{"id":3945,"date":"2000-10-01T10:00:47","date_gmt":"2000-10-01T08:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3945"},"modified":"2024-02-29T19:35:57","modified_gmt":"2024-02-29T18:35:57","slug":"unbekuemmertes-dasein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/01\/unbekuemmertes-dasein\/","title":{"rendered":"Unbek\u00fcmmertes Dasein"},"content":{"rendered":"<p>Wieder beginnt ein Tag, der mich nach drau\u00dfen ziehen wird, sch\u00f6n, warm, sonnig, mit dieser Melancholie des Herbstes. Wenn ich meine Unt\u00e4tigkeit der letzten Zeit betrachte, hoffe ich auf schlechteres Wetter, Arbeitswetter, draussen alles neblig, dunkel, tr\u00fcb, kalt und na\u00df, so dass es das Selbstverst\u00e4ndlichste ist, im Virtuellen und Symbolischen zu leben.<!--more--><\/p>\n<p>Es war beileibe nicht immer so, dass mein Tun oder Nicht-Tun derart stark von atmosph\u00e4rischen Einfl\u00fcssen abhing. Meist hat mich der Ehrgeiz getrieben, oder auch die Angst, was fast dasselbe ist. Immer wollte ich etwas erreichen, hatte Vorstellungen, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, da oder dort angekommen, dies oder jenes vollendet zu haben: Wieder ein Erfolg, eine Erweiterung meiner Besitzst\u00e4nde, nicht unbedingt der materiellen, sondern wie im GO-Spiel eine Vergr\u00f6\u00dferung des Einflusses. Und immer war da der diffuse Gedanke, in der Zukunft werde alles wunderbar, ganz anders, viel besser.<\/p>\n<p>Das alles ist anders geworden, schon in Berlin, doch durch den Umzug nach Gottesgabe ist es \u00fcberdeutlich: Was sollte ich denn noch w\u00fcnschen, nachdem ich hier jederzeit mit ein paar Schritten raus in die Landschaft, auf die Wiese, in den Wald, an den See gehen kann? Als Stadtmensch war mein Ziel der Sehnsucht das DRAUSSEN SEIN. Ich kannte das praktisch nur aus dem Urlaub, doch fuhr ich ja nicht mehr weg, es fehlte mir also immer st\u00e4rker. Und nicht nur mir, schlie\u00dflich fahren Millionen Menschen mehrfach im Jahr an irgendwelche Str\u00e4nde, in primitivere, unzivilisiertere Umgebungen, wo sie sich endlich wieder als k\u00f6rperliche Wesen sp\u00fcren: barfuss durch den Sand laufen&#8230;.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach dem Haus im Gr\u00fcnen ist genau dasselbe. Man kann mit dieser Sehnsucht in der Stadt wohnen bleiben und glauben, man habe nicht genug Geld und keine M\u00f6glichkeiten. Man kann aber auch einfach &#8218;rausziehen und sich etwas MIETEN. Es ist im Grunde einfach, solche W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen, Miete zahlen m\u00fcssen wir ja \u00fcberall.<\/p>\n<p>Worauf ich hinaus will: Im Hintergrund all der \u00fcblichen Aktivit\u00e4ten ist normalerweise eine Schicht mehr oder weniger bewu\u00dfter W\u00fcnsche und Vorstellungen, die uns antreiben, Energie zum Arbeiten geben. Es mu\u00df nicht das Land sein, jeder hat seine je eigenen W\u00fcnsche. Das Bed\u00fcrfnis, anerkannt zu sein und immer mal wieder ein Siegertreppchen zu erklimmen, h\u00e4lt auch recht lange vor. Doch irgendwann mal merkt man, dass das immer das gleiche Spiel ist und der Energieaufwand in keinem Verh\u00e4ltnis zum &#8222;Erfolg&#8220; steht. Gute Projektleiter in Unternehmen schlie\u00dfen mit hohem Einsatz ein Projekt ab &#8211; und bekommen halt dann das N\u00e4chste aufgedr\u00fcckt: same procedure&#8230; Ein Lob dazu, ok, das f\u00fchlt sich f\u00fcr ein paar Sekunden toll an. vielleicht auch mehr Geld &#8211; aber was hat einer denn davon, wenn die Zeit fehlt? Dar\u00fcber denkt man dann nicht nach, im Hintergrund stauen sich die nur verschwommen wahrgenommenen W\u00fcnsche, es geht um das neue Projekt und nicht darum, diese W\u00fcnsche KLAR zu sehen und so schnell wie m\u00f6glich zu verwirklichen. Wer denkt schon daran, dass das Leben nicht unendlich ist? Erst, wenn der Arzt sagt &#8222;Sie haben Krebs!&#8220;, sieht auf einmal alles ganz anders aus.