{"id":3944,"date":"2000-10-07T10:00:58","date_gmt":"2000-10-07T08:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3944"},"modified":"2023-11-26T11:36:28","modified_gmt":"2023-11-26T10:36:28","slug":"alt-werden-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/07\/alt-werden-ii\/","title":{"rendered":"Alt werden II"},"content":{"rendered":"<p>Wie sehr mich doch so eine kurze Tour wie der 3-t\u00e4gige Berlin-Trip aus der Spur bringen kann! Ich brauche immer einen vollen Tag, um anzukommen, erst der darauffolgende Tag ist wieder halbwegs normal. Fr\u00fcher war das anders: mit zwanzig, dreissig hatte ich noch gar nichts &#8222;Eigenes&#8220;, lebte auch zuhause, als w\u00e4re ich auf einer Reise, immer unterwegs, immer unter Leuten, ununterbrochen redend, denkend, w\u00fcnschend und planend. Alle Energie dr\u00fcckte nach au\u00dfen, lie\u00df mich in die Welt wachsen. Umgekehrt sp\u00fcrte ich nur wenig, fast nichts. Da mu\u00dfte schon ein richtiges Drama kommen, oder ein Unfall, eine Krankheit, bevor ich mich mal mir selber zuwendete. Oder ich probierte es mit Drogen, die verl\u00e4\u00dflich das Bewu\u00dftsein ver\u00e4nderten, m\u00f6glichst spektakul\u00e4r, m\u00f6glichst heftig, alleine vermochte ich nichts anzufangen mit den langweilig scheinenden Eindr\u00fccken des Real Life.<!--more--><\/p>\n<p>Heute w\u00fcnsche ich mir manchmal eine Welt ohne Forderungen, eine gem\u00fctliche Welt ohne all das, was in den Nachrichten verhandelt wird und was man auf die Frage &#8222;Was machst du so?&#8220; sagt. Nicht, weil ich es nicht leisten k\u00f6nnte, mein Auskommen und auch mal einiges mehr zu erwerben, das lernt sich im Lauf der Jahre. Aber es wird weniger interessant. Der Glaube, da verberge sich ein gro\u00dfes Geheimnis, da sei etwas zu finden, was ich im Grunde meines Herzens suche, ist ohne Abschiedsparty verschwunden. Statt dessen gewinnen die ganz gew\u00f6hnlichen Eindr\u00fccke an Kraft, Regen, Sonnenschein, der Gesichtsausdruck eines Passanten, die Stimme des Freundes, die Schmerzen, wenn ich zu lange auf einem Stuhl sitze &#8211; und die Pflanze, die ich neulich wegen formlosen Herumwucherns v\u00f6llig kahl geschnitten hatte, hat schon wieder neue Bl\u00e4tter, welch ein Wunder!<\/p>\n<p>Diese Ver\u00e4nderung ist physisch gesehen die Folge der energetischen Schw\u00e4chung, die einsetzt, sobald der Gipfelpunkt des Wachstums \u00fcberschritten ist und der Weg Richtung Ende beginnt. Wenn man gestorben ist, \u00fcbernimmt dann endg\u00fcltig die Umwelt die Herrschaft, die W\u00fcrmer und Bakterien machen sich \u00fcber den Rest her. Doch schon lange vorher verst\u00e4rken sich die Einwirkungen. Ein blauer Fleck bleibt bei 15-j\u00e4hrigen nur ein paar Tage, Mitte vierzig h\u00e4lt er einige Wochen, im Alter viele Monate.<\/p>\n<p>Dass das Altern heute als \u00dcbel angesehen wird, ist die Folge der wirtschaftlichen Hektik. Es braucht daf\u00fcr diesen Geist der Jugend, der einfach voran und nach draussen will, um dies &#038; jenes zu erobern. Und nicht nur die Arbeitenden selbst m\u00fcssen in diesem Bewu\u00dftsein agieren, sondern m\u00f6lichst ALLE. Unsere High-Tech-Welt braucht ja jede Menge Konsumenten, um die schnellen Produktzyklen zu erm\u00f6glichen, der Mensch hat Verbraucher zu sein und sonst gar nichts, damit alles seinen beschleunigten Gang gehen kann. Andere Werte sind da gef\u00e4hrlich, um Himmels Willen, es w\u00e4re eine Katastrophe, wenn auf einmal viele einfach zufrieden w\u00e4ren, bzw. ihre Unzufriedenheit nicht mehr im Aussen zu ver\u00e4ndern suchten!