{"id":3964,"date":"2000-09-02T12:35:58","date_gmt":"2000-09-02T10:35:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3964"},"modified":"2023-11-26T12:37:39","modified_gmt":"2023-11-26T11:37:39","slug":"die-last-der-moeglichkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/09\/02\/die-last-der-moeglichkeiten\/","title":{"rendered":"Die Last der M\u00f6glichkeiten"},"content":{"rendered":"<p>Was ist Freiheit? Jenseits allzu philosophischen Tiefsch\u00fcrfens kann man es vorl\u00e4ufig ganz einfach sagen: Die M\u00f6glichkeit, zu tun, was wir gerade tun wollen, zu einem Zeitpunkt, den wir selber w\u00e4hlen. Zu jeder Zeit an jedem Ort die Freunde erreichen, von \u00fcberall aus arbeiten, rund um die Uhr shoppen, etwas lernen, wenn man es ben\u00f6tigt, Service on Demand.<\/p>\n<p>Wir raffen also M\u00f6glichkeiten und nehmen alles dankend an, was uns Zeit-Souverainit\u00e4t verspricht. Virtual World w\u00e4chst in staunenswerter Geschwindigkeit: Im Reich der Texte, Bilder und Bestellformulare ist alles zu jeder Zeit m\u00f6glich, Ideen und Konzepte sind schnell eingespeist und machen etwas her, es ist leicht, in den K\u00f6pfen der Leser (Kunden, Auftraggeber, Fans, Klienten&#8230;) ganze Welten von M\u00f6glichkeiten entstehen zu lassen und beil\u00e4ufig die eigenen Sch\u00e4fchen ins Trockene zu bringen. Ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil der Arbeitswelt tut nichts anderes und wird daf\u00fcr besser bezahlt als all die armen Gestalten, die noch im Physischen f\u00fcr 10 oder 20 Mark f\u00fcnfzig die Stunde zu Gange sein m\u00fcssen.<\/p>\n<h2>Kampf gegen den Stoff<\/h2>\n<p>In den Anf\u00e4ngen des Netzes tr\u00e4umte ich davon, dass die Virtualisierung dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, die physische Welt zu entlasten: Weniger Gegenst\u00e4nde, weniger Papier, ganz allgemein weniger Stoff. Leider ist das nicht eingetroffen, im Gegenteil. Durch E-Commerce entsteht mehr Verkehr denn je, ein wachsender Warenstrom wird in immer mehr Fahrzeugen von immer mehr Logistik-Dienstleistern durch die Gegend gefahren. Unrettbar konservativ drucken Menschen noch immer jede Menge aus, stauen es in Ordnern und Ablagen, wo sie es kaum mehr wieder finden, ja, gar nicht finden m\u00fcssen, denn wer braucht schon den einmal gelesenen Text ein zweites Mal? Die B\u00fcrom\u00f6bel, Regale, Ablagen und Ordner stehen aber herum und werden immer mal wieder erneuert, wie es die Mode ansagt.<\/p>\n<p>Schon seit vielen Jahren k\u00e4mpfe ich gegen Stoff-Ansammlungen. Das hat damit angefangen, dass ich Anfang der 80ger oft umgezogen bin, zwar immer im selben Stadtteil von Berlin, doch war es trotzdem jedes Mal eine elende Schlepperei. Und jedes Mal eine neue Gelegenheit zu fragen: Brauche ich das wirklich noch? Sollte ich das nicht lieber wegwerfen, um es nie mehr herumzutragen, aufzur\u00e4umen, abzustauben und in neue M\u00f6bel umzur\u00e4umen, die auch immer wieder herumgetragen, abgestaubt und eines Tages entsorgt werden m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Jeder Gegenstand, den ich so mit der Frage &#8222;Kann der weg?&#8220; anschaute, zeigte mir ein St\u00fcck von mir selbst. Der innere Widerstand, den ich gegen das Wegwerfen sp\u00fcrte, kam nicht aus einer Liebe zu den Dingen, wie sie etwa ein nicht vom Geld motivierter Kunstsammler f\u00fcr ein sch\u00f6nes Bild empfindet, sondern allein aus dem Bestreben, M\u00f6glichkeiten zu erhalten: Ich k\u00f6nnte das ja nochmal brauchen, kann doch sein, dass ich das irgendwann nochmal lesen will.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise war meine Faulheit gr\u00f6\u00dfer und ich warf fast alles weg. Sogar das &#8222;Allerheiligste&#8220; aller Symbolisierer, die B\u00fccherwand, reduzierte ich im Laufe von drei Umz\u00fcgen auf ca. 150 B\u00fccher, von denen ich meinte, die seien nun wirklich wichtig und unverzichtbar. (Auch von diesen hab&#8216; ich \u00fcbrigens h\u00f6chstens ZEHN noch einmal angesehen!).<\/p>\n<p>Seither bin ich im Physischen recht spartanisch &#8211; nicht aus ehrenwert \u00f6kologischen, ethischen oder gar spirituellen Gr\u00fcnden, sondern aus Faulheit und weil die Selbstbeobachtung allzu oft gezeigt hat, dass ich die Dinge tats\u00e4chlich nicht mehr ansehe, nachdem ich sie gekauft und EINMAL benutzt (oder gelesen, gesehen, ausprobiert) habe.