{"id":3948,"date":"2000-09-27T11:00:33","date_gmt":"2000-09-27T09:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3948"},"modified":"2023-11-26T11:47:10","modified_gmt":"2023-11-26T10:47:10","slug":"die-magie-der-texte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/09\/27\/die-magie-der-texte\/","title":{"rendered":"Die Magie der Texte"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich mir die Texte der letzten Tage so durchlese, wirken sie wie eine Art beschleunigtes Altern: Keine Motivation, \u00dcberdruss, auch Traurigkeit. Das ist der HERBST, das Sterben der Natur, von dem ich nicht unabh\u00e4ngig bin, hier draussen noch viel weniger als in der Stadt.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Jahr ist wie ein Leben: Im M\u00e4rz erwachen die Lebensgeister, die Starre des Winters weicht, alles ist spannend und irgendwie lustig, Lachen liegt in der Luft, man freut sich wie ein Kind. Wenn dann im Mai die Natur explodiert und ihre Orgie feiert, kommt das Verlangen, ein mehr oder weniger heftiges Getriebensein, mal Lust, mal Schmerz und Sehnsucht &#8211; eine Art Pubert\u00e4t. Der Sommer kommt vergleichsweise ruhig: Auf dem Gipfel der Kraft kann man viel tun, f\u00fchlt sich stark und unabh\u00e4ngig. Der K\u00f6rper ist nicht gefordert, gro\u00dfe Temperaturunterschiede zu bew\u00e4ltigen, alle Energie steht zur Verf\u00fcgung, f\u00fcr was auch immer. Und dann der Herbst, das Sterben beginnt, schleichend verschwindet die Kraft, die Selbstverst\u00e4ndlichkeit entweicht aus allen Aktivit\u00e4ten. Jedes Ereignis wirft Sinnfragen auf und man f\u00fchlt sich immer verletzlicher, melancholisch, mutlos. (Die Alten haben dagegen die Dankbarkeit f\u00fcr die Ernte gesetzt, das haben wir leider verlernt). Im Winter ist es schlie\u00dflich \u00fcberstanden: alles ist tot. Die Probleme des Lebendigen, das Wachsen, Expandieren und Konkurrieren erscheinen nur noch als ein Tanz der Nebens\u00e4chlichkeiten. Klarheit und Konzentration wachsen, man sieht die Dinge, wie sie sind, ohne den eigenen Verstrickungen zu erliegen. Stille, Dunkelheit &#8211; und am tiefsten Punkt dann auf einmal das Licht&#8230;<\/p>\n<p>Mit so einer kleinen Meditation baue ich mich auf. Schreibend stellt sich Distanz her zu aktuellen Freuden oder Leiden, der lineare Ablauf der S\u00e4tze ergibt m\u00fchelos kleine Gedankengeb\u00e4ude, die ohne Schreiben vielleicht nicht zustande gekommen w\u00e4ren. Und wenn eines fertig ist, steht es da in der Welt der Worte und entfaltet doch seine Wirkung, vermittelt ganz reale Gef\u00fchle. Das ist die Magie des Schreibens. Sie wirkt, wie alle Magie, vor allem auf den Autor selbst und nur zuf\u00e4llig auf einen Leser, der sich vielleicht gerade in einer \u00e4hnlichen Verfassung befindet.<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht, die schwarze Variante dieser Magie zu unterlassen. Sie ist so naheliegend und viel unterhaltsamer als die weisse. Leicht vergi\u00dft der Schreibende, dass er selbst sein erstes Opfer ist, wenn er die Worte nur benutzt, um sich auszukotzen, seine dunklen Gef\u00fchle und Verzweiflungen, seinen Menschenhass und seine Verachtung als Texte in die Welt zu setzen. Wenn ich mich mies f\u00fchle, neige ich dazu, nur das Miese an meinen Mitmenschen zu sehen, das Trennende zu betonen und mit vielen Worten immer wieder dasselbe zu schreiben: Ich bin ja so ANDERS, soviel besser, wahrer und klarer&#8230;.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wirkt das erleichternd, genau wie auf den Tisch hauen oder mit dem Fu\u00df aufstampfen. Aber dann verst\u00e4rkt der Text mit all seiner Macht die Empfindung, unter der man doch gerade leidet: Das Getrennt-Sein, die Einsamkeit. Wer nur immer den Abstand, das Gef\u00e4lle zwischen sich und dem Anderen sieht, der baut dadurch eben diesen Abstand immer st\u00e4rker aus. Und weil sich ja JEDER irgendwo besser und anders f\u00fchlt, bekommt man sogar Zuspruch, das Publikum applaudiert, die Auflagen, Zugriffe und Einschaltquoten steigen. 90 Prozent des medialen Geschehens funktioniert nach diesem Muster, selbstverst\u00e4ndlich unter der Fahne der Aufkl\u00e4rung, Wahrheit &amp; Klarheit, hier wird endlich gesagt, was Sache ist&#8230;<\/p>\n<p>Ich vermute, das Kennzeichen gro\u00dfer Literatur ist ein anderer Umgang mit diesem Spannungsfeld. Begnadete Autoren verm\u00f6gen es, nicht die oberfl\u00e4chliche Gemeinsamkeit im Anders-Sein und vor allem Besser-Sein anzusprechen (oder wenn, dann nur als erstes Lockmittel), sondern die Leser in die eigenen Tiefen, die unverstellten und ungerechtfertigten (!) Widerlichkeiten eines jeden Individuums zu f\u00fchren und DORT die Gemeinsamkeit herzustellen &#8211; eine Gemeinsamkeit im Leiden am eigenen Negativen, die dann als solche ins Positive umschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das erinnert mich gerade an eine ber\u00fchmte Szene in der Baghavadgita: Arjuna, der Held, muss in einem Krieg gegen Verwandte k\u00e4mpfen und packt es nicht, loszuschlagen. Da erscheint ihm Gott und sagt: &#8222;Tu deinen Job, nimm dein Schicksal an &#8211; wenn Krieg ist, ist eben Krieg!&#8220; Und Arjuna h\u00f6rt, folgt und greift zu den Waffen gegen die eigenen Br\u00fcder.<\/p>\n<p>Dieser Text ist deshalb ein heiliger Text, weil er vor einigen tausend Jahren ungeheuer wirkungsm\u00e4chtig war, NOT-wendig. Offensichtlich wurde zu dieser Zeit gelernt, h\u00f6here und abstraktere Ziele \u00fcber das Verwandt-Sein zu stellen. Mir scheint, heute ist es umgekehrt: Wir kennen seit langem nur noch abstrakte Ziele (Zahlen, Zukunft&#8230;) und f\u00fchren st\u00e4ndig Krieg, auch gegen den liebsten Freund. Heute w\u00e4re also ein anderer Text der heilige Text, einer der mit aller Macht, deren Worte f\u00e4hig sind, in die Herzen schreibt: &#8222;Hallo du Held, diese Unmenschen da dr\u00fcben, das sind alles Verwandte!&#8220;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich mir die Texte der letzten Tage so durchlese, wirken sie wie eine Art beschleunigtes Altern: Keine Motivation, \u00dcberdruss, auch Traurigkeit. Das ist der HERBST, das Sterben der Natur, von dem ich nicht unabh\u00e4ngig bin, hier draussen noch viel weniger als in der Stadt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[414],"tags":[562,602,788],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3948"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3948"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3948\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}