{"id":3817,"date":"2000-11-15T13:36:16","date_gmt":"2000-11-15T12:36:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3817"},"modified":"2023-05-31T13:38:00","modified_gmt":"2023-05-31T11:38:00","slug":"geld-machen-mit-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/11\/15\/geld-machen-mit-herz\/","title":{"rendered":"Geld machen mit Herz?"},"content":{"rendered":"<p>Da ist er also wieder mal heftig abgest\u00fcrzt, der Neue Markt! Ich sehe es mit einer gewissen Genugtuung, denn w\u00e4hrend der euphorischen Phase im letzten Jahr, die bis in dieses Fr\u00fchjahr reichte und unendliche Gewinne versprach, war ich nicht dabei: Zu dumm, zu \u00e4ngstlich, zu arm, meine Steuerr\u00fccklage vergammelte &#8222;arbeitslos&#8220; auf einem Konto und andere sahnten gewaltig ab. Das heisst, wenn sie reichtzeitig ausgestiegen sind, was vermutlich kaum jemand geschafft hat.<!--more--><\/p>\n<p>Das &#8222;gro\u00dfe Spiel&#8220; hat mir schon gefallen, wenn ich mich letztlich auch nicht aufraffen konnte, dabei selber Geld zu riskieren. Abgesehen von der gewissen Feigheit, die sich jetzt als Klugheit darstellen l\u00e4\u00dft, hat einfach keine Firma des neuen Markts mein Herz erobern k\u00f6nnen. Das Herz? Ja, lacht nur, es ist einfach Tatsache: Wenn ich einer Firma mein Geld geben, mich an ihrem ureigenen RISIKO beteiligen soll, muss ich sie auch m\u00f6gen, muss an sie glauben.<\/p>\n<p>Zu Anfang des Hype hat es damit noch ganz gut ausgesehen: die r\u00fccksichtslose Art, in der Internet-StartUps alle Gepflogenheiten der traditionellen Arbeitswelt ausser Kraft setzten, hat mir imponiert. Schliesslich war ich auch mal 20 und erinnere micht gut, wie ich das gelangweilte 9-to-5-Jobben gehasst habe &#8211; aus der Ferne, faktisch bin ich nie in so einen quadratisch-vorgestanzten Lebenslauf eingetreten. Kurzum: Arbeiten mit Begeisterung, fasziniert sein von dem, was man tut, keinerlei Einschr\u00e4nkungen akzeptieren, sondern immer voran st\u00fcrmen: die neuen Internet-Firmen waren mir symphatisch, so \u00e4hnlich, wie ich dereinst Pop-Musiker bewunderte.<\/p>\n<p>Die Ern\u00fcchterung kam im Konkreten, schlie\u00dflich agierten diese StartUps nicht im luftleeren Raum, sondern im selben Feld, in dem ich mich bewege. Und genau da sind sie mir verdammt unangenehm aufgefallen &#8211; ob nun als Provider oder Hersteller von Soft- und Hardware oder mit ganz besonders abgefahrenen Web-Projekten: in der Regel konnte man mit ihnen nicht kommunizieren, sondern wurde per Robot-Mail abgefertigt oder v\u00f6llig ignoriert. Im besten Fall stiess man als Kunde auf die regelm\u00e4\u00dfig ahnungslosen Call-Center-Figuren, die gern das blaue von Himmel herunter versprachen, aber eigentlich nur endlich den H\u00f6rer auflegen wollten. Auch Dinge wie das Auswechseln der Gesch\u00e4ftsbedingungen &#8222;on the fly&#8220; ist typisch f\u00fcr die &#8222;Lernf\u00e4higkeit&#8220; der New Economy, die mir insgesamt immer k\u00e4lter, verr\u00fcckter und kurzatmiger vorkam.<\/p>\n<p>Und das mag ich nicht. Ich will NACHHALTIG Geld verdienen und mit Firmen zu tun haben, die auch morgen noch verl\u00e4\u00dflich ihr Ding machen, nicht Luftschl\u00f6sser und Fantasien unterst\u00fctzen (die mach&#8216; ich mir n\u00e4mlich selber!), sondern hieb- und stichfeste Gesch\u00e4ftsmodelle von Leuten, denen nicht nur das Dollarzeichen im Auge glimmt. Und obwohl das in heutiger Zeit verdammt altmodische Gedanken sind, steh&#8216; ich damit vielleicht nicht alleine. Wie k\u00f6nnte der neue Markt sonst derart ins Nichts st\u00fcrzen? Es gibt einfach keinen &#8222;Boden des Vertrauens&#8220;, den sich diese Firmen erworben h\u00e4tten, nichts hindert also den freien Fall.<\/p>\n<p>Gerne w\u00fcrde ich in der Presse Artikel lesen, wie es um die Stimmung bei den Mitarbeitern JETZT bestellt ist: Ob die Feldlager-Bedingungen (Gro\u00df-WG als Unternehmensmodell) noch immer so faszinieren, wenn man genau weiss, dass es keinen Tag der Aussch\u00fcttung geben wird, an dem alle pers\u00f6nlichen Entbehrungen auf einen Schlag in klingende M\u00fcnze umgewandelt werden. Derzeit l\u00e4uft im Fernsehen ein erstaunlich gut gemachter Gewerkschaftsspot: Ein StartUp-Chef l\u00e4uft durchs poppige Grossraumb\u00fcro, ein Mitarbeiter spricht ihn an: &#8222;Ich hab&#8216; das Screendesign heut&#8216; nicht fertig bekommen&#8220;. &#8222;Kein Problem&#8220;, meint der Chef, &#8222;machs zuhause und schick&#8217;s mir per E-Mail&#8220;. Dann schreitet der gn\u00e4dige F\u00fcrst weiter zu einem Schreibtisch im Hintergrund, an dem ein M\u00e4del sitzt: &#8222;Du solltest dich doch verpissen&#8220;, f\u00e4hrt er sie an, &#8222;warum h\u00e4ngst du hier noch immer&#8216; rum?&#8220;. Und Abspann, Kamera blendet ab, es erscheint der Spruch: &#8222;Damit Arbeiten menschlich bleibt&#8230;.&#8220;. Hat mir gefallen, wirklich.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ist er also wieder mal heftig abgest\u00fcrzt, der Neue Markt! 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