{"id":3949,"date":"2000-09-26T11:47:13","date_gmt":"2000-09-26T09:47:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3949"},"modified":"2023-11-26T11:49:57","modified_gmt":"2023-11-26T10:49:57","slug":"alt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/09\/26\/alt-werden\/","title":{"rendered":"Alt werden"},"content":{"rendered":"<p>Mit Mitte 40 redet sie vom Alter? Vielleicht hat sich mancher gewundert, als ich gestern schrieb: &#8222;Vielleicht bin ich endlich zu alt, um \u00fcber Alternativen zu gr\u00fcbeln&#8230;&#8220;. Doch ich meine es schon ernst, jedenfalls ernst genug f\u00fcr ein l\u00e4ngeres Gedankenspiel. <!--more--><br \/>\nZu einer anderen Zeit oder in einer anderen Kultur w\u00e4re ich jetzt schon die zahnlose Oma, die keifende oder die weise Alte, je nachdem. Jedenfalls nicht &#8222;in den besten Jahren&#8220;, wie es heute heisst und doch in all dem medial vermittelten &#8222;Jugendwahn&#8220; nicht ganz ernst gemeint wird. Heute wollen zwar alle alt werden, aber niemand will alt sein. Die Alten darf man nicht mehr so nennen, sie heissen &#8222;Senioren&#8220;, besser noch &#8222;agile Senioren&#8220;. Wo die Oberfl\u00e4che schon fast alles ist, m\u00fcssen \u00fcber 60-J\u00e4hrige aussehen wie 30, wenn sie noch auf einem Bildschirm erscheinen wollen: Cher, Tina Turner &#8211; m\u00fcssen sie sich nicht furchtbar vorkommen, wohl wissend, dass sie ohne die Kunst der Sch\u00f6nheitschirurgie nicht das w\u00e4ren, was sie sind?<\/p>\n<p>Mir k\u00f6nnte das alles egal sein. Es ist n\u00e4mlich ein angenehmer Aspekt am \u00c4lter-werden, dass man damit aufh\u00f6rt, um jeden Preis ankommen zu wollen. Personalchefs wissen das und ziehen deshalb J\u00fcngere vor: die sind noch so voller Ehrgeiz und Sehnsucht nach Anerkennung, dass sie fast beliebig und bis an die Grenzen ihrer Power einsetzbar sind. \u00c4ltere dagegen entwickeln andere Werte: die je eigene Lebensqualit\u00e4t, das JETZT steht mehr und mehr im Vordergrund, nicht abstrakte Ziele oder Zahlen, Bankkonto, Statussymbole, Konsum, Zukunft. Mit welchem Speck soll man alte M\u00e4use locken, die schon zigmal zugesehen oder selbst erlebt haben, wie die Falle zuschnappt?<\/p>\n<p>Hier liegt der Knackpunkt, der tiefere Grund f\u00fcr die Entwicklungsst\u00f6rung unserer Gesellschaft, die zwar faktisch altert, aber das Altern ablehnen muss: Geistiges Wachsen, \u00fcber das Materielle und die sch\u00f6nen K\u00f6rper und Oberfl\u00e4chen der Warenwelt hinaus, ist nicht angesagt. Es w\u00fcrde die Wirtschaft in Gefahr bringen, die auf den schnellen Wechsel der Moden und Produkte angewiesen ist. Lieblingszielgruppen der Warenwelt sind dem entsprechend die Jungen, neuerdings zunehmend Kinder, die aus Spieltrieb und Experimentierfreude alles mitmachen, nur weil es NEU ist. Heute Teletubbis, morgen WAP.<\/p>\n<p>Die INTEL-Aktie ist ja neulich dramatisch abgest\u00fcrzt. Vielleicht ein erstes Zeichen, dass sich etwas \u00e4ndert: der Kreis derjenigen, die sich allein schon deshalb einen neuen PC zulegen, weil es wieder mal einen SCHNELLEREN PROZESSOR gibt, ist vermutlich geschrumpft. Was bringt auch ein neuer Prozessor, wenn die Daten nicht schnell genug \u00fcbers Netz kommen? Mangelnde Bandbreite bremst als technischer Flaschenhals die ungest\u00fcme Jugend aus, deren Lieblingsgeschwindigkeit in den Kinofilmen in Gestalt der vielen Explosionen zu besichtigen ist. Es wird noch eine Zeit lang dauern, bevor sich auf den Monitoren das gleiche abzeichnet wie in den schnellen Schnitten aktueller Filme und Videos: Ein Eindruck, gerade so lange bzw. so kurz, um ihn in die Wahrnehmung zu dr\u00fccken, dann sofort der n\u00e4chste. Nur keine &#8222;L\u00e4ngen&#8220;, bloss keine L\u00fccken, da k\u00f6nnte ja ein Gedanke aufkommen und der k\u00f6nnte in die Leere f\u00fchren (die f\u00fcrchtet man heute weit mehr als Kritik).<\/p>\n<p>Bevor dieses Gedankenspiel endlos von diesem zu jenem driftet: Ich empfinde das \u00c4lter-werden als Abenteuer. Es bietet n\u00e4mlich das einzig NEUE, das bleibt, wenn das \u00dcbliche (der Speck, die Falle, das Rattenrennen&#8230;) nur noch zum G\u00e4hnen reizt. Nicht schnellere und immer neue Prozesse, sondern ein Zooming-In in jeden einzelnen Prozess, das ganz neue Welten der Wahrnehmung, der Gedanken, Gef\u00fchle und Aha-Erlebnisse erschlie\u00dft. Schau auf deine Hand: Nichts Besonderes, langweilig, 1000 mal gesehen. Aber sieh mal durch ein Elektronenmikroskop! Da siehst du Neues, sogar VIEL Neues &#8211; nur eines siehst du nicht mehr: Dass es DEINE Hand ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Mitte 40 redet sie vom Alter? Vielleicht hat sich mancher gewundert, als ich gestern schrieb: &#8222;Vielleicht bin ich endlich zu alt, um \u00fcber Alternativen zu gr\u00fcbeln&#8230;&#8220;. 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