{"id":3954,"date":"2000-09-19T11:59:09","date_gmt":"2000-09-19T09:59:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3954"},"modified":"2023-11-26T12:07:13","modified_gmt":"2023-11-26T11:07:13","slug":"glueck-erfolg-freude","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/09\/19\/glueck-erfolg-freude\/","title":{"rendered":"Gl\u00fcck, Erfolg, Freude"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man in den Medien Berichte \u00fcber Internet-Start-Ups liest, wird regelm\u00e4\u00dfig das Engagement der Mitarbeiter ger\u00fchmt &#8211; oder kopfsch\u00fcttelnd zur Kenntnis genommen, je nach Absicht des Schreibers. Da arbeiten sie bis zu 15 Stunden t\u00e4glich, verlassen das Techno-beschallte Gro\u00dfraumb\u00fcro allenfalls zum schlafen, der Chef spendiert gelegentlich Pizza und es gibt gemeinsame Grillabende. Ein bi\u00dfchen ist es wie in einem Jugend-Camp: Ausnahmezustand, Gruppendynamik, alle befinden sich in einem gemeinsamen High, das die Ringe unter den Augen vergessen l\u00e4\u00dft. Mit 20 oder 25 w\u00e4re ich da auch begeistert dabei gewesen, ist das doch ein deutlich abenteuerlicherer Einstieg in die Arbeitswelt als das, was mir in diesem Alter offen stand.<!--more--><br \/>\nIn einem solchen Artikel kam ich neulich an eine Stelle, wo es hie\u00df: Der Chef stellt nur Leute ein, die <b>das gewisse Flackern<\/b> in den Augen haben, Zeugnisse und Ausbildungen sind lange nicht so wichtig. Tja, dieses gewisse Flackern ist eine wichtige Ressource, \u00fcber die vor allem junge Menschen verf\u00fcgen, die noch dringend etwas suchen: Erfolg, Anerkennung, einen Platz in der Gesellschaft, am liebsten nat\u00fcrlich auf einem Siegertreppchen. Erst im Lauf der Zeit tauchen andere Fragen auf: Was ist denn eigentlich MEIN Weg? Was macht MIR besonders Freude? Zuerst ist diese Frage versteckt in der Vorstellung, nun ein paar Jahre &#8222;ranzuklotzen, um richtig reich zu werden&#8220;, um dann&#8230; ja, WAS DENN? Es w\u00e4re absurd, anzunehmen, das blosse satte am-Strand-Liegen oder st\u00e4ndiges Herumreisen k\u00f6nnte auf Dauer erf\u00fcllend sein, doch genau diese Vorstellung reicht vielen lange aus.<\/p>\n<p>Da ich in einer Zeit jung gewesen bin, in der das Geld-verdienen als Ziel nicht besonders angesagt war (Ausbeutung!), entwickelte ich andere Vorstellungen von Erfolg und Befriedigung. W\u00e4hrend der Hausbesetzungen in Berlin zu Beginn der 80ger lebte ich in einem best\u00e4ndigen High: Freiheit und Abenteuer, Kampf den Bullen und Besitzern &#8211; das war sozusagen mein StartUp, und alles, was danach kam, lebte von \u00e4hnlicher Begeisterung. Das jeweilige Projekt-Ziel erschien mir als heiliger Gral, dem ich unter beliebig hohem Einsatz zustrebte, ohne viel dar\u00fcber nachzudenken.<\/p>\n<p>Das ging so eine Zeit, bis mir auffiel, dass die Arbeit, die Anstrengung, das Ranklotzen und K\u00e4mpfen jeweils eine lange Zeit dauerte, wogegen der Erfolg nur ganz kurz sp\u00fcrbar war. WOW, wir haben den Auftrag vom Stadtrat bekommen! 600.000 Mark und die Lizenz, zu tun, was wir f\u00fcr richtig finden! (Nat\u00fcrlich zahlten wir uns Hungerl\u00f6hne und verbrauchten das Geld f\u00fcr &#8222;die Sache&#8220;) Ein paar Sekunden echte Freude, ein kleines Erfolgsfest &#8211; und dann die ganz normale Arbeit. Wieder Wochen und Monate, halbe Jahre bis zum n\u00e4chsten &#8222;Erfolg&#8220;, Feierabend unbekannt. Ich merkte, dass ich SO nicht weitermachen wollte und konnte (dazu ausf\u00fchrlich: Bed\u00fcrfnisse und Pyramiden, vom 13.12.99).<\/p>\n<p><b>Freude ist kein Gedanke<\/b><\/p>\n<p>Heute liegen alle Motivationen und Erfolgsbed\u00fcrfnisse vor mir wie ein offenes Buch &#8211; und sie FUNKTIONIEREN nicht mehr! Nach der letztlich frustrierenden Erfahrung mit vielen Arten von Engagement hab&#8216; ich festgestellt, dass Freude und Genuss, Erf\u00fcllung und Befriedigung immer K\u00d6RPERLICH sp\u00fcrbar sein muss &#8211; oder sie sind blosse Einbildung, Gedanken, gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Vorstellungen, mehr nicht. (Freude sp\u00fcrt man in der Brust, Angst eher im Bauch.) Daneben gibt es noch die sinnlichen Gen\u00fcsse, die regelm\u00e4\u00dfig und ohne Ausnahme in Leiden umschlagen, wenn man sich nach dem Motto &#8222;MEHR davon!