{"id":3942,"date":"2000-10-10T11:26:56","date_gmt":"2000-10-10T09:26:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3942"},"modified":"2023-11-26T11:31:24","modified_gmt":"2023-11-26T10:31:24","slug":"tauschgeschaefte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/10\/tauschgeschaefte\/","title":{"rendered":"Tauschgesch\u00e4fte"},"content":{"rendered":"<p>Vor den Zeiten des Netzes dauerte mein l\u00e4ngster Job gut zwei Jahre, eine kleine Ewigkeit. Per Netz arbeite ich nun seit 1996, lange voller Euphorie \u00fcber die Bequemlichkeit und Effektivit\u00e4t, mit der ich von zuhause aus heute dieses und morgen jenes tun kann. Web-Auftr\u00e4ge dauern nicht lang, dazwischen passen eigene Projekte, bei denen ich tun kann, was ich will. Ein Paradies! So dachte ich lange, sehr sehr lange. Jetzt vergeht das f\u00fcnfte Jahr, der dritte Computer rumpelt, der zweite Monitor strahlt 19 Zoll breit, der dritte und teuerste B\u00fcrostuhl meiner Sitz-Karriere schont meine Wirbels\u00e4ule &#8211; und seit einem guten Jahr sitze ich sogar in der gew\u00fcnschten Wohnung auf dem Land. Und jetzt?<!--more--><\/p>\n<p>Soll das jetzt so weiter gehen bis ich sterbe? Morgens E-Mail abrufen, dann ein bi\u00dfchen Diary schreiben, sofern mir etwas einf\u00e4llt. Dann ein Blick in zwei Mailinglisten, ein paar Antworten an meine Kollegen, den SPAM im Eingangsordner l\u00f6schen und schlie\u00dflich der Versuch, mich einer Arbeit zuzuwenden, gar nicht so leicht, denn meistens stehen mehrere Dinge zur Wahl, liegen an, wie es so hei\u00dft. Dazwischen immer mal wieder Mail, ein Blick auf zwei, drei Webseiten: hat sich was ver\u00e4ndert? Ob ja oder nein, es haut mich nicht mehr vom Hocker. Ich kann mich auch nicht mehr begeistern, wenn ich eingeladen werde, &#8222;fire flyer&#8220; &#8211; ein Flash-Spiel \u00fcber einen kleinen Feuerkopf und seine eisigen Wiedersacher anzusehen. Die Suche nach der Literatur und Kunst des neuen Mediums \u00f6det mich an &#8211; warum?<\/p>\n<p>Literatur und Kunst fand ich immer schon nur insoweit interessant, als da jemand etwas zu sagen hat, etwas zum Ausdruck kommt, das aus dem K\u00fcnstler oder Autor herausdr\u00fcckt und dabei, sozusagen beil\u00e4ufig, neue Formen gebiert. Eher verzichte ich auf neue Formen als auf einen Inhalt, der mich anspricht. Und lese dann halt Stephen King&#8230;<\/p>\n<p>Real Life? Mehr Menschen statt Webseiten? Ach, die Texte, B\u00fccher, Webseiten und E-Mails sind doch oft das Beste, was einer aus sich herausdestillieren kann. Wenn sie gut sind, kommen sie aus einer Distanz zur eigenen Person, die durch das Symbolisieren erst zustande kommt. Lerne nie den Autor kennen, den du bewunderst! Unterhalb des Symbolischen brodelt das Reale, und wenn man nicht gerade verliebt ist, ist es wie fauler Fisch.<\/p>\n<p>Bin ich verliebt, bin ich selber f\u00fcr kurze Zeit aus dem Schneider &#8211; aber f\u00fcr die anderen wird der Fisch NOCH fauler. Denn meine Bed\u00fcrftigkeit richtet sich dann auf nur noch EINE Person, die mir H\u00f6lle und Paradies sein kann &#8211; der arme &#8222;Rest&#8220; verliert jede Wichtigkeit, versinkt grau-in-grau in der Bedeutungslosigkeit.