{"id":3916,"date":"2000-10-16T18:21:26","date_gmt":"2000-10-16T16:21:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3916"},"modified":"2023-09-29T18:23:03","modified_gmt":"2023-09-29T16:23:03","slug":"autobio-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/16\/autobio-freiheit\/","title":{"rendered":"Autobio: Freiheit?"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Tag ereignen sich Momente, in denen ich mich frage: &#8222;Und jetzt? Was soll&#8217;s? Warum eigentlich? Was bringt das angesichts des Universums?&#8220; Das sind keine bewu\u00dft herbeigeholten Gedanken, sie dr\u00e4ngen sich unaufgefordert auf, als w\u00fcrde der Arm eines altmodischen Plattenspielers aus der Rille springen. Ich mu\u00df ihn dann wieder richtig einlegen, wobei sich jedes Mal die Frage stellt: In WELCHE Rille? Ich kenn&#8216; doch schon alle Songs, oder nicht? Und dahinter lauert immer wieder das &#8222;warum?&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4re ich unter Druck, h\u00e4tte ich dieses &#8222;Luxusproblem&#8220; nicht. Doch seit ich denken kann, lege ich Wert darauf, ein Maximum an Unabh\u00e4ngigkeit zu bewahren, bzw. erst mal zu erk\u00e4mpfen. Das hat ganz gut geklappt, nicht nur nach aussen (keine Kinder, kein Besitztum, kein 9-to-5-Job), sondern auch nach innen: \u00c4nderungen akzeptieren, nehmen, was kommt, m\u00f6glichst wenig festh\u00e4ngen an Dingen oder Eigenschaften.<\/p>\n<p><b>Vom Ekel<\/b><\/p>\n<p>Dass ich immer mit dieser Pr\u00e4ferenz lebte, ist nicht meine &#8222;Leistung&#8220;, sondern es ist mir eingewachsen durch den Ekel, den ich in der Kindheit sp\u00fcrte, ohne noch ein Wort f\u00fcr ihn zu haben. Bis zum f\u00fcnften Jahr wohnte ich im Drei-Generationen-Haushalt, in dem meine Gro\u00dfeltern das Sagen hatten. Es war eine Stadtwohnung ohne die M\u00f6glichkeit, die Wohnung als Kind eigenst\u00e4ndig zu verlassen. Die Konflikte zwischen meinen Eltern und den Gro\u00dfeltern, wie auch zwischen Vater und Mutter, bekam ich heftig zu sp\u00fcren ohne sie zu verstehen. St\u00e4ndig konnte die Situation gewittrig werden, es war sehr bedr\u00fcckend und machte mir Angst. Ich wurde auch oft &#8222;umgezogen&#8220;, hin und zur\u00fcck vom Zimmer meiner Eltern in einen Alkoven bei Oma &amp; Opa, je nachdem, wie mein Vater sich gerade auff\u00fchrte, der des \u00f6fteren mittels einer Saufphase gegen seine Machtlosigkeit in dieser Familie rebellierte. Nat\u00fcrlich erkannte ich das nicht, sondern erlebte ihn als gef\u00e4hrliche Katastrophe, die jederzeit uns alle in den Untergang reissen konnte.<\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich war trotz allem meistens Friede. Ein Friede, in dem ich mich st\u00e4ndig beobachtet und beurteilt f\u00fchlte, denn ich war praktisch nie allein. Ich lernte fr\u00fch lesen und schreiben, denn wenn ich mit meinen Stiften vor dem Papier sa\u00df oder in ein Buch schaute, wurde ich in Ruhe gelassen und mu\u00dfte auch meine geliebte Gro\u00dfmutter nicht f\u00fcrchten, die mir gelegentlich mit der Polizei, dem Teufel oder dem Schwarzen Mann drohte. Wenn wir dann mal irgendwohin gingen, ohne dass ich wu\u00dfte, wohin, und ich an der Hand eines Erwachsenen die Treppen &#8218;runter stieg, \u00fcberkam mich so ein Gef\u00fchl von \u00dcbelkeit, als musste ich gleich erbrechen. Es war aber keine vorrangig k\u00f6rperliche Empfindung, es war Ekel, ein zunehmender Ekel vor dem Leben, vor diesem ausweglosen Eingesponnensein in unerkl\u00e4rliche Mechanismen \u00fcberm\u00e4chtiger Gestalten, die ich doch liebte. Die Hand, die mich hielt, die Treppen, die vor mir lagen &#8211; unausweichlich, ich sp\u00fcrte meine v\u00f6llige Machtlosigkeit und fand es einfach zum Kotzen.<\/p>\n<p>Ich nehme an, dass mein dominierender Drang nach Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit in diesen Jahren wurzelt. Keine Liebe und kein einzelner Mensch konnte mich vom Ekel befreien, ja, sie hatten gar keinen Begriff davon, wie ich empfand und nat\u00fcrlich konnte ich es nicht in Worte fassen, nicht mal in Gedanken.