{"id":3914,"date":"2000-10-19T18:10:29","date_gmt":"2000-10-19T16:10:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3914"},"modified":"2023-09-29T18:13:53","modified_gmt":"2023-09-29T16:13:53","slug":"natur-schoenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/19\/natur-schoenheit\/","title":{"rendered":"Natur = Sch\u00f6nheit ?"},"content":{"rendered":"<p>An den Kastanien, die so langsam ihre Bl\u00e4tter fallen lassen, sieht man bereits jetzt die Knospen f\u00fcr&#8217;s n\u00e4chste Jahr. W\u00e4hrend alles abstirbt, k\u00f6nnen wir mit Fug und Recht annehmen, dass im n\u00e4chsten Fr\u00fchling das Leben erneut explodiert, bl\u00fcht und fruchtet, um dann genau wie jetzt wieder abzusterben. Die Schnecken, Plage hiesiger Gartenfreunde, haben ihre Eier abgelegt, auf dass Hunderttausende neuer Schnecken n\u00e4chstes Jahr den Salat wegfressen k\u00f6nnen. Ein Kreislauf, wesentlich berechenbarer als das Hochfahren von Windows &#8217;98, jedes Jahr dasselbe und doch ein Wunder, eine Freude.<\/p>\n<p>Auch die gr\u00f6\u00dferen Tiere sind ja so leicht zu durchschauen: 17 H\u00fchner picken eifers\u00fcchtig Konkurrenten vom Futtertrog weg, selbst dann, wenn genug f\u00fcr alle da ist. Komme ich in den H\u00fchnergarten, rasen sie herbei wie kleine Raptoren, sie w\u00fcrden mich fressen, w\u00e4re ich ein bisschen kleiner. (So aber kann ich mir einbilden, sie m\u00f6gen mich). Die Motive und Emotionen der ans\u00e4ssigen Hunde sind ein offenes Buch &#8211; fast jeder Landhaushalt hat ja mindestens einen, mensch f\u00fcrchtet sich weniger, wenn das Vieh gleich laut bellt, sobald ein Spazierg\u00e4nger es wagt, in Sichtweite zu kommen.<\/p>\n<p>\u00dcberall berechenbare Abl\u00e4ufe und Verhaltensweisen, zwar st\u00f6ranf\u00e4llig, aber alles in allem verl\u00e4\u00dflich. Wachsen, bl\u00fchen, sterben, fressen &amp; gefressen werden. Und Millionen Naturfreunde finden das toll, ich auch. Doch frag&#8216; ich mich gelegentlich: Warum ist das &#8222;Nat\u00fcrliche&#8220; im Reich der Pflanzen und Tiere sch\u00f6n, unter den Menschen aber h\u00e4\u00dflich? Konkurrenzverhalten, B\u00fcro-Mobbing, Korruption, Intrigen, S\u00e4gen an fremden St\u00fchlen &#8211; allgemein \u00fcblich, aber niemand sagt: Wie wunderbar!<\/p>\n<p>Wenn im Fr\u00fchling die Kater im Kampf um ihr &#8222;Revier&#8220; (sprich: Zugang zu den ans\u00e4ssigen Katzen) k\u00e4mpfen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen, w\u00fcrde niemand Kritik \u00fcben. Dasselbe Verhalten unter Menschen veranla\u00dft die gemeinte Frau eher dazu, keinen der &#8222;Streith\u00e4hne&#8220; zu w\u00e4hlen, sondern einen Dritten, der sich souver\u00e4n heraush\u00e4lt, einen, der &#8222;dr\u00fcber steht&#8220;.<\/p>\n<p>Gerade das, was wir an den Tieren m\u00f6gen, ihr unverstelltes und ungebrochenes Agieren im Rahmen einfachster Bed\u00fcrfnisse und Emotionen, treibt uns in die Flucht, wenn es beim Mitmensch allzu deutlich sichtbar wird. (Und selber tun wir viel daf\u00fcr, so zu erscheinen, als seien wir anders). Zivilisation, Kultur, Sozialstaat, Recht und Gesetz &#8211; alles Bollwerke gegen die anderwo bewunderten nat\u00fcrlichen Eigenschaften eines jeden Wesens, das wachsen und leben will und deshalb darum k\u00e4mpft, zu dominieren.<\/p>\n<p><b>Das Wunderbare<\/b><\/p>\n<p>Warum ist das so? Ich frage mich das, weil ich andere Menschen mindestens genauso wunderbar finden m\u00f6chte wie zum Beispiel die H\u00fchner hinten im Garten. Stattdessen krieg ich schon die Krise, wenn ich nur die Nachrichten einschalte. Und es sage mir keiner, das sei nur ein Medien-Problem! Viele Jahre war ich in Gruppen, Teams, Vereinen, Nachbarschaften und Initiativen aktiv. Einzig im &#8222;gesch\u00fctzten Raum&#8220; eines therapeutischen Workshops oder im schweigenden Miteinander einer Yoga-Gruppe war etwas anderes zu erleben, als ein mehr oder weniger verstelltes Hauen &amp; Stechen. Letzteres hat ja durchaus seine Highlights: Wenn man noch lernt, endlich auch mal zu siegen, oder wenn der &#8222;eigene Stamm&#8220; einen Sieg zu verbuchen hat und feiert. Aber auf die Dauer schleift sich das ab und es wird immer deutlicher, dass es nichts zu gewinnen gibt, nichts wirklich Wichtiges oder auch nur dauerhaft Interessantes.