<\/p>\n<p>Oft zeigt sich die Folie der W\u00fcnsche auch rein negativ: Wenn endlich der Kredit abbezahlt, die Scheidung \u00fcber die B\u00fchne, der Vertrag gel\u00f6st ist, DANN endlich&#8230; ja, was denn dann?<\/p>\n<p>Ja was? Das frage ich mich jetzt \u00f6fter mal, vermutlich zur Langeweile meiner Leser. An der Oberfl\u00e4che ist nat\u00fcrlich alles wie gehabt. Ich arbeite an verschiedenen Projekten, kommuniziere \u00fcber Pl\u00e4ne und Ziele, und doch &#8211; manchmal Tage und Wochen lang &#8211; ist da ein Stocken der Maschine, das ich auch durch heftige Willensanstrengung nicht \u00fcberwinden kann, ja, nicht mal ernsthaft \u00fcberwinden will. Es fehlt einfach die Wunsch-Energie und ich wei\u00df nicht recht, wie damit umgehen. Eine M\u00f6glichkeit, die sich anbietet, ist, ganz vern\u00fcnftig die eigenen Aktivit\u00e4ten als eine blo\u00dfe Erhaltung des Status Quo zu sehen. Ich mu\u00df so weiter machen, damit es weiter geht, damit ich weiter in dieser wundersch\u00e4\u00f6nen Umgebung leben, die komfortable Wohnung bezahlen, und mir diesen und jenen kleinen Konsumwunsch erf\u00fcllen kann, ohne gro\u00df mit der Mark zu rechnen.<\/p>\n<p>H\u00f6rt sich gut an, funktioniert aber nicht. Aus vielen Erfahrungen wei\u00df ich, dass die Konzentration auf die Erhaltung eines Status Quo, eines wie immer gearteten Besitzstandes, bedeutet, geistig-psychisch in eine Verteidigungshaltung zu geraten. Die Aufmerksamkeit geht dann von dem, was MEHR sein k\u00f6nnte, vom Reich der Expansionsm\u00f6glichkeiten weg ins Gebiet der Gefahren: Wo droht etwas? Wer k\u00f6nnte mir etwas nehmen? Wo k\u00f6nnte ich durch ein Fehlverhalten oder mangelnde Anstrengung etwas verlieren? Das Bewu\u00dftsein des Reichtums geht so in ein Bewu\u00dftsein der Armut \u00fcber, und weil &#8222;die Welt&#8220; nicht unabh\u00e4ngig von mir existiert, sondern interaktiv reagiert, erlebe ich dann nur noch Kampf und Verlust. Von allen Seiten scheinen es Angreifer und schlimme Umst\u00e4nde darauf anzulegen, meine Welt in Schutt und Asche zu legen. Das ist mir fr\u00fcher \u00f6fter so gegangen, ich brauche es nicht zu wiederholen. Man verliert dabei tats\u00e4chlich IMMER, egal, wie sehr man sich anstrengt.<\/p>\n<p>Wer sich dagegen als Wesen mit Potenzialen, mit Ideen und F\u00e4higkeiten erlebt, die bei Bedarf blo\u00df verwirklicht werden brauchen (nicht m\u00fcssen!), hat ein Reichtumsbewu\u00dftsein, selbst mitten in materieller Armut. Mir ist das mit 36 zugesto\u00dfen, NACHDEM ich mich auf dem absoluten Tiefpunkt befand: finanziell, sozial, psychisch, k\u00f6rperlich. Im Tief so lange kreisen, bis es umschl\u00e4gt, bis auf einmal alle Kritik, alle Negativ-Vorstellungen und Bef\u00fcrchtungen abfallen wie nutzloser Ballast. Man ist ja schon auf dem Grund, es kann nichts Schlimmeres mehr geschehen und siehe da: Ich lebe! Ganz von selbst&#8230;<\/p>\n<p>Seither begleitet mich Unbek\u00fcmmertheit. Alles, was mir seitdem zugewachsen ist (mehr, als ich je zuvor mit aller Anstrengung erreichen konnte!), hat mich nicht belastet und nicht gro\u00df beeindruckt. Danke sagen und genie\u00dfen, morgen kann alles wieder weg sein, das ist nichts besonderes.<\/p>\n<p>In der Unbek\u00fcmmertheit breitet sich das JETZT aus. Und das Verlangen, sich dem ohne Widerstand hinzugeben. Einfach nur durch einen sonnigen Tag laufen. Endlich einmal die L\u00fccke zwischen zwei Gedanken erwischen und darin verschwinden. Inter-esse langweilt, warum nicht einfach da sein?<\/p>\n<p>Tja, aber da ruft die Arbeit. Funktioniere gef\u00e4lligst, sonst wird dir etwas genommen! Und so oszilliere ich zwischen Sein und Sollen, Tun und Lassen und schreib Euch gelegentlich &#8218;was auf. ;-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder beginnt ein Tag, der mich nach drau\u00dfen ziehen wird, sch\u00f6n, warm, sonnig, mit dieser Melancholie des Herbstes. 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