<\/p>\n<p>In Wahrheit ist das Altern eine Befreiung vom Stress. Und es setzt nicht erst mit 65 ein, sondern lange vorher. Dass diese Welt mehr und mehr auf Stress baut, ist im Grunde IHR Problem, nicht das der Menschen, die nun einmal \u00e4lter werden. Deren, bzw. unser Problem, ist, dass uns der Genuss am Alt-werden verweigert werden soll, wir sollen unsere schwindenden Kr\u00e4fte darauf konzentrieren, \u00e4u\u00dferlich jung (und innerlich naiv) zu bleiben, anstatt die Qualit\u00e4ten sp\u00e4terer Jahre zu entwickeln und in der Gesellschaft auch zu vertreten. Ich bin ja gespannt, wie sich da die allgemein GEF\u00dcRCHTETE demoskopische Entwicklung auswirken wird. Was da n\u00e4mlich gef\u00fcrchtet wird, sind WIR. Nicht die Alten, die wir heute kennen, die Wirtschaftswundergeneration, sondern die 68er und Post-68er, die es nicht gewohnt sind, alles mit sich machen zu lassen, was &#8222;von oben&#8220; oder vom &#8222;Markt&#8220; f\u00fcr richtig befunden wird.<\/p>\n<p>Die heute Alten sind im Durchschnitt wohl versorgt. Sie haben, was sie wollten und was vielen von ihnen einzig wichtig war: materielle Sicherheit und einen gewissen Lebensstandard. Wir Over40s und alle folgenden Generationen werden nicht ansatzweise so viel und verl\u00e4\u00dflich Rente bekommen &#8211; und damit k\u00f6nnen wir nur leben, wenn wir ANDERS altern als die vor uns. Ich halte es zum Beispiel f\u00fcr normal und nat\u00fcrlich, dass man in sp\u00e4teren Jahren nicht mehr soviel Einkommen, Gegenst\u00e4nde, Verm\u00f6genswerte und \u00e4u\u00dfere Macht braucht. Das ganze Gerechne in der Werbung um die &#8222;Versorgungsl\u00fccke&#8220; ist falsch. Der einmal in der Lebensmitte erworbene Standard muss NICHT gehalten werden bis ins Grab, sondern nach und nach losgelassen, abgelegt, mit Freude verabschiedet. Immer sensibler werden, mehr sp\u00fcren, mehr sehen, mehr empfinden er\u00f6ffnet ganz andere Ekstasen, die all das nicht brauchen.<\/p>\n<p>Das funktioniert aber zum Beispiel nicht, wenn &#8211; wie heute \u00fcblich &#8211; Erwachsene ab der Lebensmitte pro Jahr im Schnitt um ein Pfund oder Kilo zunehmen. Wenn wir uns der Welt des Sich-fett-fressens und Zudr\u00f6hnens nicht entziehen, k\u00f6nnen wir keine anderen Lebensqualit\u00e4ten entwickeln und unsere K\u00f6rper machen immer mehr \u00c4rger, anstatt ein Instrument feinerer Wahrnehmung zu werden. Wir werden uns und anderen eine Last, letztlich ein Pflegefall &#8211; und um das &#8222;sozialvertr\u00e4glich&#8220; zu gestalten, braucht es tats\u00e4chlich jede Menge Geld. Geld, dass viele von uns nicht haben und nicht haben werden, weil es uns nie so wichtig war, wie denen vor uns. Ist es aber wirklich anzustreben, ein wohl-versorgtes Problem zu sein? Seine Tage mir Gespr\u00e4chen \u00fcber die eigenen Krankheiten und Klagen \u00fcber die schlimme Welt zu verbringen?<\/p>\n<p>Ich halte mir hier selber Reden, nicht etwa anderen! F\u00fchle mich hin- und hergezogen zwischen der alten Fress- und Expansionsmentalit\u00e4t und einer anderen Lebensart, die ich erst in Ans\u00e4tzen erkenne. Noch immer rauche ich, verfalle gelegentlich dem Rotwein und esse zu viel: bewusstseinsd\u00e4mpfende Schmiermittel, um SO weiter zu funktionieren, wie gehabt. Weil ich mir nicht recht vorstellen kann, wie es anders gehen k\u00f6nnte. Wenn ich das alles n\u00e4mlich nicht tue, ver\u00e4ndern sich meine Interessen schneller, als ich meine \u00d6konomie nachziehen kann. Schlie\u00dflich kann ich nicht irgendwohin aussteigen, auch psychisch br\u00e4chte ich das noch nicht fertig. Manchmal bin ich neidisch auf Schriftsteller. Nicht auf diese angestrengten Literaten, die sich in einem Literaturbetrieb als ganze Person vermarkten m\u00fcssen, sondern Leute, die zur Unterhaltung schreiben, Krimi-Autoren zum Beispiel. Das scheint mir ein sch\u00f6ner und gut lebbarer Altersjob zu sein. Sehr konzentriert an EINER Sache arbeiten, nicht nach allen Seiten in 1000 Dinge verstrickt sein, oberfl\u00e4chlich gesehen immer dasselbe tun, doch mit gro\u00dfer Freiheit im Reich der Worte und im konkreten Daily Life.<\/p>\n<p>So richtig bek\u00fcmert bin ich von all dem nicht. Es wird sich etwas ergeben, wie immer. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sehr mich doch so eine kurze Tour wie der 3-t\u00e4gige Berlin-Trip aus der Spur bringen kann! Ich brauche immer einen vollen Tag, um anzukommen, erst der darauffolgende Tag ist wieder halbwegs normal. 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