{"id":3959,"date":"2000-09-13T12:17:35","date_gmt":"2000-09-13T10:17:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3959"},"modified":"2023-11-26T12:21:46","modified_gmt":"2023-11-26T11:21:46","slug":"modus-normal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/09\/13\/modus-normal\/","title":{"rendered":"Modus &#8222;normal&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Freunde des Digital Diary werden es begr\u00fc\u00dfen: die Chancen stehen gut, dass ich zum &#8222;t\u00e4glich neu&#8220; zur\u00fcckkehre. Nach einer lockeren Woche mit nur wenigen Eintr\u00e4gen stelle ich n\u00e4mlich fest, dass mir die regelm\u00e4\u00dfige Schreibzeit fehlt. Sie schafft einen Raum au\u00dferhalb des Alltags, den ich sogar mit Anderen teilen kann &#8211; und sie dient der Strukturierung, stabilisiert mein Leben, das ansonsten fast keine Termin-Zw\u00e4nge kennt. Regelm\u00e4\u00dfig schreibend kann man sich viel erlauben, vielleicht sogar, in aller Ruhe verr\u00fcckt zu werden. :-)<!--more--><br \/>\nWomit ich beim Thema bin, auf das mich ein Leser (Hallo Tobias!) gebracht hat, der im Forum zu meinem letzten Beitrag \u00fcber die Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren, schrieb:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es gibt daf\u00fcr einen plausiblen Begriff, ADD Attention Deficit Disorder. Es handelt sich um einen &#8222;anderen&#8220; Wahrnehmungsstil. Ca. 10% aller Menschen haben wohl ADD. Es f\u00fchrt zum Einen dazu, dass man Dinge wahrnimmt, die keinem &#8222;normalen&#8220; Menschen aufgefallen w\u00e4ren, zum Anderen jedoch Probleme hat sich auf nur ein einziges Ding zu konzentrieren. Dies f\u00fchrt dazu, dass man sich im Beruf eingezw\u00e4ngt (eingespannt) vorkommt, wenn man Freiheit hat jedoch ein enormes Ma\u00df an Selbstdisziplin ben\u00f6tigt um \u00fcberhaupt etwas zu Ende zu bringen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Beruhigend, so eine Diagnose, nicht? Eben noch befand man sich in Verwirrung, stellte sich bohrende Fragen \u00fcber Dinge, die eigentlich selbstverst\u00e4ndlich oder banal sind, das Allt\u00e4gliche drohte, sich ins Fragw\u00fcrdige, ja Be\u00e4ngstigende aufzul\u00f6sen &#8211; doch keine Panik, Rettung naht: DAS IST DOCH NUR ADD!<\/p>\n<p>&#8222;Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss!&#8220;. Erinnert ihr euch noch an die alten M\u00e4rchen, in denen der Held DEN NAMEN des feindlichen Geistes erraten mu\u00dfte? Durch das Aussprechen des Namens war der Bann gebrochen, die Macht des Fremden und Unberechenbaren erloschen, der Held hatte gewonnen. In diesen M\u00e4rchen teilten die Alten den Jungen jenseits intellektueller Diskurse ihr Staunen \u00fcber die Macht des Wortes mit, und gleich in Form einer n\u00fctzlichen Gebrauchsanweisung: Finde den richtigen Namen und alles wird gut!<\/p>\n<p>Heute wissen wir, dass nicht die Dinge einen Namen haben, sondern dass wir es selber sind, die die Namen erfinden. In diesem Job haben wir Gott beerbt, der vor seinem Tod die Aufgabe hatte, jeder Art und jedem Wesen den eigenen Namen zu geben. Wir WISSEN &#8211; das schreibt sich so locker hin! &#8211; doch leben wir nach wie vor in der alten Magie, die immer noch wirkt, sogar dann, wenn man nicht mehr daran glaubt.<\/p>\n<p>Da hat jemand Probleme, sich durch die vervielfachten M\u00f6glichkeiten und Anforderungen des Internet-Zeitalters zu schlagen: ADD! Andere schaffen es einfach nicht, Worte und S\u00e4tze interessanter zu finden als die Welt da draussen: Legasthenie! Wieder andere sind traurig und verzweifelt, weil all ihre Freunde gestorben sind und niemand mehr da ist, mit dem sich ein Gespr\u00e4ch lohnt: Altersdepression!