{"id":3915,"date":"2000-10-23T18:14:12","date_gmt":"2000-10-23T16:14:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3915"},"modified":"2023-09-29T18:26:32","modified_gmt":"2023-09-29T16:26:32","slug":"gefuehl-gedanke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/23\/gefuehl-gedanke\/","title":{"rendered":"Gef\u00fchl &#038; Gedanke &#8211; Reflexionen \u00fcber Sucht"},"content":{"rendered":"<p>Tag 4 ohne Zigaretten f\u00e4ngt gut an, ich f\u00fchle mich fit, arbeitswillig und f\u00e4hig, kein Schmachten nach der Kippe mehr. Es wird wiederkommen, da bin ich mir sicher, doch nicht mehr so lange bleiben.<\/p>\n<p>Wer bin ich? Offensichtlich ein Konglomerat aus chemischen Prozessen, dem es an Dopamin mangelt, der Stoff, aus dem das Gl\u00fccksgef\u00fchl gemacht ist. Wenn ich so lese, <a href=\"#sucht\">wie Sucht funktioniert<\/a>, kann ich mich nur wundern, dass \u00fcberhaupt Leute davon wegkommen. Andrerseits wundere ich mich auch wieder, dass so wenige es schaffen, denn immerhin machen Raucher viele Entw\u00f6hnungsversuche, wollen also wirklich &#8211; oder doch nicht?<\/p>\n<p>Wenn ich die Geschichte meiner Nicht-mehr-rauch-Versuche bedenke, ist der Wunsch, davon loszukommen, im Lauf der Zeit gewachsen. Anf\u00e4nglich war das Aufh\u00f6renwollen eine reine Vernunftangelegenheit: Kein vern\u00fcnftiger erwachsener Mensch kann ja das Rauchen ernsthaft verteidigen, also f\u00fchlte ich mich immer schon gefordert, aus guten Gr\u00fcnden aufzuh\u00f6ren. Wenn dann noch jemand versucht, mich zu beeinflussen oder ich freiwillig motivierenden Lesestoff aufnehme, dann kommt es zu einem Entw\u00f6hnungsversuch, der allerdings bald wieder scheitert.<\/p>\n<p>Das Suchtged\u00e4chtnis ist nach dreissig Jahren Rauchen WEIT ST\u00c4RKER als alle Argumente und oberfl\u00e4chlichen Motivationen, die z.B. sozial bedingt zustande kommen. Verl\u00e4\u00dflich wiederholbare Gl\u00fcckszust\u00e4nde &#8211; das ist die Dom\u00e4ne der Chemie, menschliches Miteinander kann da nicht mithalten, Argumente sowieso nicht. (Wer w\u00fcrde denn mit Gespenstern gegen Panzer angehen?).<\/p>\n<p>Die einzige Chance gegen die Sucht liegt auf derselben Ebene des Gewahrseins wie diese selbst: Gef\u00fchle, Emotionen und sinnliche Befindlichkeiten m\u00fcssen sich DAGEGEN aussprechen, den Stoff, aus dem die Tr\u00e4ume sind, weiter aufnehmen zu wollen. Das Leiden am Rauchen &#8211; vom Husten \u00fcber die verschleimten Bronchien bis hin zum benebelten Kopf und schauderhaft stinkigen Zimmer &#8211; mu\u00df gr\u00f6\u00dfer werden als die &#8222;Kaskade der Gl\u00fccksgef\u00fchle&#8220;, dann ist Aufh\u00f6ren m\u00f6glich. So hoffe ich wenigstens.<\/p>\n<p>Ich danke es meinem Yogalehrer und dem zunehmenden Alter, dass die Sensibilit\u00e4t auf der physischen Ebene gewachsen, also trotz rauchen nicht geschrumpft ist. Ich konnte es zum Herbst hin kaum mehr ertragen, dieses Zimmer hier voll zu qualmen, sa\u00df selbst an k\u00fchlen Tagen bei offenem Fenster vor dem Monitor, die wohlig-gem\u00fctliche Arbeitssituation war das lange nicht mehr. Und ich sp\u00fcrte die Gifte in den Adern, litt an einschlafenden H\u00e4nden, kalten F\u00fc\u00dfen und vielem mehr. Irgendwie hatte ich in den letzten Wochen auch keine Lust mehr, mein Zimmer aufzur\u00e4umen &#8211; wozu, wenn man sich selber t\u00e4glich mit solchem Dreck abf\u00fcllt?<\/p>\n<p>All diese Gef\u00fchle sind schon l\u00e4nger da und trotzdem konnte ich nicht aufh\u00f6ren, bzw. erlitt wieder R\u00fcckf\u00e4lle. Nun hab&#8216; ich neulich ganz au\u00dferhalb aller Gedanken ans Rauchen ein Gef\u00fchl aus fr\u00fcher Kindheit wieder entdeckt: Den Ekel vor der eigenen Unfreiheit (<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/16\/autobio-freiheit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">siehe 16.10.00<\/a>). Dieses Gef\u00fchl verbinde ich jetzt mit der Zigarette, erinnere mich daran, wenn das Verlangen kommt. Es passt wirklich gut dahin, wo der Gedanke alleine vielleicht auf verlorenem Posten st\u00fcnde: Der Gedanke, dass die Zigarette NICHT die Freiheit, das Gl\u00fcck und das Wohl-Sein bringt, sondern mich immer neu an die Unfreiheit, das \u00dcbel, die Krankheit fesselt.