{"id":3823,"date":"2000-11-02T09:49:01","date_gmt":"2000-11-02T08:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3823"},"modified":"2023-05-31T13:52:25","modified_gmt":"2023-05-31T11:52:25","slug":"kleiner-abschied-lange-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/11\/02\/kleiner-abschied-lange-rede\/","title":{"rendered":"Kleiner Abschied, lange Rede"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen hab&#8216; ich mich mal wieder nach Sinn &amp; Ziel dieses Diarys gefragt. Tatsache ist, dass es mir gro\u00dfen Spa\u00df macht, dass ich mich freue, wenn die &#8222;Schreibzeit&#8220; anbricht, wenn ich &#8211; meist ohne vorher festgelegtes Thema &#8211; so in mich &#8222;versinke&#8220; und warte, bis Worte und S\u00e4tze kommen. Oft sind es dann gleich mehrere Themen, die erstmal miteinander konkurrieren, letztlich kann ich nicht sagen, wie und warum nun DIES und nicht JENES die Datei f\u00fcllt, auf jeden Fall befriedigt es mich, was immer es ist. Das Hinschreiben an sich ist wohltuend und wenn ein Beitrag ins Netz gestellt und das Forum gesichtet ist, k\u00f6nnte ich eigentlich den PC ausmachen.<!--more--><br \/>\nUnd da liegt einer der Hunde begraben, die mich dazu bewegen, wieder einmal etwas zu ver\u00e4ndern: F\u00fcr mein Schreiber-Ego ist es das Gr\u00f6\u00dfte, v\u00f6llig frei \u00fcber &#8222;mich und die Welt&#8220; zu schreiben (und auch noch gelesen zu werden!). Normalerweise hat man andere Schreibaufgaben und versucht, in jedes Werk, das seinem Zustandekommen einem bestimmten Zweck oder Auftrag verdankt, soviel wie m\u00f6glich vom EIGENEN zu verpacken. Das ist ein Kampf im Spannungsfeld der Formate, Traditionen, Moden &#8211; eben all der Erwartungen Dritter, und dem eigenen Drang, sich auszudr\u00fccken und einfach nur zu schreiben, was man will.<\/p>\n<p>Im Digital Diary brauche ich nicht zu k\u00e4mpfen. Es befriedigt mein Schreibbedf\u00fcrfnis optimal, denn es gibt keine Grenzen ausser denen, die ich mir selber setze. Nat\u00fcrlich ist es mir ein bi\u00dfchen zu wenig, ein St\u00fcck zu flach, die Stunde am Morgen ist zu kurz, um tiefer in ein Thema einzusteigen. Das aber kommt vermutlich dem Leser entgegen, der hier ja auch nur einen kurzen Moment der Ablenkung, Entspannung, Anregung sucht, keineswegs irgend eine Anstrengung oder gar l\u00e4ngere Texte. Statt Tiefe und L\u00e4nge bietet das Diary immerhin Regelm\u00e4\u00dfigkeit, eine vergleichsweise gro\u00dfe Bandbreite an Themen und dazu all das, was rund um die Beitr\u00e4ge NOCH stattfindet: die Forumsgespr\u00e4che, Privat-Mail, mancher Kontakt, der in Richtung Zusammenarbeit geht und vieles mehr.<\/p>\n<p><b>Herzblut ist knapp<\/b><\/p>\n<p>Kurz gesagt: Das Diary befriedigt mich so sehr, dass ich f\u00fcr andere Schreibvorhaben keinen emotionalen Bedarf mehr habe. Sie erscheinen als reine Pflicht, weil ich nicht mehr danach giere, mich in sie soweit einzubringen, dass auch etwas von mir &#8218;r\u00fcberkommt. Das hab&#8216; ich ja morgens schon in Reinform erlebt und es reicht f\u00fcr den Tag. Blosse Pflichten und Dienstleistungsvorhaben schiebe ich gern vor mir her, solange es nur immer geht oder lasse sie ganz, wenn ich nicht mu\u00df.