{"id":3947,"date":"2000-09-28T11:43:26","date_gmt":"2000-09-28T09:43:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3947"},"modified":"2023-11-26T11:45:14","modified_gmt":"2023-11-26T10:45:14","slug":"wer-schreibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/09\/28\/wer-schreibt\/","title":{"rendered":"Wer schreibt?"},"content":{"rendered":"<p>Bin ich wirklich die &#8222;Autorin&#8220; meiner Texte? Gestern zum Beispiel hab&#8216; ich mit dem Schreiben begonnen, ein Satz ergab den anderen &#8211; genau wie jetzt. VORHER habe ich keinen Plan, allenfalls einen Eindruck aus dem Augenblick, ein Gedanke kommt vorbei, und noch einer und noch einer &#8211; ich sp\u00fcre nicht, dass ich etwas tue, von dem ich sagen k\u00f6nnte: DAS ist meine Arbeit als Schreiberin, hier w\u00e4hle ich aus, da pr\u00fcfe und verwerfe ich, das hier halte ich f\u00fcr wahr und schreibe es deshalb hin, das andere habe ich abgelehnt, es kommt mir nicht in den Editor&#8230; Je mehr ich mich in dieses R\u00e4tsel versenke, desto verr\u00fcckter kommt es mir vor. Dann denke ich an die Leser, Himmel nochmal, das ist dann ein Einbruch, eine Hemmung, der Flu\u00df stoppt, denn ich f\u00fchle MICH gefordert und offensichtlich kann ich sowas wie &#8222;mich&#8220; nicht bieten, gar nicht auffinden, es ist nur eine Gewohnheit, zur Schreiberin ICH zu sagen, aber was heisst das schon?<!--more--><\/p>\n<p>Wenn der Fluss stoppt, lese ich den Satz, vielleicht den ganzen Absatz noch einmal, danach geht es dann problemlos weiter, es schreibt wieder&#8230; Das erinnert mich an die Zeit, als ich noch Gitarre spielte. Ich hatte einige komplizierte St\u00fccke gelernt, m\u00fchevoll, Takt f\u00fcr Takt, nach Noten, die ich keineswegs fliessend lesen konnte. Musste mir alles erst ausrechnen, umst\u00e4ndlich die jeweils richtige Stelle f\u00fcr den richtigen Finger der linken Hand finden und dann das Ganze auswendig lernen. Irgendwann aber KONNTE ich das St\u00fcck, die Hand hatte es gelernt und wusste jetzt ganz alleine, wo es lang ging. Wenn ich dann das St\u00fcck mal eine lange Zeit nicht mehr gespielt hatte, gab es nicht den Schimmer einer Chance, mich vom Kopf her an die Noten zu erinnern. Die Haltung einnehmen und sich in einen leeren Zustand versetzen, das St\u00fcck innerlich h\u00f6ren &#8211; das war alles, was ich &#8222;tun&#8220; konnte, die Hand legte dann pl\u00f6tzlich von selber los und spielte all die komplizierten Griffe, die ich l\u00e4ngst vergessen hatte.<\/p>\n<h2>Gedankenspr\u00fcnge&#8230;<\/h2>\n<p>Lerne nie den Autor kennen, den du bewunderst &#8211; ich habe vergessen, wer das geraten hat, doch ich weiss, was er meint. Texte wirken aus sich selber so perfekt, und man \u00fcbertr\u00e4gt diese Perfektion auf den Autor, fordert sie von ihm ein. Wer SO ETWAS gedacht und auch noch hingeschrieben hat, muss doch auch sonst ein sagenhafter Typ, eine tolle Frau sein! Und wom\u00f6glich geht mensch dann zu einer Lesung und dort sitzt so ein nerv\u00f6ser kleiner Mann mit sch\u00fctterem Haar, Kettenraucher ohne Nachschub, Stimme ohne jeden Sound&#8230; Das ist nur ein Beispiel, nicht selbst erlebt, ich gehe nicht zu Lesungen, doch lerne ich nat\u00fcrlich manchmal Menschen kennen, deren Texte ich sch\u00e4tze. Und