{"id":39,"date":"2006-12-05T11:17:46","date_gmt":"2006-12-05T09:17:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/12\/05\/advent-und-weihnachtsmuffeligkeit\/"},"modified":"2006-12-06T07:58:22","modified_gmt":"2006-12-06T05:58:22","slug":"advent-und-weihnachtsmuffeligkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/12\/05\/advent-und-weihnachtsmuffeligkeit\/","title":{"rendered":"Advent- und Weihnachtsmuffeligkeit"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich ist es eine gute Sache, f\u00fcr Licht zu sorgen, wenn es besonders dunkel wird.  Jedes Jahr sage ich mir das, wenn der Weihnachtsrummel so richtig in die Vollen geht,  wenn die Einkaufsmeilen im Lichterkettenglanz um Kunden wetteifern, die B\u00e4ume der Hauptstra\u00dfen zu Licht-Skulpturen mutieren und in den Fenstern der Nachbarn die &#8222;Weihnachtsdeko&#8220; das Blinken anf\u00e4ngt.  &#8222;Morgen haben wir zwei Stunden gem\u00fctliches Beisammensein&#8220;, sagt M., und kauft noch einen Christstollen bei Aldi. Ich wundere mich, dass die Adventsfeiern auch vor den &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; der Arbeitsagenturen nicht Halt machen: vier Wochen &#8222;Deutsch in Wort und Schrift&#8220;, EDV f\u00fcr Einsteiger, ein paar Psychospielchen zwecks &#8222;Profiling&#8220; &#8211; und dann gem\u00fctliches Beisammensein, ja warum denn nicht?<!--more--><\/p>\n<p>Wie man sieht, f\u00e4llt es mir nicht ganz leicht, mitten im Weihnachtswahn das Positive zu sehen, obwohl ich sonst im &#8222;Sinn machen&#8220; gar nicht so schlecht bin. Die Zeiten jugendlichen Protestlertums liegen schlie\u00dflich lange hinter mir. Dass die Wirtschaft jegliche Belebung brauchen kann, hab&#8216; ich brav verinnerlicht, und allen, denen der Rummel Spa\u00df macht, g\u00f6nne ich diesen Spa\u00df von Herzen &#8211; warum nur ist der Advent noch immer kein Ryhtmus, bei dem ich mit muss? Ist es nicht wunderbar, dass es noch ein kollektives Fest gibt, das alle (naja fast alle) bewegt?? Ein Fest, in dessen Vorfeld sich auch der hinterletzte Mobbing-Betrieb noch ein &#8222;gem\u00fctliches Beisammensein&#8220; leistet? Ein Anlass, der dazu auffordert, mal ans Schenken zu denken und nicht ans Jagen &#038; Sammeln?? Dass dieses Schenken wiederum forciertes &#8222;Shoppen&#8220; erfordert, das zum Wohle aller die Inlandsnachfrage steigert, jetzt nahezu rund um die Uhr &#8211; ist doch in Ordnung so, ja warum denn nicht??<\/p>\n<p>Meine Weihnachtsmuffeligkeit l\u00e4sst sich kaum mehr rational begr\u00fcnden. Nicht mal in der pers\u00f6nlichen Geschichte finden sich traumatisierende Schrecknisse, die als Erkl\u00e4rung herhalten k\u00f6nnten: Ja, es war peinlich, auch als 13-, 15- und 17-J\u00e4hrige noch immer auf das Gl\u00f6ckchen warten zu m\u00fcssen, das den Beginn der &#8222;Bescherung&#8220; einl\u00e4utete und dann &#8222;ergriffen&#8220; vor dem Weihnachtsbaum zu stehen und &#8222;oh du Fr\u00f6hliche&#8220; mitzusingen &#8211;  doch wirklich gesch\u00e4digt hat mich diese Wohlverhaltens\u00fcbung nicht.<br \/>\nAls ich von zuhause ausgezogen war, kaufte ich im zweiten Jahr sogar einen eigenen Weihnachtsbaum:  einen kleinen im eigenen Topf (B\u00e4ume t\u00f6ten zum Fest der Liebe?), den ich hinterher im Hof einpflanzte, wo er binnen einiger Wochen einging.  &#8222;Seht her, ich kann auch alleine Weihnachten!