<\/p>\n<p>Dass ich mehr Zeit mit diesem Diary verbringe als mit den H\u00fchnern, ist immerhin ein Zeichen, dass es mich noch zu anderen Menschen zieht &#8211; wenn auch nur in einer sehr vermittelten, symbolisierenden Form. Und w\u00e4re da nicht mein Lebensgef\u00e4hrte, mit dem ich seit \u00fcber 15 Jahren ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Welt f\u00fchre, w\u00e4re ich sicherlich auch im &#8222;Real Life&#8220; etwas umtriebiger &#8211; aber nur der Not gehorchend, nicht wie fr\u00fcher im Glauben, das Gute und Wunderbare beim Anderen zu finden.<\/p>\n<p>Finde es bei dir selbst, w\u00fcrde jetzt ein Weiser sagen und er h\u00e4tte recht. Der Blick auf die Welt und die anderen ist nicht unabh\u00e4ngig vom Empfinden mir selbst gegen\u00fcber. Ich war schon in Zust\u00e4nden so positiver Art, dass ich das Wunderbare in einem agressiv-besoffenen Penner erleben konnte, der in der Berliner U-Bahn rotgesichtig, fluchend und wutschnaubend auf mich zukam: Ich wich nicht \u00e4ngstlich aus, sondern sah ihm freundlich und offen entgegen, fragte mich (in diesem einen Moment!) voller Mitgef\u00fchl: Was mag diesen armen Typ nur so fertig machen? Ja, ich war drauf und dran, IHN zu fragen, wenn er nahe genug gekommen w\u00e4re. Doch seltsamerweise w\u00e4hlte er mich NICHT als Opfer &#8211; die U-Bahn war fast leer! &#8211; sondern drehte pl\u00f6tzlich ab, sah an mir vorbei und setzte sich murmelnd irgendwo ab. Als w\u00e4re ich ganz pl\u00f6tzlich f\u00fcr ihn unsichtbar geworden. Ein seltsames Erlebnis.<\/p>\n<p>Der &#8222;Zustand&#8220; war ebenso seltsam zustande gekommen: Ich hatte mir eine Kassette mit den Carmina Burana gekauft, obwohl ich praktisch nie Musik h\u00f6re. \u00dcber Kopfh\u00f6rer konnte ich es laut h\u00f6ren, es euphorisierte mich irgendwie. Der Kasette lag ein Booklet bei, in dem die lateinischen Texte standen und ich begann, das mal versuchsweise mitzusingen &#8211; ich, die ich normalerweise NIE singe! Und das euphorisierte mich NOCH mehr. Ich sang die ganze Vorder- und R\u00fcckseite laut mit, stand schlie\u00dflich auf (war ja alleine im Zimmer) und sang alleine weiter, alle Lieder und Texte, an die ich mich erinnern konnte, wirklich alles, von &#8222;Hair&#8220; bis &#8222;H\u00e4nschen klein&#8220;. Das Singen ergriff mich psychisch und k\u00f6rperlich in nie zuvor erlebter Weise, ich geriet in einen v\u00f6llig anderen Seinszustand: mit viel mehr Sauerstoffumsatz, heftigerem und tieferem Atmen und einem Gef\u00fchl im Herzen, als w\u00e4re ich im Paradies, die Welt ein wunderbarer Ort. Allein das blo\u00dfe Atmen war die reine Ekstase und erf\u00fcllte mich mit Dankbarkeit und Liebe. (Danach bin ich dann U-Bahn gefahren&#8230;)<\/p>\n<p>Ich sang so ungef\u00e4hr drei Stunden lang, das Gef\u00fchl hielt aber bis zur Mitte des n\u00e4chsten Tages an. Erst in irgendeinem Meeting irgendeiner Arbeitsgruppe landete ich wieder langsam auf dem Boden gew\u00f6hnlicher Empfindung.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte ich ja mal wieder singen&#8230; ;-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den Kastanien, die so langsam ihre Bl\u00e4tter fallen lassen, sieht man bereits jetzt die Knospen f\u00fcr&#8217;s n\u00e4chste Jahr. 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