ich versuche &#8211; welch&#8216; idiotisches Bem\u00fchen! &#8211; selber nur Texte zu verfassen, die ich auch leben kann. Also keine gro\u00dfen Weisheiten, keine festen Behauptungen, keine ein-f\u00fcr-allemal-Rezepte, ja, manchmal, wenn es mich \u00fcberkommt, verweigere ich es mir, sprachlich brilliant zu sein. Denn: Mein Zimmer ist auch nicht brilliant und die Klamotten, in denen ich hier vor dem Monitor sitze, w\u00fcrde ich nicht mal bei einem Beh\u00f6rdenbesuch tragen.<\/p>\n<p>Glauben andere Schreiber eigentlich, sich mit ihren Texten zu retten? Wollen sie den vollkommenen Text gegen die eigene Unvollkommenheit setzen? Und damit dann wom\u00f6glich &#8222;unsterblich&#8220; werden? Ein Glaube aus einer anderen Zeit, sofern ihm \u00fcberhaupt noch jemand anh\u00e4ngt. Oder ist doch etwas dran? Etwa in dem Sinne: Unsterblich ist nur das, was nie gelebt hat. Mathematik zum Beispiel &#8211; aber ein Text?<\/p>\n<p>Alles Unsinn. Texte handeln doch vom Leben, sonst sind sie langweilig. Trotzdem stellt sich die Frage: Wer erlebt das? In jedem Moment bin ich ein Knoten zwischen unendlich vielen Einfl\u00fcssen, angefangen beim Wetter bis hin zu dem Gedankenstrom, der unaufhaltsam durchs Gehirn tobt. Indem ich da nun etwas herausgreife und als &#8222;Ereignis&#8220; berichte &#8211; schaffe ich dadurch nicht selbst das Ereignis als ein vom gro\u00dfen Rest abgegrenztes Geschehen?<\/p>\n<p>Letztes Jahr hab&#8216; ich mir eine Digitalkamera gekauft. Ich dachte, ich w\u00fcrde viel damit fotografieren, sie ist ja recht handlich, nicht so ein Trumm wie zu Zeiten der Spiegelreflex-Ausr\u00fcstung. Fakt ist, dass ich sie nie mitnehme, wenn ich ausgehe oder wegfahre, wenn es also wom\u00f6glich etwas Besonderes zu sehen oder zu erleben gibt. Es kommt mir vor wie eine Vers\u00fcndigung, einem Sonnenuntergang oder einer sch\u00f6nen Landschaft mit Kamerablick und J\u00e4ger-Klick entgegen zu treten. Schlimm genug, dass ich den Sonnenuntergang &#8211; auch ganz &#8222;unbewaffnet&#8220; &#8211; gedanklich kommentiere, w\u00e4hrend er stattfindet. Das trennt mich vom Geschehen wie eine undurchdringliche Milchglasscheibe. Dem kann ich zwar entgegenwirken, indem ich mich k\u00f6rperlich verausgabe, doch bin ich verdammt tr\u00e4ge und bequem und verzichte in der Regel dankend auf den Einbruch der Wirklichkeit, den der Moment der Entspannung nach einer Anstrengung verschafft.<\/p>\n<p>Tja, so fliessen die Worte in die Tasten und wenn mich jemand fragt, warum ich das mache, weiss ich es nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bin ich wirklich die &#8222;Autorin&#8220; meiner Texte? Gestern zum Beispiel hab&#8216; ich mit dem Schreiben begonnen, ein Satz ergab den anderen &#8211; genau wie jetzt. VORHER habe ich keinen Plan, allenfalls einen Eindruck aus dem Augenblick, ein Gedanke kommt vorbei, und noch einer und noch einer &#8211; ich sp\u00fcre nicht, dass ich etwas tue, von [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[414],"tags":[785,787,786],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3947"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3947"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3947\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}