{"id":3907,"date":"2000-10-27T17:41:37","date_gmt":"2000-10-27T15:41:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3907"},"modified":"2023-09-29T17:55:53","modified_gmt":"2023-09-29T15:55:53","slug":"kampf-gewalt-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/10\/27\/kampf-gewalt-moral\/","title":{"rendered":"Kampf, Gewalt, Moral"},"content":{"rendered":"<p>Ein eloquenter Gast im Forum, der es vorzieht, ein anonymes Schatten-Dasein zu f\u00fchren (shadow_being), sagt von sich:<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin einer derjenigen, die Spa\u00df am Kampf haben. Zwar nur auf verbaler oder intellektueller Ebene (zugegeben ein schrecklicher Ausdruck) aber dort doch mit gro\u00dfer Ausdauer und Kompromi\u00dflosigkeit. Doch selbst auf dieser nicht-physischen Ebene begegne ich st\u00e4ndig den moralischen Instanzen, die f\u00fcr jede Form des Kampfes in dieser Gesellschaft gilt: Widerst\u00e4nde wie Erziehung, Anstand, gutes Benehmen und dergleichen untersagen in vielen Umst\u00e4nden eine Diskussion oder ein Streitgespr\u00e4ch, sprich den Kampf. Man verzichtet darauf, wider besseren Wissens oder wider eigener Neigung. Eigentlich schade, denn wenn hat man schon die M\u00f6glichkeit, seine verbalen und geistigen &#8222;Marktwert&#8220; zu testen, wenn nicht in einer Auseinandersetzung? Ich mag es, mich in Diskussionen \u00fcber diese Widerst\u00e4nmde hinwegzusetzen, zu Mitteln zu greifen, die zwar verp\u00f6nt aber probate Mittel des Kampfes sind. Ich denke nicht, da\u00df dieses Verhalten einfach in die &#8222;Platzhirsch-oder Ego-Schublade&#8220; eingeordnet werden sollte, auch wenn zweifellos ein Machtanspruch und die Pflege des Selbstbewu\u00dftseins mitentscheidend f\u00fcr solche Auseinandersetzungen sind. Tats\u00e4chlich f\u00fchle ich in diesen Situationen auch den Jagdinstinkt, man sch\u00e4tzt den Gegner ab, sieht seine Schw\u00e4chen, sieht ihn unterlegen und schl\u00e4gt zu. Ich halte mich f\u00fcr ein gut domestiziertes Raubtier aber das hindert mich nicht unbedingt daran, meine Restinstinkte dann und wann auszuleben und ein Opfer zu &#8222;schlagen&#8220; &#8211; vor allem, wenn dies v\u00f6llig unblutig und ohne physische Gewalt von statten geht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Warum sollte es moralisch einen Unterschied machen, ob da nun physische Gewalt im Spiel ist oder nicht? K\u00f6rperliche Gewalt ist oft ein Ausdruck mangelnder Verbalisierungsf\u00e4higkeit, in sozial schwachen Milieus also h\u00e4ufiger anzutreffen als in besser verdienenden\/gebildeteren Kreisen. Sich MORALISCH KORREKTER zu f\u00fchlen, bloss weil man in der Lage ist, den anderen mit Worten statt mit F\u00e4usten zu zerlegen, halte ich nicht f\u00fcr legitim.<\/p>\n<p>Ich kenne den Spa\u00df am Kampf gut und hab&#8216; ihn in Zusammenh\u00e4ngen erlernt und genossen, die erstmal keine gro\u00dfen Moralfragen aufwarfen. Die <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"https:\/\/www.umbruch-bildarchiv.de\/bildarchiv\/ereignis\/30jahre_hausbesetzungen_in_berlin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hausbesetzungsbewegung<\/a> Anfang der 80er in Berlin bot ein wunderbares Spielfeld, um sich auszuprobieren. Es ging um &#8222;die gute Sache&#8220;, die auch vielen nicht-aktiven Berlinern wichtig war, es gab immer ein WIR, auf das ich mich bezog, das mich st\u00fctzte und vor der Erkenntnis sch\u00fctzte, dass es mir sehr wohl auch um mich, meinen &#8222;Marktwert&#8220; und dergleichen sachfremde Benefits ging.