<\/p>\n<p>Es ist offenkundig, dass ich SO nicht weitermachen kann, wenn mir mein Schreiberleben lieb ist. Ich bin nun mal keine belletristische Literatin und will es auch vorerst nicht werden (vielleicht, wenn ich \u00fcber 60 bin&#8230;:-). Ich mach&#8216; gerne was richtig N\u00fctzliches, auch hier im Diary komme ich ja gelegentlich auf Themen, die eine andere, umfassendere und intensivere Behandlung verdient h\u00e4tten (Webdesign, Selbstdarstellung im Netz, durchaus auch der Komplex &#8222;Rauchen\/Sucht&#8220;).<\/p>\n<p>Immer wieder schreiben mich Leute an und w\u00fcnschen Hilfe bei ihrer Homepage. Das zeigt mir, dass es eine Nachfrage gibt nach dem, was ich in meinen f\u00fcnf Webjahren gelernt habe und was ich &#8211; neben meinen Webdesign-Auftr\u00e4gen &#8211; weitergeben k\u00f6nnte. Es gibt ja wahrlich genug allgemeine How-to-Seiten im Web, deshalb wollte ich das erst nicht glauben. Doch ich erlebe, dass Leute ganz konkret solche Seiten machen wollen, wie ich sie bevorzugt erstelle: unspektakul\u00e4r und schlicht, aber durchaus professionell, zudem mit dem gewissen emotionalen Touch und stets in einer gewissen Entfernung vom Mainstream.<\/p>\n<p>Und weiter: Die Umfrage da oben rechts ist eigentlich auch nicht just for fun da, sondern sollte ermitteln, ob es Bedarf gibt nach dem Thema &#8222;Selbstdarstellung im Web&#8220; &#8211; das Ergebnis ist ja wohl deutlich! Ich plane einen umfangreichen Hypertext dazu, das Konzept steht schon und eigentlich brauch&#8216; ich alles nur &#8218;runterzuschreiben &#8211; wenn, ja wenn ich mal von diesem gem\u00fctlichen Diary loskommen k\u00f6nnte. Im Zuge des Artikels mu\u00df ich als erstes meine eigene kommerzielle Site v\u00f6llig neu schaffen &#8211; <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/webwork\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Vorhandene<\/a> war nicht wirklich ernst gemeint, weil ich meine Auftr\u00e4ge auf anderen Wegen bekam, und ist zudem von 1997, also total veraltet!<\/p>\n<p>All diese Vorhaben sind mir wichtig, aber sie brauchen die Energie, die bisher t\u00e4glich in dieses Diary fliesst, um verwirklicht zu werden. Ich war noch nie eine Malocherin, die sich lustlos zu etwas zwingen kann, allenfalls kann ich mehr oder weniger geschickt mit den eigenen Motivationen umgehen. Vom jahrelangen Diary-Schreiben (es geht ja praktisch seit 1998, seit dem Nichtrauchertagebuch) hab&#8216; ich richtige Disziplin gelernt: t\u00e4glich schreiben, immer zur selben Zeit, schnell und manchmal auch viel schreiben, korrigieren, k\u00fcrzen (!) &#8211; und all das ist mir sogar zum Bed\u00fcrfnis geworden. Jetzt brauche ich nur die Schreibzeit zu verdreifachen und das Ganze anderen Themen und Projekten widmen, dann k\u00f6nnte ich richtig n\u00fctzlich sein und was leisten!