der aller Mobilit\u00e4t Hohn spricht, und ganz sicher richtet sich das Leben nicht nach Sinn- und Merkspr\u00fcchen. Es hat sich einfach so ergeben, dass meine Ortswechsel eher selten sind (so alle 20 Jahre&#8230;), ein paar beruflich bedingte Kurzreisen pro Jahr ausgenommen, die aber eigentlich nicht z\u00e4hlen: nicht, um andere Gegenden zu sehen, werden sie unternommen, sondern um Menschen zu treffen.<!--more--><br \/>\nUrlaub? <i>(Oh, was f\u00fcr ein Thema! Seid unbesorgt: Bilder zeig ich keine)<\/i>. Als Kind hatte ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, mit meinen Eltern acht Jahre lang an den immer gleichen Ort in Italien zu reisen. Von 1963 bis 1971 jeden Sommer ein mehrw\u00f6chiger Camping-Urlaub am Meer, zu einer Zeit also, in der Italien noch &#8222;richtig italienisch&#8220; wirkte und die verschmuddelte Romantik der 50er-Jahre noch nicht ganz verflogen war (Ochsenkarren, Esel, Steh-Klos, von gr\u00fcnen Algen verstopfte r\u00f6mische Brunnen&#8230;). Als 1963 am Ort noch einzige (!) deutsche Touristen-Familie mit drei Kindern boten wir den Einheimischen ein exotisches Schauspiel. Von den Campingplatz-Nachbarn begeistert aufgenommen, wurden wir in alle gro\u00dffamili\u00e4ren Aktivit\u00e4ten einbezogen. Die ausschweifenden Fressgelage mit neun und mehr G\u00e4ngen, die sich \u00fcber Stunden hinzogen, stehen mir unausl\u00f6schlich im Ged\u00e4chtnis (es fehlten nur die Federn, mit denen man sich bei den R\u00f6mern im Hals kitzelte, um nach erzwungener Entleerung mit dem Gelage fortfahren zu k\u00f6nnen).<br \/>\nTarquinia, eine uralte Kleinstadt 100 km n\u00f6rdlich von Rom, wurde mir zweite Heimat. Jedes Jahr dieselben Leute, ich gewann Freunde \u00fcber Jahre, und auch meine ersten pr\u00e4genden Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht ereigneten sich mit italienischen Jugendlichen &#8211; das hiess &#8222;versch\u00e4rfte Bedingungen&#8220; von Beginn an, romantische H\u00f6henfl\u00fcge, Herz und Schmerz bis hin zu Fast-Vergewaltigungen, alles etwas unverstellter und intensiver als im k\u00fchlen Germany.<\/p>\n<p>Von zuhause abgeseilt, wollte ich GANZ ANDERS Urlaub machen, unsere Family-Touren fand ich l\u00e4nger schon extrem spie\u00dfig und langweilig. Zwischen &#8217;73 und &#8217;78 waren es dann Reisen zu zweit oder zu mehreren P\u00e4\u00e4rchen: nach S\u00fcdfrankreich, Spanien, Portugal, meist mit Schrottauto, Zelt und Schlafsack. Seltsamerweise stellte ich fest, dass immer etwas fehlte. Aber was? Zum Beispiel der Pinienduft&#8230;. ich war offensichtlich darauf GEPR\u00c4GT! Ohne den gewohnten harzigen Geruch der Pinien kam einfach kein rechtes Urlaubsfeeling auf. Auch vermisste ich es, irgendwo ANZUKOMMEN. Alle Orte, die wir besuchten, alle Str\u00e4nde und St\u00e4dte erschienen mir nichtssagend. Das Gef\u00fchl, &#8222;auf der Durchreise&#8220; bzw. auf dem Sprung zu sein, vermieste mir jede Freude: Was um Himmeols Willen sollte ich dort? An wechselnden Str\u00e4nden liegen, immer andere Bars und Restaurants besuchen, irgend welche L\u00e4den in fremden Orten betrachten &#8211; es war alles hohl und sinnlos weil ich ja doch nie wiederkommen w\u00fcrde!<\/p>\n<p>Bald war klar: f\u00fcr mich funktionierte &#8222;Urlaub&#8220; nicht. Mal eben hier oder dorthin, um etwas ganz bestimmtes vor\u00fcbergehend zu genie\u00dfen, war nicht mein Ding. Ich vermi\u00dfte Beziehung, Kontinuit\u00e4t, Entwicklung und Vertiefung, wie es nur m\u00f6glich ist, wenn man den immer gleichen Ort immer wieder aufsucht. Alles andere ergab keinen Sinn, ja, f\u00fchlte sich sogar nach &#8222;Sinn-Verlust&#8220; an und stimmte mich traurig, nicht freudig, wie es ein Urlaub eigentlich tun sollte.<\/p>\n<p><b>Ich gab es also auf.<\/b> Zog mit 26 von Wiesbaden in die Mauerstadt Berlin und fand dort soviel Sinn, da\u00df der Gedanke an Urlaub wirklich nicht mehr aufkam. 1986 lernte ich meinen liebsten Freund kennen, mit dem ich auch jetzt noch lebe. Er hatte damals &#8211; wow! &#8211; ein Haus in der Toskana. Und ich endlich wieder einen Ort, an den ich immer wieder reisen konnte, reisen, um anzukommen, nicht einfach &#8222;nur so&#8220;.<\/p>\n<p>Das Haus ist nun lange schon verkauft, die Mauer um Berlin gefallen, und auch die Gr\u00fcnde, in einer Gro\u00dfstadt zu wohnen, sind weg. \u00dcber ein Jahr genie\u00dfe ich schon die Idylle von Schlo\u00df Gottesgabe und Ende September fahren wir &#8211; zur Abwechslung? &#8211; in Urlaub. (Ja, gestern beschlossen! Ich finde es auch recht seltsam&#8230;) Toskana kommt nicht in Frage, zu traurig noch die Erinnerungen &#8211; also warum nicht mal nach <a href=\"http:\/\/www.dfaweb.de\/htm\/tarmain.htm\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Tarquninia?<\/a><\/p>\n<p><i>(Wer also seine Kinder f\u00fcr den Konsum-Tourismus untauglich machen will, fahre immer an denselben Ort &#8211; das m\u00f6gen sie sowieso am liebsten)<\/i><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wo du bist, da bohr dich ein, bis du im Mittelpunkt der Welt ankommst.&#8220; Mein Sieb-Ged\u00e4chtnis hat nat\u00fcrlich vergessen, von wem der Satz stammt, der aller Mobilit\u00e4t Hohn spricht, und ganz sicher richtet sich das Leben nicht nach Sinn- und Merkspr\u00fcchen. 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