{"id":38,"date":"2006-11-25T11:55:53","date_gmt":"2006-11-25T10:55:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/11\/25\/die-liebe-und-das-aelter-werden\/"},"modified":"2019-11-10T12:56:45","modified_gmt":"2019-11-10T11:56:45","slug":"die-liebe-und-das-aelter-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/11\/25\/die-liebe-und-das-aelter-werden\/","title":{"rendered":"Die LIEBE und das \u00c4LTER WERDEN"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein St\u00fcck Autobiografie<\/strong><\/p>\n<p>Als ich um die drei\u00dfig war, dachte ich, mit 50plus sei man quasi scheintot und die geschlechtliche Liebe l\u00e4ge komplett au\u00dferhalb des pers\u00f6nlichen Horizonts. Meine Beziehungen waren eher Schlachtfelder als friedlich-lustvolle Inseln im Meer des stressigen Alltags. Wie ein lieber Freund es so treffend bezeichnete: ich spielte das Papi-und-Mami-Spiel, mit jedem Partner aufs Neue.<\/p>\n<p>In diesem Spiel geht es um Macht und Anerkennung, um die Suche nach dem Eigenen im Kontrast zu dem, was der Partner will. Ohne darum zu wissen, w\u00e4hlte ich meine Geliebten &#8222;nach dem Bild des Vaters&#8220; &#8211; nur eben andersrum:  ER sollte ganz anders sein, nicht so ein unberechenbarer Choleriker, der mich stets zu etwas zwingen will, das ich nicht mag, und mir gleichzeitig jede Anerkennung verweigert (um meinen Ehrgeiz anzustacheln, wie er mir in sp\u00e4teren Jahren mal sagte!). Doch seltsam seltsam:  Obwohl sie zun\u00e4chst &#8222;ganz anders&#8220; wirkten, verstrickte ich mich mit ihnen in genau die Art Kampf, den ich mit meinem Vater gef\u00fchrt hatte. Stets hatte ich das Gef\u00fchl, sie wollten mich beschr\u00e4nken, unterdr\u00fccken, meine Freiheit einz\u00e4umen, wogegen ich mit aller Macht rebellierte &#8211; bis ich eines Tages merkte, dass dieser Kampf keine Sieger kennt. Wer gewinnt, hat ebenfalls verloren, n\u00e4mlich das, was eine Liebesbeziehung eigentlich sein soll: ein Verh\u00e4ltnis, in dem ich nicht k\u00e4mpfen muss, sondern angenommen werde, wie ich eben bin.<!--more--><\/p>\n<h2>Wenn nur Leistung z\u00e4hlt<\/h2>\n<p>Genau dazu war ich jedoch nicht im Stande, denn ich wurde von Kindheit an von meinem Vater &#8222;auf Leistung getrimmt&#8220;. Geliebt werden, ohne dass ich daf\u00fcr etwas leistete, hatte ich zwar von meiner Mutter erfahren, doch war sie mit dieser Liebe in der Familie machtlos und konnte uns Kinder nicht vor dem &#8222;Kampf mit dem Vater&#8220; besch\u00fctzen. Ihm gegen\u00fcber z\u00e4hlte nur, etwas zum &#8222;vorzeigen&#8220; zu haben &#8211; er stand auf Geld, Status und Intelligenz, wobei er sich als kleiner Angestellter nach Ersterem immer nur sehnte und uns Kindern damit unwillentlich die Verachtung materieller Werte anerzog. Wir wurden also intelligent, aber nicht reich &#8211; und meine M\u00e4nner versuchte ich zeitlebens, mit dem Intellekt zu beeindrucken. Wer durchblicken lie\u00df, dass er mich z.B. wegen meines K\u00f6rpers bzw. &#8222;als Frau&#8220; begehrte, der konnte sich meiner Verachtung sicher sein. Und nicht einmal aus feministischen Gr\u00fcnden, wie mir heute klar ist, sondern weil ich mich nicht pers\u00f6nlich gemeint f\u00fchlte: Was konnte ich schon f\u00fcr mein Aussehen? Das hatte ich mir doch nicht redlich erarbeitet, es war keine LEISTUNG, mit 18 gut auszusehen!  Ein hochkar\u00e4tiges philosophisches Buch zu verstehen, war dagegen schwierig und anstrengend. Ich war stolz, wenn ich den Gedankeng\u00e4ngen folgen konnte und w\u00e4hlte mir Partner, die sich \u00fcber die Welt, wie sie ist und wie sie sein sollte die K\u00f6pfe hei\u00df reden konnten &#8211; und trat dann &#8222;in der Sache&#8220; gegen sie an!<\/p>\n<p>Dass es nicht eben leicht war, aus solchen geistigen Landschaften in die &#8222;Niederungen&#8220; erotischen Tuns zu gelangen, liegt auf der Hand. Ich zeigte ihnen meine &#8222;m\u00e4nnliche Seite&#8220;, um ihnen als Frau zu gefallen, womit ich automatisch bei M\u00e4nnern landete, in deren Leben die Mutter eine gro\u00dfe und m\u00e4chtige Rolle gespielt hatte. In mir begegneten sie ihr wieder und mussten nun zeigen, dass sie nicht mehr der kleine, ohnm\u00e4chtige Junge waren &#8211; das Papi-und-Mami-Spiel nahm seinen zerst\u00f6rerischen Lauf. In jeder Beziehung aufs Neue.