<\/p>\n<p><b>Real Life ist banal<\/b><\/p>\n<p>Ein anderer Aspekt, der mich zu mehr Distanz in Sachen Webdiary bewegt, ist der Wunsch, nicht in eine Big-Brother-Situation abzugleiten. Ob man n\u00e4mlich eine Kamera aufstellt oder mit Worten den direkten Einblick ins Innere verschafft, ist nur eine andere Ebene, nicht eine andere Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Mein Stil, dies zu vermeiden, war immer, die Ereignisse und Erlebnisse aus meinem Leben soweit zu abstrahieren, um dar\u00fcber in verallgemeinernder Form philosophierend schreiben zu k\u00f6nnen. Dieses Verfahren ist aber endlich, die Abstrahierungen m\u00fcnden in Wiederholung und erzeugen Bedarf an ph\u00e4nomenalen Beschreibungen aus dem realen Leben. Wenn ich als Schreiberin den Focus meiner Aufmerksamkeit nicht darauf lege, die k\u00fcnstlerische Form zu steigern (= literarischer oder philosophischer werden), dann gerate ich auf das Gleis, einfach mehr zu beschreiben, auf dass sich der Leser selber eine Meinung bilde.<\/p>\n<p>Doch in einem \u00f6ffentlichen Webdiary will ich nicht mein &#8222;reales Leben&#8220; in den KONKRETEN Einzelheiten ausbreiten. Ja, man kann mal \u00fcber die H\u00fchner schreiben, aber nicht \u00fcber den Lebensgef\u00e4hrten, die Freunde und Nachbarn, die Auftraggeber und Kollegen. Das empfinde ich als Verrat an der jeweiligen Beziehung, die immerhin zwischen zwei Personen gekn\u00fcpft wurde und nicht (von beiden Seiten!) als &#8222;Veranstaltung&#8220; f\u00fcrs WORLD WIDE WEB gemeint war, freigegeben zur Berichterstattung, zu Bewertung und Kritik.<\/p>\n<p>Auch mich selbst in all meinen Schattenseiten will ich keineswegs \u00f6ffentlich vorf\u00fchren, und die m\u00fc\u00dften schon dabei sein, wenn ich auf die &#8222;erz\u00e4hlerische Schiene&#8220; einschwenke. Selber lese ich gelegentlich Tageb\u00fccher von Autoren, die sich &#8222;schonungslos&#8220; in allen Tiefen und H\u00f6hen ausbreiten. Die im Namen der Offenheit und Ehrlichkeit nichts auslassen, was sie im t\u00e4glichen Leben beeindruckt hat. Man kann zu solchen Menschen keinen Kontakt mehr aufnehmen, denn man mu\u00df damit rechnen, sofort in ihren Schriften vorzukommen. In der Regel leben sie in zwei Welten, ihre Partner und Bekannten leben &#8222;netzfern&#8220; und lesen also nicht mit, was \u00fcber sie geschrieben wird. F\u00fcr mich w\u00e4re so eine Lebensweise undenkbar. Auch deshalb, weil alles &#8222;Reale&#8220; auf diese Art zu Material f\u00fcr&#8217;s Schreiben wird, ganz wie der Sonnenuntergang schon Bild ist, wenn ich ihm mit der Kamera entgegenwarte.<\/p>\n<p>Schlu\u00dfendlich ist das reale Leben &#8211; ob mein&#8217;s oder dein&#8217;s oder das dieser &#8218;offenen&#8216; Autoren oder auch das der Leute im Big-Brother-Container oder vor den WebCams dieser Welt unendlich banal. Immer dasselbe: Lust und Leid, Ehrgeiz und Scheitern, Verliebtheit, Beziehungsstress, Liebeskummer, Sexprobleme und Sucht, Krankheit, Alter, Tod. Die Kunst der Kommunikation beteht darin, aus diesem &#8222;Material&#8220; ein MEHR zu machen, oder auch nur die Illusion eines &#8222;mehr&#8220;. Bedeutung schaffen, um sie dem Tod entgegen zu halten &#8211; mehr nicht, aber das immerhin. Darauf will ich nicht ohne Not verzichten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen hab&#8216; ich mich mal wieder nach Sinn &amp; Ziel dieses Diarys gefragt. Tatsache ist, dass es mir gro\u00dfen Spa\u00df macht, dass ich mich freue, wenn die &#8222;Schreibzeit&#8220; anbricht, wenn ich &#8211; meist ohne vorher festgelegtes Thema &#8211; so in mich &#8222;versinke&#8220; und warte, bis Worte und S\u00e4tze kommen. 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