{"id":3911,"date":"2000-10-17T18:02:57","date_gmt":"2000-10-17T16:02:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3911"},"modified":"2023-09-29T18:05:44","modified_gmt":"2023-09-29T16:05:44","slug":"der-mainstream-deprimiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/17\/der-mainstream-deprimiert\/","title":{"rendered":"Der Mainstream deprimiert"},"content":{"rendered":"<p>Wie oft habe ich doch schon daran gedacht, mit diesem Diary aufzuh\u00f6ren! Zum Beispiel gestern wollte mir erst gar nichts einfallen, doch als ich dann anfing, \u00fcber dieses seltsame Gef\u00fchl zu schreiben, entwickelte sich ein Text, der mir selber geholfen hat, wieder klarer zu sehen. Dazu mu\u00df es mir aber v\u00f6llig egal sein, ob noch jemand mitliest. Denn gerade bei autobiographischen Themen denke ich, das \u00f6det den Leser gewaltig an. Wenn Boris Becker von seiner Oma erz\u00e4hlt, mag das interessieren, aber die Vergangenheit von XYZ ist doch nun wirklich eine Zumutung.<\/p>\n<p>Bevor ich aber aufh\u00f6re, schreibe ich dann doch lieber, was kommt. Und erstaunlicherweise erhalte ich gerade auf solche Artikel interessante Privatmails &#8211; das beruhigt mich dann wieder und motiviert dazu, weiter zu machen. Mittlerweile schreibe ich auch schon so lange, da\u00df ich das Digital Diary schwer vermissen w\u00fcrde. Es ist ein stabilisierender Faktor in einer immer chaotischer werdenden Welt.<\/p>\n<p>Gestern Nachmittag hatte ich das erste Mal seit langem wieder Lust, zu arbeiten. Nat\u00fcrlich arbeite ich st\u00e4ndig irgend was, aber seit Wochen mit einem gelangweilt-genervten Grundgef\u00fchl, was dazu f\u00fchrt, gerade mal das N\u00f6tigste zu tun und auch das noch bis an die Schmerzgrenze vor mir herzuschieben. Ich vermute, das kommt einerseits vom Wechsel der Jahreszeit: Das Absterben der Natur vermittelt so ungef\u00e4hr das Gegenteil von dynamischem Aufbruch in neue Projekte. Andrerseits liegt es aber auch an der Entwicklung des Webs: Inhalt und Sinn der ganzen Umtriebe sind irgendwie verloren gegangen, abgesoffen in einer immer komlizierter und aufwendiger gewordenen Technik, die im Dienst des E-Commerce alle anderen Intentionen verdr\u00e4ngt. Es REIZT mich nicht, da mitzumachen!<\/p>\n<p>Die durchschnittliche Website ist dreispaltig und ohne Frames, hat aber trotzdem eine lange Ladezeit, weil sie ihre &#8222;Contents&#8220; erst aus 17 verschiedenen Datenbanken zusammenstellt. Man landet dort, weil man etwas Bestimmtes sucht, findet aber unter all den blinkenden Bannern und Sonderangeboten, dem ganzen mittlerweile \u00fcblichen Verhau aus News, Freemail, Wetterbericht, Auktionen und B\u00f6rsenkursen kaum noch das, was man eigentlich wollte. Der geballte Angriff zur Zerstreuung meiner Aufmerksamkeit macht einfach nur m\u00fcde und vernichtet die Motivation, solche &#8222;State-of-the-Art-Seiten&#8220; \u00fcberhaupt noch aufzusuchen. Und ganz sicher will ich sowas nicht produzieren, denn das ist ungef\u00e4hr so spannend, wie ein buchhalterischer Excel-Job aus vorvernetzten Zeiten.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ein gewisser Trost, wenigstens zu h\u00f6ren, da\u00df diese Sites erfolgreich sind und jede Menge Geld scheffeln. Dem ist aber nicht so, die Akteure stehen ratlos vor der Tatsache, da\u00df &#8222;inhaltsorientierte&#8220; Sites zwar viele Surfer anziehen, diese dort aber kaum etwas kaufen. Ist ja auch klar: Wenn ich was \u00fcber die Ebola-Epidemie lesen will, lasse ich mich nicht ablenken und kaufe statt dessen eben mal im E-Shop eine CD. Eine Suchmaschine besuche ich, weil ich bestimmte Webseiten finden will, nicht weil ich eine neue Mailbox brauche oder die Aktienkurse wissen will. (F\u00fcr die geh ich n\u00e4mlich gleich zu Consors oder Neuermarkt.de). Kurzum: Der ganze Web-Mainstream geht f\u00fcr mein Empfinden in die Irre und das schon seit einiger Zeit. Dass sich jetzt die Pleiten h\u00e4ufen und Projekte gecancelt werden, best\u00e4tigt mich, tr\u00f6stet aber nicht \u00fcber die geistige \u00d6dnis hinweg, die sich durch die Ausbreitung der Gemischtwarenl\u00e4den ergeben hat. Haben sie doch die meisten Leute weggekauft, die fr\u00fcher noch sehr kreativ gearbeitet haben. Selbst der &#8222;Nachwuchs&#8220;, die Szene der Homepager, ist schwer ausged\u00fcnnt, weil sich heute die Leute eher f\u00fcr ein Almosen als Guide bei meome.de oder clickfish.com verdingen und dort versuchen, ein PORTAL zu gestalten, anstatt ihre Power daf\u00fcr einzusetzen, ihr Interesse im EIGENEN NAMEN zu publizieren. Dabei w\u00fcrden sie mehr lernen und als Person bekannt werden, ohne dass sie die Pleite ihrer Plattform f\u00fcrchten