{"id":3771,"date":"2000-12-09T13:12:37","date_gmt":"2000-12-09T12:12:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3771"},"modified":"2023-05-07T13:16:22","modified_gmt":"2023-05-07T11:16:22","slug":"vom-lebendigen-hypertext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/12\/09\/vom-lebendigen-hypertext\/","title":{"rendered":"Vom lebendigen Hypertext"},"content":{"rendered":"<p>Danke, danke f\u00fcr die guten W\u00fcnsche: Heute ist der dritte Tag der Erk\u00e4ltung, der Tag ihres Verschwindens. Als erste Erk\u00e4ltung seit vielen Jahren ist das sowieso eher eine interessante Erfahrung: diese k\u00f6rperliche Schlaffheit, die volle physische Unf\u00e4higkeit zu irgend welchen Anstrengungen bringt mir eine selten versp\u00fcrte innere Ruhe. Vermutlich funktioniert der psychische Mechanismus nach dem Motto: Wo nichts geht, kann auch nichts verlangt werden, wie sch\u00f6n! Und aus dieser Entlastung heraus konnte ich locker aktiv werden, voller Freude vor dem Monitor sitzen und mein neues KnowHow-Projekt anschieben, dessen erster Artikel (zu Nielsen, siehe Kasten) ja seit gestern zu besichtigen ist.<\/p>\n<p>Meine Motivationskrise, die sich seit Monaten hinzog, ist mit diesem Projekt-Start vorbei: Endlich wieder ein lebendiger Hypertext! Das Diary ist nat\u00fcrlich auch lebendig, doch seine Form ist fest, mit ihr experimentiere ich nicht mehr. Das Erotische des Webdiarys, das praktisch ein Teil meiner Existenz geworden ist, findet auschlie\u00dflich auf der inhaltlichen Ebene statt: Wie weit zeige ich mich? Ist das, was ich zeige, \u00fcberhaupt real? Welche Motive stehen hinter diesem Tun? Soll ich dies und jenes wirklich schreiben? Hat es einen Sinn, und wenn nicht, warum findet es trotzdem Leser? Usw. usf. &#8211; im Ganzen eine sehr pers\u00f6nliche Angelegenheit, nichts, womit ich irgendwie auf&#8217;s real existierende \u00f6ffentliche Leben einwirken will.<\/p>\n<p>Im jetzt endlich gestarteten Webwriting-Magazin kann ich dagegen das Netz f\u00fcr mich wieder mal ganz neu erfinden: Den in jahrelanger Praxis gemachten Erfahrungen mit dem Publizieren im Internet eine eigene Form geben und diese gleichzeitig auch ausformulieren und begr\u00fcnden. Mit Michael Charlier ist mir daf\u00fcr der ideale Co-Worker begegnet, er hat erstens Jahrzehnte schreiberisch-journalistische Erfahrung, doch vor allem auch die Geduld, Dinge wirklich auf den Punkt hin auszuformulieren. Quellen angeben, Autoren zitieren, Dinge wirklich von Anfang bis Ende rezipieren und dann nachvollziehbar bewerten, das ist nicht unbedingt das, was mir Spa\u00df macht. Ich setze lieber ein Beispiel, verschaffe ein ERLEBNIS und sage dann: Wenn sie es nicht selber schnallen, dann eben nicht. Insofern erg\u00e4nzen wir uns aufs Beste und ich bin guter Dinge, dass das Webwriting-Magazin eine unverwechselbare Qualit\u00e4t aufweisen wird, von der auch andere etwas haben.<\/p>\n<p><b>Lebendige Texte?<\/b><\/p>\n<p>Gute Hypertexte haben f\u00fcr mich etwas Utopisches. Schlie\u00dflich sind es keine fertigen Artefakte, die irgendwo ausgestellt stehen, keine WERKE, in irgendwelchen Speichern und Bibliotheken gehortet, vielleicht ger\u00fchmt, oft schnell vergessen. Nein, Hypertexte sind im besten Fall offene STRUKTUREN, Organisations- und Kommunikationsstrukturen f\u00fcr Texte und Menschen. Nehmen wir einen guten Prototyp als Beispiel: <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"https:\/\/wiki.selfhtml.org\/\" rel=\"noopener\">Selfhtml<\/a> [<em>aktualisierte URL, Stefan ist nicht mehr dabei<\/em>] von Stefan M\u00fcnz ist nicht nur das Produkt (die 7 Versionen des Hypertextes selbst), sondern ein Teil von Stefan, den er so nach au\u00dfen gestellt hat, worauf sich andere einfanden, die zur Sache etwas beitrugen. Rund um das Dokument entstand eine weit verstreute Community aus Menschen, die von Stefans ganz spezifischen Art, Wissen weiterzugeben, anger\u00fchrt sind und diese Art &amp; Weise mit- und weitertragen. (Nat\u00fcrlich gibt es auch jede Menge &#8222;blosse Konsumenten&#8220;, das \u00e4ndert aber nichts.)<\/p>\n<p>Es ging und geht dabei nicht nur um HTML, sondern um die Vermittlung der spezifischen Sicht von Stefan auf das Netz: Um den Geist gegenseitiger Hilfe, um Kooperation jenseits kommerzieller Interessen, um Ordnung, und wie man sie im Chaos schaffen kann, um Werte eben, die durch den Hypertext (dessen &#8222;Leben&#8220; im Web) nicht etwa zitiert und beschrieben, sondern VERWIRKLICHT werden. Und es ist ja auch eingeschlagen! Dass Einsteiger heute oft lieber zu grauenhaften WYSIWYG-Editoren (Ihre Homepage in zehn Mausklicks) greifen, anstatt selbst HTML zu lernen, liegt einerseits am gro\u00dfen Umfang, den HTML mittlerweile angenommen hat, zum anderen daran, dass sie in einer (fast) ganz kommerzialisierten Umgebung keinen Zugang zur &#8222;Energie des Verstehens&#8220; (=Untertitel zu Selfhtml) finden, die ja etwas anderes ist als die Energie des Verkaufens. Es braucht mehr und immer neue Hypertexte, um das immer wieder neu zu vermitteln.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens hab&#8216; ich mich gerade mal in den Chat auf Selfhtml-Life eingeklingt. Da hei\u00dft es auf einem Laufband: &#8222;Frage Dich stets, wer Du bist, bevor du uns fragst, wie das alles mit JavaScript geht&#8230;.&#8220;. Klasse! Da ist er wieder, der philosophische Geist von Selfhtml, den man in einer Lernstruktur zu so etwas Trockenem wie HTML gar nicht erwarten w\u00fcrde.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Danke, danke f\u00fcr die guten W\u00fcnsche: Heute ist der dritte Tag der Erk\u00e4ltung, der Tag ihres Verschwindens. Als erste Erk\u00e4ltung seit vielen Jahren ist das sowieso eher eine interessante Erfahrung: diese k\u00f6rperliche Schlaffheit, die volle physische Unf\u00e4higkeit zu irgend welchen Anstrengungen bringt mir eine selten versp\u00fcrte innere Ruhe. 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