{"id":3818,"date":"2000-11-11T13:38:04","date_gmt":"2000-11-11T12:38:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3818"},"modified":"2023-05-31T13:42:18","modified_gmt":"2023-05-31T11:42:18","slug":"was-sache-ist-zu-ossis-gesprochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/11\/11\/was-sache-ist-zu-ossis-gesprochen\/","title":{"rendered":"Was Sache ist (zu Ossis gesprochen)"},"content":{"rendered":"<p>Heute abend war ich in Schwerin, die Stadt, auf die ich mich hier &#8211; 10 Minuten davon entfernt in einem abgelegenen Dorf wohnend &#8211; eigentlich beziehen mu\u00df, St\u00e4dterin, die ich bin. Schwerin ist in letzter Zeit unter die Gro\u00dfstadtgrenze von 100.000 Einwohnern gefallen. Der Osten entv\u00f6lkert sich, immer noch, vor allem Mecklenburg. Das ist auch an Schwerin sichtbar, eine so wundersch\u00f6ne Stadt wie Freiburg oder Siena, doch keinesfalls wie diese \u00fcberlaufend und Andenken-strotzend, sondern seltsam leer &#8211; und nicht mal eine Uni, ein zus\u00e4tzliches Handicap.<!--more--><br \/>\nIn Schwerin gibt es immerhin Kultur, zum Beipiel die Literaturtage im November. Zwei Lesungen hab&#8216; ich besucht, eigentlich nur, um mal wieder Leute zu sehen. Leute, die mir mitsamt ihren Veranstaltungen recht fremd sind, Ossis eben, gar Mecklenburger Nordlichter! Da bin ich neugierig, f\u00fchle mich aber auch st\u00e4ndig als Gast, als Besucher, unkundig der Traditionen und Verhaltensweisen. Halte also den Mund und h\u00f6re zu. Immerhin konnte ich bemerken, dass DER LITERAT hier einen h\u00f6heren Stellenwert hat. Man erwartet von ihm ein Vordenken, Orientierung in gesellschaftlichen und philosophischen Fragen, immer noch.<\/p>\n<p>Letzte Woche war es <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"http:\/\/www.ingo-schramm.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ingo Schramm<\/a>. Der las aus seinem Buch &#8222;Feigheit der Fische&#8220;. Anf\u00e4nglich war es mir so langweilig , dass ich es nicht fertig brachte, richtig zuzuh\u00f6ren, immer wieder driftete die Aufmerksamkeit ab.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Verdana,Futura,Helvetica;\">Ich hab&#8216; mich wirklich gewundert und deshalb beobachtet, warum es anf\u00e4nglich so \u00f6d und sp\u00e4ter dann richtig gut war: Es lag daran, dass zu Beginn (immerhin der zentrale Akt des Romans) alle Dinge so unglaublich KONKRET beim Namen genannt wurden: die Landschaften, die Stra\u00dfen, die Br\u00fccken, die Flugzeugtypen &#8211; es schauderte mich regelrecht vor Konkretheit. Da bekomm ich meinen \u00fcblichen Info-Overflow: Namen, Daten, Fakten, igitt! Da ist mein Hirn mittlerweile wie allergisch und will abschalten, abgeben an die angeschlossenen Festplatten und Datenbanken. Doch bald h\u00f6rte das auf, im weiteren Fortgang der Lesung war ein Pferd zum Gl\u00fcck nur noch ein Pferd und nicht etwa ein Haflinger oder Araber, die Geschichten begannen, zu fesseln. \u00dcber gelegentliche R\u00fcckf\u00e4lle (&#8222;Ich stellte das Telefon neben die Aprikosenmarmelade&#8220;) konnte ich dann locker wegsehen&#8230; <\/span><\/p>\n<p>Nun ja, ich bin halt keine Literatin, das wusste ich schon lang und sagte es mir zum Trost immer wieder vor. Wenig sp\u00e4ter folgte ich dann doch interessiert der Story: ein Berliner Weltpanorama, Geschichten, durch verschiedene Personen erz\u00e4hlt, Geschichten von heute, Geschichten von der Orientierungslosigkeit. Anschliessend dann die Frage-Zeit, Diskussion! Ein Besucher fragte, was denn Schramm davon halte, dass es in der Literatur l\u00e4nger schon verp\u00f6nt sei, zu gesellschaftlichen Fragen Stellung zu nehmen, gar Kritik zu \u00fcben &#8211; wobei doch Schramm durchaus anerkannt wird (immerhin hat er B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht!), mit all seinem kritischen Bewusstsein.