<\/p>\n<p>In Berlin hatte ich eine Freundin, die seit \u00fcber 20 Jahren allein gelebt hat. Wir trafen uns oft und hatten Freude aneinander. Kurz nach meinem Wegzug rief ich sie an, konnte sie aber nicht erreichen. Technisch schon, doch wimmelte sie mich recht kurz ab unter Hinweis auf eine neue Beziehung, die sie ganz in Anspruch nehme. Ein paar Wochen sp\u00e4ter versuchte ich es wieder, noch immer war sie wie ver-r\u00fcckt, hin- und weg, wie man so sagt, nicht mehr ansprechbar. Als ich sie jetzt zuf\u00e4llig w\u00e4hrend meines Berlin-Besuchs traf, war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst, wirkte krank und grau, schwer leidend. Sie bemerkte mich immerhin, teilte kurz mit, ihr ginge es schlecht, jetzt m\u00fcsse sie aber weiter, keine Zeit. Auf meine Frage nach der neuen Beziehung meinte sie, diese bestimme ihr ganzes Sein. Ja, das war nicht zu \u00fcbersehen!<\/p>\n<p>Fr\u00fcher w\u00e4re ich einfach nur sauer gewesen, weil mir ihre Beachtung abhanden gekommen ist, h\u00e4tte vielleicht ein bi\u00dfchen Stress gemacht, an ihre Moral, an die FREUNDSCHAFT appelliert. Heute verlangt es mich nicht mehr danach, es stimmt mich nur traurig, dass es ihr so schlecht geht und sie gleichzeitig v\u00f6llig unansprechbar ist. Ich kenne das ja, hab&#8216; selber oft genug alle Energie daran gesetzt, an einem Ungl\u00fcck festzuhalten, insbesondere in Beziehungen. Von aussen kann man da nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Alleinstehende sind vergleichsweise umg\u00e4nglich und offen. Ihre Energie ist nicht von einer Person absorbiert, ihre emotionale Bed\u00fcrftigkeit flottiert frei durch einen Freundeskreis oder verwandelt sich in Kunst- und andere Werke. Auch Paare, die \u00fcber den Beziehungs-Clich hinausgekommen sind, sind wieder zwei einzelne Personen und als solche ansprechbar. Das ist dann &#8222;Normalit\u00e4t&#8220;. Diese Normalit\u00e4t ist allerdings nicht von anderer Qualit\u00e4t, sondern nur eine andere Verteilung derselben menschlichen Bed\u00fcrftigkeiten, die einfach nur ges\u00e4ttigt sein wollen, mehr nicht. Zwischenmenschliche Kontakte sehe ich mehr und mehr in ihrem Charakter als Tauschgesch\u00e4fte: Dienst du meinem Ego, diene ich deinem. Automaten gehen mit Automaten um.<\/p>\n<p>Mich stimmt das melancholisch und das ist ein gutes Zeichen. Denn ich bin ja nicht anders als andere und wenn ich mir etwas w\u00fcnsche, was jenseits dieser Mechanismen steht, dann ist das ein allgemein menschlicher Wunsch, mit dem ich nicht alleine bin, zumindest im Geiste. Nach dem Miteinander im Leben verlangt es mich immer weniger. Bin schon zufrieden, im Supermarkt, im Wartezimmer des Zahnarztes oder in der Sauna Menschen zu sehen &#8211; einfach nur zu sehen, maximal ein kleiner Smalltalk, ein L\u00e4cheln, ein wacher Blick (welch ein Wunder!). Jedes MEHR w\u00fcrde sofort in die Welt der Tauschgesch\u00e4fte f\u00fchren und kippt im schlechten Fall in Krieg um.<\/p>\n<p>Ob nun Krieg, Markt oder Tausch: Wer darin immer erfolglos ist, wird vielleicht ungl\u00fccklich sein, sich aber nicht langweilen. Sondern immer weiter strampeln und k\u00e4mpfen, koste es, was es wolle. Erst eine Reihe Gewinne und Siege bringt die Erfahrung, dass auf diese Weise absolut nichts zu erreichen ist, was den Einsatz lohnt. Es ist, wie ein F\u00fcnf-Mark-St\u00fcck in den Schlitz des Zigarettenautomaten werfen: Wow, die Packung kommt &#8218;raus! Einen Tag sp\u00e4ter ist sie dann leer, du brauchst eine neue, es kostet Geld und schadet der Gesundheit.<\/p>\n<p>Schade, dass das nur eine Analogie ist. Jetzt hol&#8216; ich mir den n\u00e4chsten Kaffee und steck&#8216; mir eine an.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor den Zeiten des Netzes dauerte mein l\u00e4ngster Job gut zwei Jahre, eine kleine Ewigkeit. Per Netz arbeite ich nun seit 1996, lange voller Euphorie \u00fcber die Bequemlichkeit und Effektivit\u00e4t, mit der ich von zuhause aus heute dieses und morgen jenes tun kann. 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