{"id":3912,"date":"2000-10-18T19:06:00","date_gmt":"2000-10-18T17:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3912"},"modified":"2023-09-29T18:08:07","modified_gmt":"2023-09-29T16:08:07","slug":"medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/18\/medizin\/","title":{"rendered":"Medizin"},"content":{"rendered":"<p>Es ist recht sp\u00e4t f\u00fcrs Schreiben, den halben Vormittag hab&#8216; ich n\u00e4mlich beim Zahnarzt verbracht. Die &#8222;Sanierung&#8220; schreitet voran und ich bin immer wieder erstaunt \u00fcber die fortgeschrittenen Techniken, die heute in Sachen Zahnersatz zum Einsatz kommen. Kritik an der High-Tech-Medizin \u00fcbt an dieser Stelle niemand, seltsam, nicht? Bzw. allzu verst\u00e4ndlich: Wer will schon aussehen, wie die Hexe in H\u00e4nsel &amp; Gretel!<\/p>\n<p>Seit ich \u00fcbrigens beim Zahnarzt Leistungen in Anspruch nehme, die ich zu 50 oder 100 Prozent selber zahle, hat sich meine Einstellung ver\u00e4ndert. Ich f\u00fchle mich tats\u00e4chlich nicht mehr als Opfer einer omin\u00f6sen Behandlung, die von undurchschaubaren Institutionen so und nicht anders vorgeschrieben ist, sondern empfinde mich als Kundin, die sich einen gewissen Luxus leistet. Klar, dass ich die Ergebnisse des ganzen Aufwands auch sch\u00e4tze und ordentlich pflege! Entsetzt h\u00f6re ich die Stories, die mir der Zahnarzt erz\u00e4hlt: von Menschen, die nicht mal den Gegenwert eines guten Essens in die bessere Optik investieren, die ihren Mundraum offensichtlich als Bereich empfinden, f\u00fcr dessen Gesundheit andere zust\u00e4ndig sind &#8211; nur keine Mark extra und locker versiffen lassen, es wird ja wieder repariert!<\/p>\n<p>Zur &#8222;Krise im Gesundheitswesen&#8220; denk&#8216; ich seit l\u00e4ngerem, es w\u00e4re angesagt, bei allen leichten und mittleren Beschwerden auf Selbstbeteiligung umzustellen. Nat\u00fcrlich nicht bei Sozialhilfeempf\u00e4ngern und anderen H\u00e4rtef\u00e4llen, aber Otto Normalverdiener sollte schon in die Lage versetzt werden, auch finanzielle Gesichtspunkte in Betracht zu ziehen, wenn es darum geht, sich um die eigene Gesundheit zu k\u00fcmmern. Dagegen halte ich es f\u00fcr unmenschlich, bei Leuten mit schweren Krankheiten und dauernden Schmerzen an den Medikamenten zu sparen oder Operationen zu verschieben. Der Not-wendige Kern der High-Tech-Medizin sollte f\u00fcr alle zur Verf\u00fcgung stehen, wogegen z.B. die &#8222;alternativen Behandlungsformen&#8220; ruhig weiter privat gezahlt werden k\u00f6nnen. Es passt ja auch irgendwie nicht zum GEIST vieler Formen von Alternativmedizin, ihr mit einer Versorgungsmentalit\u00e4t zu begegnen.<\/p>\n<p>Manchmal wird in Science-fiction-Filmen gezeigt, wie jemand ziemlich verhackst\u00fcckt wird und hinterher in einer Krankenstation hast-du-nich-gesehen wieder &#8222;gesundw\u00e4chst&#8220;. Mein Zahnarzt sagt, in f\u00fcnf Jahren schon k\u00f6nnten sie Knochen und evtl. auch Z\u00e4hne &#8222;nachwachsen&#8220; lassen, das ist ja schon nah dran! Mal angenommen, die Medizin entwickelt sich auf allen Gebieten sehr viel weiter und man k\u00f6nnte tats\u00e4chlich bis in ein Alter von 100 oder mehr relativ gesund und fit bleiben, vielleicht sogar glatt im Gesicht und mit einem straffen K\u00f6rper: W\u00e4re das ein Gl\u00fcck oder ein neues Elend? Niemand denkt daran, dass es auch ein psychisches und geistiges Altern gibt. Ein guter Teil davon stellt sich im besten Fall als Weisheit dar &#8211; aber ein anderer Teil ist einfach Abnutzung und Niedergang. Das eine vom anderen zu trennen, ist vermutlich unm\u00f6glich. Jeder wei\u00df, dass man sich z.B. in den mittleren Jahren nicht mehr so &#8222;unsterblich&#8220; verliebt wie mit zwanzig. Zum einen deshalb, weil man das nun schon \u00f6fter erlebt hat, die Abl\u00e4ufe kennt und einfach nicht mehr in Stande ist, derart ins Illusion\u00e4re abzudriften. Man erkennt, was die Faszination eines anderen ausmacht: sexuelle Anziehung, Aspekte der Macht oder geistige Potenzen, oder auch ganz spezifische Eigenheiten, die an einmal geliebte Menschen erinnern. Man ist realistischer geworden &#8211; und k\u00fchler. Das alles ist Erfahrung, doch andrerseits ist auch die Hormonlage im K\u00f6rper eine v\u00f6llig andere als mit 20. Die Natur hat es schon aufgegeben, noch mit aller Macht zur Paarung anzutreiben, und das macht es leicht, legt es sogar nahe, keine rosa Brille mehr aufzusetzen.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man nun medizinisch den hormonalen Status Quo der Jugend simulieren, um glatt und straff zu bleiben, inwieweit k\u00f6nnte sich die psychisch-geistige Ebene noch so entwickeln? Man denke auch an die Agressivit\u00e4t bei jungen M\u00e4nnern: Will das jemand bei 60-J\u00e4hrigen Politikern?<\/p>\n<p>Ich glaube, das geistige Chaos wird immer gr\u00f6\u00dfer werden &#8211; und bin mir niemals sicher, ob solche Gedanken nun &#8222;richtig&#8220; sind oder selber nur eine Alterserscheinung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist recht sp\u00e4t f\u00fcrs Schreiben, den halben Vormittag hab&#8216; ich n\u00e4mlich beim Zahnarzt verbracht. 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