<\/p>\n<p>Wie auch immer: Von keinem Zweifel angekr\u00e4nkelt k\u00e4mpften &#8222;wir&#8220; mit fantasievollen Mitteln, die beim Publikum oft aufgrund ihrer Humorigkeit gut ankamen. Doch konnte ich nicht lange dar\u00fcber hinwegehen, dass der gro\u00dfe Erfolg der &#8222;Bewegung&#8220; (!) nicht zustande gekommen w\u00e4re, wenn da nicht eine Anzahl Leute ordentlich &#8222;Randale&#8220; gemacht h\u00e4tten, Leute, die die gute Gelegenheit nutzten, auf den Putz zu hauen, weil ihnen das Spass machte und ein intensives Kampfgef\u00fchl vermittelte. Die &#8222;Kunst&#8220; bestand schon bald darin, sich von dieser gewaltbereiten Sub-Szene soweit zu distanzieren, dass man f\u00fcr die Gegenseite Verhandlungspartner sein konnte, sie andrerseits aber subtil zu beeinflussen, so dass sie an den richtigen Stellen, zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Ma\u00df zuschlug (weil man ja sonst als Verhandler allen Drohpotentials verlustig ging). Leider gelang das nicht immer so punktgenau, schlie\u00dflich gab es keine etablierten Machtpositionen, alles wurde in Versammlungen offen ausgetragen.<\/p>\n<p>Das INTENSIVE KAMPFGEF\u00dcHL, das die einen beim Aufheben des Pflastersteins, die anderen beim Einnehmen der St\u00fchle und ins Auge fassen des Gegners erleben, ist offensichtlich ein Wert, auf den mensch nicht so leicht verzichten mag. So schreibt shadow_being auch weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Zu einem gewissen Grad bewundere ich die Leute, die sich \u00fcber alle Normen hinwegsetzen und ihre Emotionen hemmungslos ausleben. Denn wenn ich mich umsehe, dann sehe ich lauter sedierte Emotionen: verhaltene Freude, geb\u00e4ndigte Wut, gez\u00fcgelte Lust. Dabei sind es meiner Meinung nach gerade die Emotionen, die unser Dasein als &#8222;Krone der Sch\u00f6pfung&#8220; wirklich intensiv machen k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein uraltes und hochaktuelles Thema, sicher ein Grund, warum Nietzsche derzeit so &#8222;in&#8220; ist. Mit 15 las ich Freuds &#8222;Unbehagen in der Kultur&#8220; und hatte schon gleich keine Lust mehr, erwachsen zu werden. Wof\u00fcr, wenn es doch nur bedeutete, alles Intensive zugunsten des Gem\u00e4\u00dfigten aufzugeben, die &#8222;wahren&#8220; Emotionen unter lauter H\u00f6flichkeiten zu verbergen?<\/p>\n<p>Mal beiseite gelassen, dass ich mir keine Welt w\u00fcnsche, in der jeder seinen aktuellen Emotionen nachgeht, ist mir deren &#8222;Wahrheit&#8220; doch recht zweifelhaft geworden. Sicher, sie sind da, sie sind das Tierhafte, das Automatenhafte am Menschen. Ihre Zwangsl\u00e4ufigkeit und Bedingtheit mit k\u00fchlem Mind zu erkennen und sich nicht von ihnen &#8222;\u00fcbermannen&#8220; zu lassen, scheint mir typisch menschlich. Doch eben nur typisch menschlich im Sinne einer mentalen Einseitigkeit: gerade mal die Gro\u00dfhirnrinde entwickelt und schon wird alles nur noch vom Denken aus beurteilt, der Rest ist Archaik.<\/p>\n<p>Bevor mensch sich &#8222;Krone der Sch\u00f6pfung&#8220; nennen darf, sollte das Problem eine andere, eine bessere, eine innovativere L\u00f6sung gefunden haben: Weder neurotisch vermodern in Zahlen &amp; Zeichen, aber auch nicht so tun, als k\u00f6nnten wir ungebrochen fr\u00f6hliches Raubtier sein. (Wenn ich &#8218;was finde, werde ich es zweifellos hier aufschreiben&#8230; :-)<\/p>\n<p>Siehe dazu auch:<br \/>\n&lt;a href=&#8220;https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary00_05_08.htm&#8220;&gt;05.08.2000 Vom K\u00e4mpfen&lt;\/a&gt;<br \/>\n&lt;a href=&#8220;https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary00_28_06.htm&#8220;&gt;28:06:00 Mensch: ein Raubtier?&lt;\/a&gt;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein eloquenter Gast im Forum, der es vorzieht, ein anonymes Schatten-Dasein zu f\u00fchren (shadow_being), sagt von sich: Ich bin einer derjenigen, die Spa\u00df am Kampf haben. Zwar nur auf verbaler oder intellektueller Ebene (zugegeben ein schrecklicher Ausdruck) aber dort doch mit gro\u00dfer Ausdauer und Kompromi\u00dflosigkeit. 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