&#8220;, sollte das wohl hei\u00dfen. Es war das Jahr, in dem ich zeigen wollte, dass ich sogar im Stande war, vom knappen BAF\u00d6G  bei der Geschenke-Orgie mitzuhalten &#8211; eine Genugtuung, da ich mich gegen den Willen des Vaters von zuhause abgeseilt hatte und immer f\u00fcrchtete, man w\u00fcrde mir die neue Selbst\u00e4ndigkeit nicht abnehmen. Sp\u00e4ter sah ich Weihnachten nicht mehr als famili\u00e4ren Zwang, sondern als kollektive Zwangsneurose. Das allgemeine Ger\u00fchrt-Sein zum &#8222;Fest der Liebe&#8220; erschien mir heuchlerisch und ich ignorierte den ganzen Umtrieb, so gut es eben ging.<\/p>\n<p>Und heute? In jedem Oktober finde ich es befremdlich, dass die Superm\u00e4rkte und Discounter das Weihnachtssortiment einf\u00fchren, oft bei noch recht sommerlichen Temperaturen.  Wenn ich dann trotzdem zum ersten Lebkuchen der Saison greife, bin ich regelm\u00e4\u00dfig entt\u00e4uscht, wie gleichf\u00f6rmig sie schmecken: viel Zucker, viel Fett und kein Schimmer eines irgendwie &#8222;besonderen&#8220; Geschmacks, den die Lebkuchen meiner Kindheit dank einiger exotischer Gew\u00fcrze immerhin hatten. Genau wie Salate und Gem\u00fcse keine Bitterstoffe mehr enthalten und im Sommer die vorgew\u00fcrzten Grillkoteletts immer gleich schmecken &#8211; von den Fertiggerichten, T\u00fctensuppen und So\u00dfen ganz zu schweigen. Die Vielfalt im Sp\u00e4tkapitalismus ist eine T\u00e4uschung, bzw. bezieht sich nur auf die Verpackung, Abweichungen vom Standardgeschmack kann sich der Markt offensichtlich nicht leisten. Schade!<\/p>\n<p>Ein anderer Aspekt der Vorweihnachtszeit ist die Beschleunigung und Verdichtung der Arbeit bei gleichzeitig \u00f6ffentlicher Beschw\u00f6rung der &#8222;Besinnlichkeit&#8220;. Alles m\u00f6gliche muss noch fertig werden, bevor man sich endlich unter den Baum setzt oder per Flug in die Sonne das Weite sucht. All die Advents- und Weihnachtsfeiern wollen vorbereitet und durchgestanden werden, auch das Schenken bedarf der Organisation. Selbst\u00e4ndige denken jetzt \u00fcber Werbegeschenke an ihre Kunden nach, m\u00f6glichst originell und nicht zu teuer soll es sein, ja was nehmen wir da?  Mein Provider Is-Fun.de hat das Problem seit Jahren mit einer Kinderpatenschaft gel\u00f6st, die er lieber finanziert als an seine Kunden Kappen oder T-Shirts mit dem Firmenaufdruck zu verteilen &#8211; find ich gut! Dem Kind n\u00fctzt es und bei uns wird Energie f\u00fcr Transport und Verpackung gespart.<br \/>\nUnd die Besinnung? Die verschiebt man auf die &#8222;stillen Tage&#8220; zwischen den Jahren, die dann allerdings auch den bekannten Feste-Marathon mit sich bringen. Mich trifft das zum Gl\u00fcck nicht, meine &#8222;Jahresendzeit&#8220; ist eher ruhig und ich bekomme regelm\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Lust zum Schreiben.  2003 brachte mich das auf die Idee, einen Schreibimpulse-Kurs zum Jahreswechsel zu veranstalten, der Menschen, die auch nicht ganz im Feiern aufgehen, eine Alternative bietet. Wenn so ein Transfer-Kurs startet, bin ich immer wieder gl\u00fccklich \u00fcber die sehr ber\u00fchrende Begegnung mit Menschen, die sich online treffen, um \u00fcber die wesentlichen Dinge ihres Lebens und Strebens zu schreiben. Ob <a href=\"http:\/\/www.schreibimpulse.de\/transfer2007.html\">&#8222;Transfer 2007&#8220;<\/a> startet, ist zur Zeit noch ungewiss &#8211; drei Leute m\u00fcssten sich mindestens noch anmelden, damit das Philosophieren, Bilanzieren und Visionieren in den &#8222;heiligen N\u00e4chten&#8220;  statt finden kann.  Finden sich mal nicht genug Teilnehmer, ist es auch in Ordnung, denn dann hab&#8216; ich die Jahreswechsel-Mu\u00dfe ganz f\u00fcr mich alleine!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ist es eine gute Sache, f\u00fcr Licht zu sorgen, wenn es besonders dunkel wird. 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