&#8220; an ihnen krank (dick, besoffen&#8230;) konsumiert.<br \/>\nZur Welt der reinen Einbildung geh\u00f6rt aller Medienerfolg, das Prominent-Sein, das Herumklotzen und Angeben mit Statussymbolen materieller oder geistiger Art: Man wird nicht etwa frei, sondern gefesselt durch die Erwartungen anderer. Und man wird auch nicht geliebt, sondern erregt Neid und Eifersucht.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck aus dem Ruhrgebiet, verbrachte ich gestern den Tag in reiner Freude. Nach wenigen Stunden gab ich das Arbeiten auf, der Tag war einfach zu wundersch\u00f6n: Den Wind sp\u00fcren, die Sonnenstrahlen, das Rauschen in den B\u00e4umen. Durch den Wald laufen, in Gummistiefeln \u00fcber eine Feuchtwiese stapfen, die frische Luft atmen, die H\u00fchner f\u00fcttern und mit dem Hund spielen &#8211; mir scheint, diese Dinge werden mehr und mehr &#8222;das Eigentliche&#8220;. Und sie sind ganz einfach zu haben! Fast beleidigend einfach, wenn ich daran denke, dass mir jahrzehntelang ANSTRENGUNG als der Schl\u00fcssel zum Gl\u00fcck erschien.<\/p>\n<p>H\u00e4tte man mir mit 30 gesagt, dass ich mal mit solchen Dingen zufrieden sein werde, h\u00e4tte ich es nicht geglaubt. Damals war ich verspannt und verpanzert, sp\u00fcrte den K\u00f6rper fast gar nicht, ausser eben durch Essen, Trinken und Sex, Gen\u00fcsse, die deshalb einen \u00fcbertrieben hohen Stellenwert einnahmen. Wenn ich mich nach vorne beugte, konnte ich den Boden mit den H\u00e4nden nicht ber\u00fchren und schon nach einer halben Stunde z\u00fcgigen Spazierengehens war ich fertig mit der Welt. Als eine Last bewegte ich mich allenfalls von Stuhl zu Stuhl, wenn&#8217;s denn sein mu\u00dfte &#8211; wie soll da der K\u00f6rper Gl\u00fcck oder Ekstase empfinden?<\/p>\n<p>Und so bin ich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans-Peter_Hempel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">meinem Yoga-Lehrer<\/a> unendlich dankbar, der aus mir eine andere gemacht hat. Der es geschafft hat, meine Motivation f\u00fcr die \u00dcbungen \u00fcber ein paar Jahre aufrecht zu erhalten, ausreichend lang, um die Verpanzerungen zu l\u00f6sen und den K\u00f6rper empfindsam zu machen. Ohne ihn w\u00fcrde ich noch immer glauben, der n\u00e4chste Projekterfolg, der n\u00e4chste Auftrag, der n\u00e4chste Hype w\u00e4r&#8216; es jetzt&#8230;.<\/p>\n<p>&#8222;Aber warum schreibst du Diary?&#8220;, w\u00fcrde mein Lebensgef\u00e4hrte fragen. Ich brauche diese Form der Mitteilung, um meine Motivation f\u00fcr die anderen Arbeiten aufrecht zu erhalten. Sie sind ja ganz nett, die gerade anlaufenden Projekte, aber sie verschaffen mir kein &#8222;gewisses Flackern&#8220; in den Augen. Ganz normale Arbeit, die dem Gelderwerb und der daf\u00fcr n\u00f6tigen Reputation dient, wogegen das Diary reiner Selbstausdruck ist &#8211; und sogar noch mit der M\u00f6glichkeit der Kommunikation. DAS freut mich am Internet und ohne Freude k\u00f6nnte ich nicht kreativ arbeiten.<\/p>\n<p><span>Zum Yoga siehe auch: <a href=\"http:\/\/home.snafu.de\/klinger\/entspann.htm\" target=\"_top\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"*\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/> Entspannung<\/a><\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man in den Medien Berichte \u00fcber Internet-Start-Ups liest, wird regelm\u00e4\u00dfig das Engagement der Mitarbeiter ger\u00fchmt &#8211; oder kopfsch\u00fcttelnd zur Kenntnis genommen, je nach Absicht des Schreibers. Da arbeiten sie bis zu 15 Stunden t\u00e4glich, verlassen das Techno-beschallte Gro\u00dfraumb\u00fcro allenfalls zum schlafen, der Chef spendiert gelegentlich Pizza und es gibt gemeinsame Grillabende. 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