<\/p>\n<h2>Beziehung ohne Sex<\/h2>\n<p>Ende drei\u00dfig hatte ich die Nase voll davon. Die Krise in der Lebensmitte erwischte mich und kein Stein blieb auf dem anderen. &#8222;Liebestechnisch&#8220; tat ich mich mit einem sanften Philosophen zusammen, der mit der Welt nicht viel am Hut hatte und zum K\u00e4mpfen nicht im Stande war. Machtkampf war nicht angesagt, denn er w\u00e4re einfach abgehauen, wenn ich ihn mit meiner k\u00e4mpferischen Seite bel\u00e4stigt h\u00e4tte &#8211; also lernte ich erstmalig, mich zur\u00fcck zu nehmen. Auf einmal war ich nicht mehr &#8222;das Opfer&#8220;, sondern T\u00e4terin, die sich drum k\u00fcmmern musste, ihr Gegen\u00fcber vor der eigenen M\u00e4chtigkeit zu verschonen. Eine denkw\u00fcrdige Erfahrung!!<\/p>\n<p>1986 hatten wir uns kennen gelernt, 1991 zog ich mit ihm zusammen und bis Ende 2002 lebten wir miteinander ein Leben ohne Sex, denn auf dieser Ebene waren wir nicht f\u00fcreinander geschaffen. Das hatten wir bereits im ersten Jahr bemerkt und gut gehei\u00dfen &#8211;  es war mein ganz pers\u00f6nlicher &#8222;Klosteraufenthalt&#8220; in diesem Leben, der mir sehr viel gegeben hat. Wir lebten nebeneinander in unseren zwei Zimmern mit gro\u00dfer K\u00fcche und trafen uns zum plaudern und fernsehen. Wir hatten denselben Yogalehrer und gingen fast t\u00e4glich spazieren &#8211; viele Jahre reichte mir das voll und ganz, wenn man mal von zwei drei kurzen Aff\u00e4ren absieht, die es in dieser Zeit gab.<\/p>\n<p>Geendet hat es ebenfalls auf einem Spaziergang. Wir kamen kaum mehr vorw\u00e4rts, denn ich machte keine Vorschl\u00e4ge, in welche Richtung wir gehen sollten. Ja, ich versuchte sogar, hinter ihm zu laufen, was ihn schwer irritierte, denn normalerweise ging ich auf engen Wegen voran. Ohne greifbaren Grund waren wir auf einmal sehr aggressiv gestimmt:  ich hatte mich ver\u00e4ndert,  wollte mal folgen und nicht mehr f\u00fchren. Damit konnte er nicht umgehen,  unsere &#8222;Rollen&#8220; stimmten nicht mehr friedlich und passgenau zusammen. Wir setzten uns auf eine Wiese, fanden kaum Worte f\u00fcr das, was mit uns geschah &#8211; doch wir beschlossen an diesem Tag im Sommer 2002, auseinander zu ziehen.<\/p>\n<h2>Angekommen<\/h2>\n<p>In den letzten Jahren ist mir dann aufgefallen, dass die M\u00e4nner, die mir seitdem im Reich der Erotik etwas bedeuten, k\u00f6rperlich einem bestimmten Typ entsprechen: gro\u00df, stattlich, so dass ich zu ihnen aufsehen muss, wenn ich mit ihnen rede.   Ha, genau diesen Typ hatte ich zuvor gemieden wie die Pest: Keiner meiner fr\u00fcheren Beziehungspartner \u00fcberragte meine 165  mehr als einen halben Kopf!  Was f\u00fcr ein AHA-Erlebnis: mein Vater war so GROSS gewesen, breitschultrig, massig &#8211; und in meinem Versuch, ihm zu entkommen, hatte ich alle M\u00e4nner abgelehnt, denen ich nicht &#8222;auf gleicher Augenh\u00f6he&#8220; gegen\u00fcber treten konnte. Ich hatte k\u00f6rperlich verwirklicht, wonach es mich geistig verlangte! Und gar nicht bemerkt, dass ich psychisch und geistig eben NICHT auf gleicher Augenh\u00f6he agierte, sondern immer noch als das M\u00e4dchen, das um die Anerkennung des Vaters buhlt, bzw. immer erst beweisen muss, dass es &#8222;genauso gut&#8220; ist wie das m\u00e4nnliche Gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Dass dem nicht mehr so ist, manifestiert sich in der Tatsache, dass ich jetzt &#8222;auf gro\u00dfe M\u00e4nner stehe&#8220;, die k\u00f6rperlich meinem Vater \u00e4hneln. Endlich lebe ich in Frieden mit meinen Liebsten und die Lust folgt den urspr\u00fcnglichen Pr\u00e4gungen auf den ERSTEN Mann im Leben eines jeden M\u00e4dchens. Ich kann ebenso gut f\u00fchren wie folgen und mich an beidem erfreuen, muss nicht mehr intellektuell gl\u00e4nzen und finde es normal, dass Mann mich liebt, wie ich bin: psychisch, geistig, und auch k\u00f6rperlich &#8211; sogar ohne dass ich mich darum bem\u00fchen m\u00fcsste, &#8222;j\u00fcnger auszusehen&#8220;.  Prickelnde Erotik entsteht nicht im Fitness-Center oder beim Sch\u00f6nheitschirurgen,  sie l\u00e4sst sich nicht als Klamotte kaufen und  auch nicht in B\u00fcchern &#8222;anlesen&#8220;. Wer mit sich selber gl\u00fccklich ist und den Partner nicht als Best\u00e4tigung dringlich braucht, muss den &#8222;Geschlechterkampf&#8220; nicht mehr f\u00fchren, sondern kann ihn SPIELEN und lustvoll inszenieren &#8211; in gewissen Stunden&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein St\u00fcck Autobiografie Als ich um die drei\u00dfig war, dachte ich, mit 50plus sei man quasi scheintot und die geschlechtliche Liebe l\u00e4ge komplett au\u00dferhalb des pers\u00f6nlichen Horizonts. Meine Beziehungen waren eher Schlachtfelder als friedlich-lustvolle Inseln im Meer des stressigen Alltags. 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