{"id":380,"date":"2009-11-12T12:58:05","date_gmt":"2009-11-12T10:58:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=380"},"modified":"2009-11-19T11:59:41","modified_gmt":"2009-11-19T09:59:41","slug":"prominenz-und-masse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/11\/12\/prominenz-und-masse\/","title":{"rendered":"Prominenz und Masse"},"content":{"rendered":"<p>In einem Kommentar zum \u00e4u\u00dferst Presse-kritischen Artikel <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/1147\/der-freitod-eines-torwarts-und-die-ethik\">&#8222;Der Freitod eines Torwarts und die Ethik&#8220;<\/a> verteidigt <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/1147\/der-freitod-eines-torwarts-und-die-ethik#comment-52205\">ein Leser<\/a> mit gro\u00dfer Leidenschaft die Presse, die gestern mit gro\u00dfem Aufgebot jedem Detail des Fu\u00dfballer-Selbstmords nachging.  Hier ein Auszug aus dem noch viel l\u00e4ngeren Kommentar:<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Als ich heute morgen vom Tod Robert Enkes erfuhr, war ich schockiert. Enke. Ausgerechnet. H\u00e4tte ich nie erwartet. Dieter Bohlen. Norbert Lammet. OK. Die interessieren mich nicht, die kenn ich nicht. In China f\u00e4llt ein Sack Reis um. Vor einigen Monaten habe ich erfahren, dass jemand, mit dem ich zur Schule ging, gestorben ist. Pffh. Ich habe ihn seit dem Abi nicht gesehen.<br \/>\nAber Robert Enke, den habe ich jede Woche gesehen (im Fernsehen). Den kannte ich wirklich gut. Ich wu\u00dfte oft schon vorher, was er nach dem Spiel sagt, ich kannte seine typische Mimik, ich h\u00e4tte seine Stimme unter Tausenden herausgeh\u00f6rt. Sein Tod schockiert mich wirklich.<br \/>\nHeute morgen habe ich alle googel-news Artikel zu Enke gelesen. Stand in den meisten das Gleiche. Egal. Ich wollte alles wissen, jedes Detail, wieviel vor Zugdurchfahrt war er an den Gleisen, wo hat er den Autoschl\u00fcssel aufbewahrt, wen hat er vorher noch gesehen.<br \/>\nIst das nur Voyeurismus, den die Medien besser nicht bedienen sollten?<br \/>\nNun, zun\u00e4chst ist es einmal menschliche Anteilnahme. Durchs Fernsehen \u201ckannte\u201d ich Enke ja. Durch die Anteilnahme an Enkes Leben habe ich ein Recht darauf in \u00e4hnlichem Umfang an seinem Tod teilzunehmen und Details zu erfahren. Die Berichterstattung w\u00e4re damit also gerechtfertigt, da sie auf ein berechtigtes Informationsbed\u00fcrfnis trifft.<br \/>\nZum Zweiten m\u00f6chte ich noch auf die immense Bedetung hinweisen, die Prominente f\u00fcr das moralische und politische Urteil von Indivieduen und der Gesellschaft haben.&#8220; <\/p><\/blockquote>\n<p>All die anderen Kommentatoren und diverse Blogs (z.B. <a href=\"http:\/\/www.11freunde.de\/bundesligen\/125581\/\">11Freunde<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/eilmeldung\/\">Niggemeier<\/a>, <a href=\"http:\/\/meedia.de\/nc\/background\/meedia-blogs\/stefan-winterbauer\/stefan-winterbauer-post\/article\/gute-klicks--billige-klicks_100024514.html\">Meedia<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.spreeblick.com\/2009\/11\/11\/zum-selbstmord-von-robert-enke\/\">Spreeblick<\/a>) sind sich im wesentlichen einig, dass hier mal wieder ein abscheulicher Voyeurismus zelebriert wird: eine Klick-Jagd um jeden Preis, der Selbstmord Enkes werde bis weit \u00fcber jeglichen guten Geschmack hinaus \u00f6konomisch ausgebeutet. Ja, es stehe der &#8222;Werther-Effekt&#8220; in Gestalt diverser Nachahmer <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/1147\/der-freitod-eines-torwarts-und-die-ethik\">zu bef\u00fcrchten<\/a>, da die Berichterstattung komplett gegen s\u00e4mtliche  <a href=\"http:\/\/www.suizidprophylaxe.de\/Medienempfehlung%20DGS.pdf\">&#8222;Empfehlungen f\u00fcr die Berichterstattung in den Medien&#8220;<\/a> der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Suizid-Pr\u00e4vention versto\u00dfe. <!