<\/p>\n<p>Tja, sagte Schramm, daf\u00fcr k\u00f6nne er nichts, er f\u00e4nde es nach wie vor wichtig, dass die schreibende Zunft auch ein kritisches Bewusstsein transportiere. Alle waren sich dann einig und guter Stimmung.<\/p>\n<p>W\u00e4re ich spontan und mutig genug gewesen, mich in diesem fremden Umfeld unverzagt zum Deppen zu machen, h\u00e4tte ich mich zu Wort gemeldet und gesagt: Lieber Ingo, der Wessi, der die Literatur in diesen unbefriedigenden \u00c4sthetizismus (bzw. das &#8222;kunstvolle Ablabern&#8220;) getrieben hat, ist nun mal erfolgsverw\u00f6hnt! Wenn er sich einsetzt, will er auch Ergebnisse sehen, und wenn die sich nicht einstellen, denkt er lieber um, anstatt ewig den Versager und Jammerer zu geben. Die Geste des Dagegen-Seins ist einfach nicht abendf\u00fcllend!<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Ingo kritisiert mittels seiner Romanfiguren den Flughafenausbau in Berlin Sch\u00f6nefeld (Naturverbrauch! Arme V\u00f6gel!). Er kritisiert auch diese Kritik (Mensch, die Leute in Tegel und Tempelhof finden es gut, dass der Flugl\u00e4rm aufh\u00f6rt!), und er kritisiert auch die Nichtkritiker (lieblose Ignoranten ohne Herz f\u00fcr die V\u00f6gel!). Alles durchkritisiert, literarisch auf hohem Niveau. Alles paletti, Arbeit geleistet, Honorar verdient!<\/p>\n<p>Toll, sag ich da als abgebr\u00fchte &#8222;Wessi-Schlampe&#8220;, aber wenn du so erfolgreich weiter machst, wirst du nicht nur zu Lesungen in Schwerin, der sterbenden Stadt, eingeladen, sondern nach New York, Basel, Jerusalem (Goethe-Institut). Und dann setzt du dich ins Flugzeug und jeder Abflughafen ist dir recht, bzw. pers\u00f6nlich ganz egal.<\/p>\n<p>Das ist jetzt keine Unterstellung, sondern eine Metapher, geboren aus Erfahrung. Selbst, wenn Ingo ganz pers\u00f6nlich lieber nicht fliegt, ist es doch das &#8222;Normale&#8220;. Und &#8222;wir Wessis&#8220; k\u00f6nnen nicht Jahrzehntelang dieses Normale in uns ignorieren und immer weiter idealistisches Zeug absondern als w\u00e4re nichts! Wir haben auch eine Geschichte: von der 68er-Revolution bis zur New Economy, eine Geschichte der Desillusionierungen, vor allem \u00fcber uns selbst. In der BRD gab es zun\u00e4chst diese Polit- und dann die Alternativszene. Und dort draussen in den Projekten und Landkommunen merkten die Leute sp\u00e4testens, dass &#8222;der Feind&#8220; nicht DAS SYSTEM ist, sondern ein Teil von uns selbst: das Wachsen-wollen, das Jemand-Sein, das Expandieren und Mehr- und weiter und besser-machen wollen&#8230;.<\/p>\n<p>Und auch bei uns ist die Weisheit nicht als Manna vom Himmel geschneit, sondern es gab eine breite Anstrengung in Sachen Selbsterkenntnis: Therapieszene, Selbsterfahrung, humanistische Psychologie, K\u00f6rperarbeit, asiatische Methoden bis hin zu den vielf\u00e4ltigen spirituellen Bewegungen &#8211; und doch musste jeder Ehrliche feststellen, dass die dunkle Seite der Macht nicht auszurotten ist, so sehr man sich auch anstrengt. Vor allem ist sie nicht nur im Anderen, im Fremden, beim Gegner &#8211; sondern im Grunde meines Seins immer vorhanden, ja, sie ist sogar ein besonders energiespendender Teil.<\/p>\n<p>Im \u00f6ffentlichen &#8222;Diskurs&#8220; kommt diese Erkenntnisgeschichte nicht so hervor, weil sie in hohem Ma\u00dfe sehr pers\u00f6nlich und privat erfolgt ist &#8211; aber doch von breiten Kreisen vollzogen. Angesichts dessen, was man da erfahren hat, \u00fcber sich selbst und damit \u00fcber die Welt und ihre Ver\u00e4nderbarkeit, zieht es mancher vor, von der sch\u00f6nen Schwingung im Schriftzug von Coca Cola zu schreiben, anstatt noch weiter VORZUDENKEN. Weil man das Schreiben halt nicht lassen kann&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute abend war ich in Schwerin, die Stadt, auf die ich mich hier &#8211; 10 Minuten davon entfernt in einem abgelegenen Dorf wohnend &#8211; eigentlich beziehen mu\u00df, St\u00e4dterin, die ich bin. 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