{"id":3962,"date":"2000-09-06T12:27:35","date_gmt":"2000-09-06T10:27:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3962"},"modified":"2023-11-26T12:34:49","modified_gmt":"2023-11-26T11:34:49","slug":"behindertengerecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/09\/06\/behindertengerecht\/","title":{"rendered":"Behindertengerecht?"},"content":{"rendered":"<p>Gestern konnte ich endlich eine meiner drei kleineren Projekt-Baustellen abschliessen. Die Site des Verbandes kleinw\u00fcchsiger Menschen ist fertig (aber noch nicht online). Zu diesem Auftrag bin ich gekommen, als ich neulich hier mal ganz allgemein <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/08\/15\/von-webseiten-die-weh-tun\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00fcber grottenschlechte Websites<\/a> vom Leder zog. Wer den Mund voll nimmt, muss dann halt auch hinlangen, beraten, dabei helfen, es besser zu machen. Mein Entwurf ist gut angekommen und ich hab&#8216; selber einiges gelernt, f\u00fcr das ich mich ansonsten nie interessiert h\u00e4tte: \u00dcber 100.000 kleine Menschen leben in Deutschland, die nur zwischen 80 und 150 cm gro\u00df sind. Ist es nicht seltsam, dass man sie so wenig sieht? Das Netz enfaltet hier wirklich einen seiner sch\u00f6nsten Aspekte: Behinderte, Kranke, mehr oder weniger diskriminierte Minderheiten k\u00f6nnen sich finden und in Selbsthilfegruppen austauschen. Ein unglaublicher Zuwachs an M\u00f6glichkeiten, die auch ganz real in der Lage sind, das Leben zu ver\u00e4ndern.<!--more--><\/p>\n<p>Um auf dem Selbsthilfe-Server zu bestehen, musste ich die Website mit dem Programm Bobby 3.1 auf Verwendbarkeit f\u00fcr Blinde und Sehbehinderte testen. Erstmal war das Ergebnis katastrophal und ich hatte einiges zu \u00e4ndern, bevor es endlich hie\u00df: &#8222;This web page does not contain any Priority 1 accessibility errors that Bobby can detect&#8220;. Normalerweise baue ich Webseiten &#8222;so sch\u00f6n wie m\u00f6glich&#8220;, und das heisst, ohne gro\u00dfe R\u00fccksicht auf schlechte Technik und schon gar nicht im Gedanken an Blinde! Dieses ignorante Verhalten ist traurig und politisch unkorrekt, aber erstmal ist es die Ausgangsbasis, von der ich komme und mit der ich gewiss nicht allein bin. Umso lehrreicher, hier mal wieder mit der Nase darauf gestossen zu werden, dass es Menschen gibt, denen es nicht so sehr um SCH\u00d6N geht, ja, gar nicht gehen kann, sondern eher darum, \u00fcberhaupt etwas zu sehen!<\/p>\n<p>SCH\u00d6N ist zum Beispiel dieser per CSS hergestellte erweiterte Zeilenabstand, den ihr gerade genie\u00dft. Leiser muss er in einer festen Punktgr\u00f6\u00dfe angegeben werden. Wenn sich also jemand die Schrift SEHR GROSS einstellt, \u00fcberlappen sich evtl. die Zeilen und es wird unlesbar. Ich meine, es hier gerade noch vertreten zu k\u00f6nnen, da auch mit der gr\u00f6\u00dften Explorer-Schrift die Zeilen zwar eng, doch noch nicht \u00fcberlappend dargestellt werden. Es soll aber Surfer geben, die sich die Schrift mehrzentimetergross (!) einstellen m\u00fcssen, dann ist nat\u00fcrlich Ende mit dem Diary-lesen. In meiner Auftrags-Site hab ich auf den CSS-Zeilenabstand verzichtet &#8211; aber HIER kann ich mich noch nicht recht \u00fcberwinden, noch immer nicht!<\/p>\n<p>Es geht darum, sich selbst und der gro\u00dfen Mehrheit etwas vorzuenthalten, was nicht besonders wichtig ist, zugunsten einer Minderheit, f\u00fcr die diese Unterlassung SEHR WICHTIG ist. Warum f\u00e4llt das so schwer? Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass &#8222;die Mehrheit&#8220;, also die meisten Leser und auch meine tats\u00e4chlichen und potenziellen Auftraggeber auf meine behindertengerechten Seiten schauen w\u00fcrden und einfach denken: die KANN es wohl nicht schicker machen! Anders w\u00e4re die Lage, wenn ich selber blinde oder sehbehinderte Freunde \/ Bekannte h\u00e4tte: konkreten Menschen hilft man leichter als einer unbekannten Anzahl, von der man nur WEISS. Der aktuelle Auftrag hat mich immerhin motiviert, mich \u00fcberhaupt mit diesen Fragen zu befassen und ich denke ernsthaft dar\u00fcber nach, meine Seiten entsprechend zu ver\u00e4ndern. Es wird sicher einen Button geben, den ich dann draufpappen kann, damit klar ist, warum dieser oder jener Schnickschnack fehlt.<\/p>\n<p>Soziale Problematiken wie diese schiebt man gerne weg, indem man eine technische L\u00f6sung fordert: Soll doch das W3-Consortium eine CSS-Spezifikation verabschieden, die einen flexibel sich anpassenden Zeilenabstand bietet! Das ist jedoch Augenwischerei: Immer wird die vorderste Technik, die neueste Errungenschaft NICHT auf Behinderte R\u00fccksicht nehmen, sie werden immer vertr\u00f6stet, m\u00fcssen immer erst um alles k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Wenn ich mir allein nur vorstelle, lebenslang an ein bestimmtes Thema (die eigene Behinderung) gebunden zu sein, wird mir ganz anders! Und das, obwohl (oder gerade weil?) ich zeitweise an dem Luxusproblem kranke, KEIN bestimmtes Problem zu haben und nicht so recht zu wissen, was in diesem Leben anfangen. Damit geht es mir genauso wie der Mainstream-Allgemeinheit in den entwickelten L\u00e4ndern: Wir fragen uns, WOHIN wir mit allem, was wir haben und k\u00f6nnen NOCH hinstreben sollten (Malediven? Mars? Vorstandsetage? Erleuchtung?), was wir NOCH erreichen k\u00f6nnten &#8211; und packen es einfach nicht, in einer sinnvollen Weise jenseits neurotischer Helfersyndrome dem \u00fcbergro\u00dfen &#8222;Rest der Welt&#8220; dabei zu helfen, \u00fcberhaupt auf ein physisch ertr\u00e4gliches Niveau zu kommen.<\/p>\n<p>Was ich nicht mehr anstrebe ist, die Dinge zu bem\u00e4nteln und grosse Reden zu schwingen, \u00fcberall Unterschriften zu leisten und lautstark technische oder administrative L\u00f6sungen zu fordern, die mich selbst gewiss nichts kosten. Mit dem KOPF alleine lassen sich sch\u00f6ne Texte schreiben, die auf dem Papier oder im Digital die eigene Zugeh\u00f6rigkeit zu &#8222;den Guten&#8220; demonstrieren sollen. Aber wem ist damit geholfen? Ich schaue lieber in mich hinein und betrachte, was ich tats\u00e4chlich bin. Dann erwische ich vielleicht Momente und Aspekte, wo ich auch mal anders f\u00fchle und handle, und kann versuchen, diese Momente auszudehnen, ihre Bedingungen zu erforschen und wiederholend anzuwenden &#8211; nicht immer, aber immer \u00f6fter.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern konnte ich endlich eine meiner drei kleineren Projekt-Baustellen abschliessen. Die Site des Verbandes kleinw\u00fcchsiger Menschen ist fertig (aber noch nicht online). Zu diesem Auftrag bin ich gekommen, als ich neulich hier mal ganz allgemein \u00fcber grottenschlechte Websites vom Leder zog. 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