--more--><\/p>\n<h2>Ist die Ethik piet\u00e4tvoller Zur\u00fcckhaltung veraltet?<\/h2>\n<p>Kann es sein, dass diese Sicht der Dinge gnadenlos veraltet ist und die psychische Verfasstheit der heutigen Individuen einfach nicht mehr trifft? Ich staune schon lange \u00fcber den ausufernden Starkult, der in Zeiten des Web 2.0 \u00e4u\u00dferst skurrilie Z\u00fcge annehmen kann (so will z.B. ein Fan von einer gewissen Miley Cyrus <a href=\"http:\/\/www.mileysavefuzzy.com\/\">seine Katze aufessen<\/a>, sollte Miley ihren k\u00fcrzlich gek\u00fcndigten Twitter-Stream nicht weiter f\u00fchren). Zu Prominanten und sogar zu blo\u00dfen Serien-Charakteren scheinen immer mehr Menschen Beziehungen zu pflegen, die weit wichtiger sind bzw. an die Stelle fr\u00fcherer, ganz normaler Freundschaften treten. <\/p>\n<p>Warum ist das so? Was reizt Menschen z.B. jede Regung im Leben der mittlerweile entm\u00fcndigten Pop-Figur Britney Spears zu verfolgen? Warum sprechen massenhaft Fans in die Mikrophone, Michael Jackson sei &#8222;ihr Leben&#8220; gewesen? Hat man heute kein EIGENES Leben mehr? <\/p>\n<p>Klar, in meiner Teeny-Zeit war ich auch Fan des einen oder anderen Pop-S\u00e4ngers. Das verblasste allerdings schnell, als ich eigene Liebesbeziehungen hatte und mich insgesamt aufmachte, meine Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen: das war dann viel spannender als jede Info \u00fcber irgend einen Star! <\/p>\n<p>Den <strong>Robert Enke<\/strong> hab ich nicht mal dem Namen nach gekannt, denn ich interessiere mich nicht f\u00fcr Fu\u00dfball. Dass sein Selbstmord in Sachen medial vermittelter Erregung fast an den Tod von Lady Di oder des letzten Pabstes heran reicht, finde ich sehr seltsam &#8211; aber naja, Deutschland ist ja &#8222;Fu\u00dfballnation&#8220;, da kann ich nicht wirklich mitreden. <\/p>\n<p>Es nehmen allerdings nicht nur Fu\u00dfballfans teil an diesem Ereignis, wie ja auch nicht nur die Leserinnen der bunten Was-macht-der-Hochadel-Bl\u00e4ttchen um Lady Di trauerten. All diese Prominenten scheinen eine Art Archetypen der kollektiven Seele zu sein, mit deren Schicksal sich Menschen massenhaft identifizieren k\u00f6nnen. Enke ist jetzt der gefallene Held, der von einem b\u00f6sen D\u00e4mon  (der Depression) nieder gestreckt wurde, nicht etwa durch den ganz normalen Druck im Hochleistungssport &#8211; und schon gar nicht durch die &#8222;Info-Geilheit&#8220; von Seiten der interessierten Masse, von der Last extremer kollektiver Aufmerksamkeit f\u00fcr jede kleine Regung, die ein &#8222;Star&#8220; so von sich gibt.  <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Kommentar zum \u00e4u\u00dferst Presse-kritischen Artikel &#8222;Der Freitod eines Torwarts und die Ethik&#8220; verteidigt ein Leser mit gro\u00dfer Leidenschaft die Presse, die gestern mit gro\u00dfem Aufgebot jedem Detail des Fu\u00dfballer-Selbstmords nachging. 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