<\/p>\n<p>Als wir den gro\u00dfelterlichen Haushalt endlich verlie\u00dfen und von Ulm nach Wiesbaden zogen, wurde einiges besser, anderes schlechter. Es gab jetzt einen Hof mit Wiese hinter dem Haus, ich konnte endlich RAUS! Doch traf ich dort auf eine Kinderbande, die mich als Ausl\u00e4nder behandelte &#8211; ich will das nicht vertiefen, Kinder sind grausam, das ist ja bekannt. Unsere Familie wurde gr\u00f6\u00dfer, mit zwei Schwestern teilte ich ein winziges Kinderzimmer, das Leben war v\u00f6llig verplant, man kann auch sagen, in &#8222;geregelten Bahnen&#8220;: Im Fr\u00fchjahr und Herbst der gro\u00dfe Familieneinkauf in den Versandhauskatalogen, dann der Sommerurlaub, auf den wir das ganze Jahr hinlebten und sparten, das immergleiche Ritual zu Weihnachten, das mir mit jedem Jahr peinlicher wurde &#8211; und gelegentlich die Saufphase meines Vaters, der als Angestellter in einer Bundesbeh\u00f6rde zwischen BAT 9b und 4a vegetierte. Ist ihm wohl recht langweilig gewesen, doch sagte er, ich m\u00fcsse ihm nachfolgen. Vor seinen Ausrastern sch\u00fctzten jetzt keine Gro\u00dfeltern mehr&#8230;<\/p>\n<p>Es wundert nicht, dass mein bewu\u00dftes Leben eine stete Bem\u00fchung um Befreiung geworden ist: Befreiung von der Familie, von Bindungen und Pl\u00e4nen, von vorgestanzten Tagesabl\u00e4ufen, von allen auf Sicherheit bedachten Gedanken und von einer Arbeitswelt, die mir zu \u00f6de schien, um auch nur ein paar Monate dort auszuhalten. In jungen Jahren befreite ich mich auch von den M\u00e4nnern, mit denen ich lange Beziehungen hatte. Obwohl wir immer beide verk\u00fcndet hatten, heiraten sei v\u00f6llig out, haben sie doch meine jeweilige Nachfolgerin geheiratet. Es lag also allein an mir, dass unter meiner Beteiligung keine Familie zustande kam.<\/p>\n<p>Heute f\u00fchle ich mich so frei und unabh\u00e4ngig, wie man in dieser Welt nur sein kann. Was ich als Grund zum Widerstand mitbekommen hatte, ist vorbei und nicht neu entstanden. Und auch der Gegenentwurf, den ich als Folge meines Widerstandes entwickelt hatte, ist weg, Mitte dreissig nahe der Selbszerst\u00f6rung endlich zerfallen.<\/p>\n<p>So stehe ich jetzt relativ jung vor dem Nichts. Irgendwie dachte ich n\u00e4mlich, man brauche sein ganzes Leben bis ins hohe Alter, um letztlich erst im Tod die Befreiung zu finden. Ich meine keine &#8222;absolute Freiheit&#8220;, w\u00fc\u00dfte nicht, was das sein soll, sondern die relative Freiheit von den D\u00e4monen, die sich am Kinderbett einfinden und einen mittels Angst und Ehrgeiz durchs Leben treiben.<\/p>\n<p>Und jeden Tag ereignen sich jetzt viele Momente, in denen ich mich frage: &#8222;Und nun? Was jetzt? Was soll&#8217;s? Warum? Was bringt das angesichts des Universums?&#8220; Ich frage das nicht ernsthaft, es ist nur wie ein Stocken und Stottern in den Abl\u00e4ufen, von deren psychischen Zw\u00e4ngen ich mich ja weitgehend frei gemacht hatte. Und weil das nicht unbedingt angenehm ist und die Pr\u00e4gungen nach wie vor existieren, entfalten die Schrecken meiner Kindheit manchmal verf\u00fchrerischen Glanz: Such dir Familienanschlu\u00df, es gibt genug gestresste Eltern, die dich brauchen (mein Schwester zum Beispiel hat 3 Kinder und kaum Geld&#8230;). Such dir mehr Bindungen, \u00fcbernehme mehr Verantwortung, spinne dich ein in Aufgaben, die dich nicht mehr nachdenken lassen \u00fcber das Warum und Wozu. Das wird dir neue\/alte Freuden und Leiden bringen, vor allem aber BEFREIT es von diesen unbeantwortbaren Fragen, von den L\u00fccken in der Motivation, von allen Momenten der Leere.<\/p>\n<p>Essen, wenn man hungrig ist, muss sein; essen aus Appetit macht immerhin Freude. Aber essen, nur weil da ein Gef\u00fchl der Leere im Magen ist, macht dick und krank. Es kann also nicht der Weg sein, einfach in das m\u00fchsam Abgelegte zur\u00fcckzufallen, nur weil mir sonst nichts einf\u00e4llt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Tag ereignen sich Momente, in denen ich mich frage: &#8222;Und jetzt? Was soll&#8217;s? Warum eigentlich? Was bringt das angesichts des Universums?&#8220; Das sind keine bewu\u00dft herbeigeholten Gedanken, sie dr\u00e4ngen sich unaufgefordert auf, als w\u00fcrde der Arm eines altmodischen Plattenspielers aus der Rille springen. 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