<\/p>\n<p>Konsequent meide ich heute alle Schenk-Termine und wenn ich pl\u00f6tzlich den Wunsch sp\u00fcre, etwas unbedingt haben zu wollen, warte ich grunds\u00e4tzlich 24 Stunden ab, oder &#8211; bei gr\u00f6\u00dferen Anschaffungen &#8211; bis zu vier Wochen, um zu sehen, ob sich der Wunsch h\u00e4lt. Meist ist das nicht der Fall, wenn aber doch, dann zeigt sich wieder das \u00dcbliche: ich probier es aus und stell es dann in eine Ecke, die sp\u00e4ter wieder als Aufr\u00e4umproblem ins Bewu\u00dftsein tritt. Kaufen und gleich weiterschenken ist manchmal die L\u00f6sung, doch f\u00fchle ich mich nicht gut dabei, denn der Beschenkte weiss ja nicht, dass ich nicht vorrangig ihm, sondern MIR etwas Gutes tue.<\/p>\n<p>Trotz aller Abbau- und Vermeidungs-Haltungen steht hier f\u00fcr mein Empfinden immer noch zuviel Zeug: Von den ca. 200 B\u00fcchern im Regal k\u00f6nnten 150 weg, die 30 Aktenordner w\u00e4ren auf 10 zu reduzieren und die ca. 15 Schuber mit Fotos, Texten, Werken haben keinen anderen Zweck, als zu dokumentieren, dass es mich gegeben hat, dass ich in der Welt etwas geleistet habe. Brauche ich das?<\/p>\n<p>Nein. Und wieder nicht aus ehrenwerten Gr\u00fcnden, sondern einfach deshalb, weil meine Werke und Leistungen mittlerweile in Virtual World ausreichend dokumentiert sind, sich dort spreizen wie eitle Pfauen und von mehr Menschen gesehen werden, als je in diesem Leben an meinen Regalen vorbei kommen k\u00f6nnten, selbst wenn ich sie an einer Bundesstrasse aufstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<h2>Virtueller Ballast<\/h2>\n<p>Es ist also eine T\u00e4uschung, zu glauben, mit dem (schlecht &amp; recht) erfolgreichen Kampf gegen den Stoff sei alles erreicht: Im leeren Zimmer mit den wenigen funktionalen M\u00f6beln steht dominant das Ger\u00e4t, in das alles verschwindet und doch nicht verschwindet, wie in ein schwarzes Loch! Je &#8222;weniger&#8220; ich im physischen repr\u00e4sentiert bin, desto gr\u00f6\u00dfer wird mein virtueller Kosmos. Damit meine ich nicht nur Webseiten, Domains, laufende Projekte und k\u00fcnftige Vorhaben, sondern ebenso Beziehungen, Verpflichtungen, Abonnements, Beteiligungen, Kooperationen, Mitgliedschaften. Dabei sein ist alles, die Chancen scheinen unendlich, ich horte M\u00f6glichkeiten, nach wie vor.<\/p>\n<p>Doch seit einiger Zeit sp\u00fcre ich die Last, die auch diese Form von Besitz und Verstrickung bedeutet. Das Erhalten von immer mehr M\u00f6glichkeiten kostet Zeit, die man mit schlichter Verwaltungsarbeit verbringt. Kleine Pflichten (Kontakte, Rechnungen, Reklamationen, Konten, Sortierarbeiten, veraltete Links&#8230;) summieren sich zu einem Wust von Dingen, mit denen man sich doch eigentlich nie befassen wollte. Zeit-Souver\u00e4nit\u00e4t? Aber sicher: Ich kann das alles machen, wann ich will, aber ich muss es machen! Und Geld kostet es auch: Ich zahle f\u00fcr Domains, die ich nicht nutze, habe Zeitungen abonniert, die ich nicht mehr lese, verf\u00fcge \u00fcber Netz-Zug\u00e4nge, die ich seit der Flatrate nicht mehr brauche, aber noch immer nicht gek\u00fcndigt habe.<\/p>\n<p>Auch hier ist also Abbau angesagt, wenn ich nicht von alledem aufgefressen werden will. Man l\u00e4sst das ja lange geschehen, solange man noch unbewusst glaubt, ewig zu leben. In der zweiten Lebensh\u00e4lfte wird aber immer deutlicher, dass die Zeit begrenzt ist. Dass es nicht darauf ankommt, f\u00fcr die Zukunft 1000 M\u00f6glichkeiten zu erhalten, sondern den Augenblick genie\u00dfen zu lernen. Ich bin froh, dass mir das &#8222;schon&#8220; mit 46 klar ist und nicht erst mit 60 oder 80, und zudem gl\u00fccklich, mich nicht in die \u00fcblichen Kredite, Verm\u00f6gen, Hausbau-Aktivit\u00e4ten oder Unternehmensgr\u00fcndungen verstrickt zu haben, die so viele Menschen gef\u00e4ngnisartig binden, die damit doch urspr\u00fcnglich nur ihre M\u00f6glichkeiten erweitern wollten. Alles, was ich angeh\u00e4uft habe, ist recht leicht abbaubar &#8211; wenn es auch jedes Mal eine \u00dcberwindung kostet, eine &#8222;M\u00f6glichkeit&#8220; zu verabschieden. Die &#8222;Freiheit von&#8220; ist schwerer zu erringen als die so nahe liegende &#8222;Freiheit zu&#8220;.<\/p>\n<p>Es geht voran, aber langsam. Diese Woche immerhin zwei Abos gek\u00fcndigt! Und die bisher ungenutzte Domain medienverdrossen.de hab&#8216; ich abschalten lassen, damit sie keine monatlichen Kosten verursacht. Ganz aufgeben konnte ich sie aber noch nicht: Ist doch eine tolle M\u00d6GLICHKEIT, mal die Aufmerksamkeit der Medien zu versammeln, falls ich das mal wieder f\u00fcr irgend etwas brauche&#8230;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist Freiheit? Jenseits allzu philosophischen Tiefsch\u00fcrfens kann man es vorl\u00e4ufig ganz einfach sagen: Die M\u00f6glichkeit, zu tun, was wir gerade tun wollen, zu einem Zeitpunkt, den wir selber w\u00e4hlen. 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