<\/p>\n<p>Das beruhigt und l\u00e4\u00dft die Dinge beherrschbar erscheinen. Wir bleiben nicht allein mit unbeantwortbaren Fragen, sondern werden Teil einer Gruppe &#8222;Betroffener&#8220;. Das Zauberwort der Wissenschaft heisst &#8222;Das ist doch nur&#8220;, es erschlie\u00dft Handlungsm\u00f6glichkeiten, Therapien und Medikamente und kurbelt so die Wirschaft an. Vordergr\u00fcndig. Hintergr\u00fcndig geschieht etwas ganz anderes als in den Zeiten der M\u00e4rchen: Wir werden durch das WORT nicht nur erm\u00e4chtigt, sondern auch entmachtet. Sobald sich das Bild einer Krankheit \u00fcber einen Teil meines Wesens, einen Bereich meines Lebens legt, werde ich vom T\u00e4ter zum Opfer, vom Subjekt zum Objekt. Die Sachverst\u00e4ndigen, die Professionellen und Berufenen, die \u00c4rzte, Neurologen und Psychologen werden es schon richten. (Wenn sie es doch nur schafften, dann w\u00e4re ja alles wunderbar!)<\/p>\n<p>Die &#8222;Hysterie&#8220; war um die vorletzte Jahrhundertwende eine Bezeichnung f\u00fcr Reaktionen von Frauen auf ihre eingeschr\u00e4nkten Lebenschancen. Die Gesellschaft konnte nicht hinnehmen, dass eine &#8222;normale Frau&#8220; angesichts ihrer Lage ausrastete &#8211; also war sie KRANK, bzw. ver-r\u00fcckt. Wenn sich in einer Gesellschaft nun sehr schnell sehr viel \u00e4ndert, kann es sein, dass auf einmal recht breite Kreise eine ver-r\u00fcckte Selbstwahrnehmung haben &#8211; das kollektive Zurecht-r\u00fccken, die Verst\u00e4ndigung dar\u00fcber, was normal ist, hinkt der Aktualit\u00e4t weit hinterher.<\/p>\n<p>Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, in einer solchen Zeit zu leben! Die sozialen Masken, die die Menschen tragen, sind schnell zusammengezimmerte Provisorien und keine fest gegr\u00fcndeten Mauern. Der Firnis der &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; ist d\u00fcnn &#8211; das ist gef\u00e4hrlich, aber auch spannend. Die Fragw\u00fcdigkeit allen So-Seins verunsichert den Einzelnen, niemand hat mehr Zeit, sich in festen Best\u00e4nden einzurichten, tradiertes Wissen und intellektuelle Erkenntnisse nutzen nicht viel, zu jeder Frage und zu jedem Problem gibt es ja unz\u00e4hlige wohl begr\u00fcndete Meinungen &#8211; wonach sich richten?<\/p>\n<p>In dieser Unsicherheit, in diesem &#8222;Nichts&#8220;, kommen wir der Wahrheit nahe, der urmenschlichen Wahrheit, die in einer Formulierung von H\u00f6lderlin \u00fcber diesem Diary steht: &#8222;Ein Zeichen sind wir, deutungslos&#8220;. Wir stehen immer am Abgrund und die Chancen, jemanden zu treffen, der das auch so sieht, sind heute gr\u00f6\u00dfer denn je. Die Einsamkeit, die in diesem erlebten Wissen liegt, schafft eine Gemeinschaft, die jenseits aller &#8222;sozialen Probleme&#8220; ihren Ort hat, eine Community, die keine Kommunikation mehr braucht, sondern sich &#8211; wenn \u00fcberhaupt je &#8211; in Kommunion realisiert. (Wie weit wir im realen Leben davon entfernt sind, sehen wir an der Chancenlosigkeit des Kommunismus).<\/p>\n<p>Wer jetzt denkt, ich w\u00e4re st\u00e4ndig der Wahrheit nahe, sitzt der Magie der Texte auf. Schreiben und leben sind NICHT eins. Wenn es mir schlecht geht oder wenn ich Angst habe, ist mir fast jedes Mittel recht, das zu \u00e4ndern. Ich habe keine Bedenken, die zeitgem\u00e4\u00dfe Magie anzuwenden, wenn ich sie brauche. Zum Beispiel ist es mir wesentlich lieber, wenn mein Lebensgef\u00e4hrte von seinem chronischen Serotoninmangel spricht, als wenn er dar\u00fcber philosophiert, ob nicht die Zeit des Abtretens gekommen ist&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freunde des Digital Diary werden es begr\u00fc\u00dfen: die Chancen stehen gut, dass ich zum &#8222;t\u00e4glich neu&#8220; zur\u00fcckkehre. Nach einer lockeren Woche mit nur wenigen Eintr\u00e4gen stelle ich n\u00e4mlich fest, dass mir die regelm\u00e4\u00dfige Schreibzeit fehlt. 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