<\/p>\n<p>Wer jammert oder trauert, hat schon verloren. Mein letzter R\u00fcckfall war praktisch schon vollzogen, als ich es gedanklich zulie\u00df, von den &#8222;Sch\u00f6nheiten&#8220; einer Zigarette zu tr\u00e4umen, anstatt diesen Gedanken schon im Ansatz als suchtbedingte L\u00fcge zu erkennen und nicht eine Sekunde darin zu schwelgen. Ich hoffe, dass es diesmal besser l\u00e4uft, alle Zeichen stehen gut. Wenn aber Gef\u00fchl &amp; Gedanke noch immer nicht genug ausrichten, dann werde ich trotzdem nicht aufgeben. Sondern andere einladen, eine Gruppe zu bilden, um unsere Macht zu potenzieren. Das ist das letzte Mittel und ich wei\u00df, es hilft.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<blockquote>\n<h2 id=\"sucht\">Wie Sucht funktioniert<\/h2>\n<p>Alle Phasen der Sucht &#8211; von Rausch bis R\u00fcckfall, von Kick bis &#8222;Craving&#8220; &#8211; spielen sich prim\u00e4r im gleichen kleinen Hirnareal ab: im so genannten Nucleus Accumbens, dem Belohnungssystem. Die Evolution hat diesem Nervenknoten eine entscheidende Rolle zugeteilt. Er verbindet lebenswichtige Vorg\u00e4nge wie Essen, Trinken und Sex mit einem Lustgef\u00fchl. Dazu sch\u00fctten die Nervenzellen Botenstoffe aus, vor allem Dopamin. S\u00e4mtliche Drogen jedoch st\u00f6ren den Mechanismus so, dass mehr freies Dopamin \u00fcbrigbleibt:<\/p>\n<ul>\n<li>Nikotin steigert die Aussch\u00fcttung;<\/li>\n<li>Kokain blockiert die Wiederaufnahme;<\/li>\n<li>Opiate hemmen Nervenzellen, die die Dopaminmenge begrenzen;<\/li>\n<li>Cannabis benutzt einen anderen k\u00f6rpereigenen Steuerkreis, den es wie mit einem Nachschl\u00fcssel starten kann;<\/li>\n<li>Alkohol greift so umfassend in die Steuerung der Neuronen ein, dass ebenfalls mehr Dopamin ausgesch\u00fcttet wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dopamin sorgt jedoch nicht selbst f\u00fcr den Kick, sondern setzt gleichsam hinter alle Erlebnisse ein Ausrufezeichen: Das hier, was du gerade tust, dieser Ort, dieser Geschmack, dieser Geruch! &#8211; das ist immens wichtig, sagt der Dopaminschub dem Drogennutzer. Das Belohnungszentrum verkn\u00fcpft die Umst\u00e4nde des Konsums mit der spezifischen Wirkung der Droge.<\/p>\n<p>Nikotin l\u00f6st also eine wohlige Gef\u00fchlskaskade im Belohnungszentrum des Gehirns aus. Eine Zigarette begl\u00fcckt den Raucher \u00e4hnlich wie ein Kuss oder ein gutes Essen. Diese &#8222;Belohnung&#8220; wird direkt mit der T\u00e4tigkeit des Rauchens assoziiert. Der durchschnittliche Raucher mit 7.000 Zigaretten pro Jahr wiederholt st\u00e4ndig seine &#8222;Erfahrung&#8220;, dass Rauchen eine begl\u00fcckende T\u00e4tigkeit ist. Dies pr\u00e4gt sich tief in sein Unterbewusstsein ein, es entsteht ein sogenanntes &#8222;Suchtged\u00e4chtnis&#8220;. Dieses Ged\u00e4chtnis wird aktiv, wenn der Spiegel an wirksamen Substanzen im Belohnungszentrum nachl\u00e4sst. Oder wenn der Raucher einen anderen rauchen sieht. Dann erwacht wieder das Verlangen nach einer neuen Dosis Nikotin.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt ist die Vermehrung der Anzahl von Nikotinrezeptoren bei chronischem Nikotinabusus. Bei Untersuchungen an Gehirnen gestorbener Raucher wurden doppelt soviele Rezeptoren gefunden wie bei Nichtrauchern. Eine Hypothese ist, dass dadurch bei Kettenrauchern besonders viel Dopamin ausgesch\u00fcttet wird, was eine intensivierte Reaktion auf das Nikotin zur Folge hat. Allerdings ist das Ph\u00e4nomen reversibel: bei Ex-Rauchern sinkt die Anzahl der Nikotinrezeptoren wieder in den Normbereich. Das Suchtged\u00e4chtnis scheint jedoch eine irreversible Komponente aufzuweisen, die die Entw\u00f6hnungsschwierigkeiten erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Quelle: http:\/\/www.rauchen.de\/<\/p><\/blockquote>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 4 ohne Zigaretten f\u00e4ngt gut an, ich f\u00fchle mich fit, arbeitswillig und f\u00e4hig, kein Schmachten nach der Kippe mehr. 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