m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Letztendlich wird sich zeigen, was eigentlich schon immer klar war: Webseiten sind normalerweise KEINE Massenmedien, sondern bedienen ganz spezielle Interessen, das aber perfekter, als alle anderen Medien zusammen. Man kann Unsummen an Werbegeldern ausgeben und allerlei Krempel kostenlos verteilen, um MASSEN anzuziehen &#8211; aber letztlich rechnet sich das nicht. Nicht f\u00fcr Unternehmen, die auf Renditen aus sind, wie sie am Aktienmarkt erwartet werden. Ein Netz ist nun mal kein Amphitheater, es eignet sich wunderbar f\u00fcr viele kleine Anbieter, Individuen, die mit viel Engagement &#8222;ihr Ding&#8220; machen und dadurch im Lauf der Zeit eine echte Community bilden. Ohne Surfer-Tracking und t\u00e4glichen Blick auf die Clickraten einzelner Seiten und Banner finden sie ihr Auskommen &#8211; WENN sie den Dreh finden, ihre eigenen Interessen so aufzubereiten, dass andere etwas davon haben!<\/p>\n<p>Zum Beispiel die <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"http:\/\/www.tinto.de\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Tinto-Community<\/a> um Eva Schuhmann. Sie hat angefangen, indem sie ihr Buch <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"http:\/\/www.tinto.de\/xxl\/schlank.htm\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Schlank werden &#8211; so klappt es!<\/a> kostenlos ins Netz stellte. Bald fanden sich viele Leser auf einem Webboard ein, Eva bot ihnen das Buch in einer erweiterten Version als Arbeitsmappe (zum kaufen!) an und sorgte durch die Einrichtung thematisch untergliederter Diskussionsboards daf\u00fcr, dass die wachsenden Bed\u00fcrfnisse der Community befriedigt wurden. Bald gab es Platz f\u00fcr Selbstdarstellungen, Partnerb\u00f6rsen f\u00fcr das gegenseitige Coaching und vieles mehr. Und sie begann, B\u00fccher zum Thema zu rezensieren, die man gleich kaufen kann. Dass Eva nicht ihr Leben lang beim Thema &#8222;Schlank werden&#8220; stehen bleibt, wundert nicht. Sie hat auch Interesse an Aktien (man kann ihr kommentiertes Depot betrachten), an Gartenarbeit und sie zeigt ihre Lieblingsurlaubsorte.<\/p>\n<p>Nach und nach wirkt die Leitseite rein von der Vielfalt der Themen und Angebote her fast wie einer der \u00fcblichen Gemischtwarenl\u00e4den. Aber nur FAST! Denn man erkennt schnell, dass die &#8222;Ordnung&#8220; bzw. Auswahl der Themen nicht abstrakt, nach den Bed\u00fcrfnissen eines vermuteten Marktes zustande kommt, sondern sich als Web-Geschichte entlang der Intressen eines konkreten Menschen entwickelt hat. Das Ganze lebt von ihrer Person, von ihrem steten Engagement, ihren guten Ideen und ihrer dauernden Kommunikation mit den Usern. Als Meome-Guide h\u00e4tte sie nie im Leben eine solche Wirkung entfalten k\u00f6nnen, und ich bin mir sicher, sie nimmt ein Vielfaches von dem ein, was so ein StartUp-Hiwi im besten Fall erreichen kann. Ihre Site muss nicht glatt und durchrationalisiert aussehen und nicht erst 17 Datenbanken abfragen &#8211; sie braucht eben auch keine MASSEN, um ihr Auskommen zu haben und mit ihrer Site erfolgreich zu sein. &#8222;Erfolgreich&#8220; heisst vielleicht nicht einmal, dass sie wirklich GANZ vom Commerce-Anteil ihrer Site leben kann &#8211; doch die Aktivit\u00e4t, die erworbenen Kenntnisses, die entstandenen Kontakte und ihr Ruf haben sicher dazu beigetragen, dass sie finanziell auf anderen Ebenen einen besseren Schnitt macht.<\/p>\n<p>Nun hab ich mich durchs Schreiben wieder selber motiviert, wie sch\u00f6n! Wenn man nur auf den Mainstream blickt, weil der sich in den News und Fachzeitschriften derart breit gemacht hat, als g\u00e4be es nichts mehr anderes, ist es ja kein Wunder, wenn einem die Laune vergeht. 1000 neue Features und Techniken lernen, nur um langweilige M\u00f6chte-gern-Massen-Sites mit zu produzieren, war nie mein Ding und wird es auch nicht werden. Das Netz ist gro\u00df genug f\u00fcr echte Menschen und ihre Projekte. Dass ihnen der Einstieg heute nicht mehr so leicht f\u00e4llt wie mir 1996 ist eine Tatsache, die mir allerlei Nischen er\u00f6ffnet. Kein Grund also Tr\u00fcbsahl zu blasen, nicht wegen dem Web und schon gar nicht wegen dem Herbst. (Gerade scheint wundersch\u00f6n die Sonne!).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie oft habe ich doch schon daran gedacht, mit diesem Diary aufzuh\u00f6ren! Zum Beispiel gestern wollte mir erst gar nichts einfallen, doch als ich dann anfing, \u00fcber dieses seltsame Gef\u00fchl zu schreiben, entwickelte sich ein Text, der mir selber geholfen hat, wieder klarer zu sehen. 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