{"id":3768,"date":"2002-12-14T13:06:22","date_gmt":"2002-12-14T12:06:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3768"},"modified":"2023-05-07T13:10:48","modified_gmt":"2023-05-07T11:10:48","slug":"weihnachtsstimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/12\/14\/weihnachtsstimmung\/","title":{"rendered":"Weihnachtsstimmung ?"},"content":{"rendered":"<p>Ein paar Tage ohne Diary verbracht, daf\u00fcr umso aktiver das <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"http:\/\/www.webwriting-magazin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Webwriting-Magazin<\/a> angeschoben. In den n\u00e4chsten Tagen wird sich da einiges tun. Das Log auf Seite 1 scheint zu gefallen und ich bekomme viele positive Mails. Dass ein Leser auf den Nielsen-Artikel auch gleich mit einer Virus-Attacke reagiert hat, geh\u00f6rt wohl dazu: Manchen fehlen eben die Worte, ihre andere Meinung anders auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Aber genug davon. Es ist Mitte Dezember, noch zwei Wochen bis zum dunkelsten Tag des Jahres. Trotz Weihnachtsbeleuchtung, die auch hier im Dorf Gottesgabe Volkssport ist, will eine weihnachtliche Atmosph\u00e4re nicht aufkommen. Die warmen St\u00fcrme, der Matsch, der alle unversiegelten Oberfl\u00e4chen zu Gummistiefelfallen macht, die orkanartigen B\u00f6en, die hier im Schlo\u00dfwald ein beeindruckendes Dr\u00f6hnen h\u00f6ren lassen: Weihnachtsstimmung ist das nicht gerade.<\/p>\n<p>Was aber w\u00e4re denn Weihnachtsstimmung? Ich erinnere mich daran, wie es mir als Kind schon ab zehn zunehmend PEINLICH wurde, wenn der Event namens &#8222;Bescherung&#8220; auf die Jahr f\u00fcr Jahr gleiche Weise zelebriert wurde. Fast bin ich vor Scham in den Boden versunken, wenn wir drei Kinder am sogenannt heiligen Abend mit einem Gl\u00f6ckchen zu Konservenkl\u00e4ngen von &#8222;Ihr Kinderlein kommet&#8220; ins geschm\u00fcckte Weihnachtszimmer mit brennendem Lichterbaum geklingelt wurden. Wie in der Auslage eines Warenhauses hatten meine Eltern <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/bescherung.htm\" target=\"unten\" rel=\"noopener\">die Geschenke arrangiert<\/a>:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3770\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2002\/12\/bescherung.jpg\" alt=\"Bescherung, altes Foto\" width=\"340\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2002\/12\/bescherung.jpg 340w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2002\/12\/bescherung-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 340px) 100vw, 340px\" \/><\/p>\n<p>Alles war nat\u00fcrlich schon ausgepackt, denn allzu viel Verpackungsm\u00fcll vertr\u00e4gt sich nicht mit echten Wachskerzen am Baum. Trotzdem standen hinter dem Baum noch zwei Eimer mit Wasser, man weiss ja nie!<\/p>\n<p>Auch wir Kinder hatten erstmal &#8222;staunend davor&#8220; zu stehen. Denn erst mu\u00dfte das Lied zu Ende gesungen sein, bevor es uns erlaubt war, &#8222;jubelnd&#8220; auf die Geschenke zu st\u00fcrzen. Erlaubt? Ich jubelte schon, ehe ich \u00fcberhaupt alles gesehen hatte, denn ich wollte dieses &#8222;Kinderjubeln&#8220; schleunigst hinter mich bringen, das meine Eltern offenbar so sehnlichst erwarteten. Was mir an der ganzen Sache so peinlich war und von Jahr zu Jahr immer peinlicher wurde, konnte ich gar nicht sagen. Man h\u00e4tte Weihnachten jedenfalls ersatzlos streichen k\u00f6nnen, ich w\u00e4re erleichtert gewesen. Doch so gab ich zur Zufriedenheit meiner ahnungslosen Eltern das &#8222;jubelnde Kind&#8220;, Jahr f\u00fcr Jahr wieder, bis mir der Geist des Protestes von 1968 endlich eine Sprache gab, um meinem Unmut Ausdruck zu verleihen: konsumorientierter stockspie\u00dfiger Schei\u00df! Alles L\u00fcge!<\/p>\n<p>Damit war erstmal Schlu\u00df mit Weihnachten und \u00e4hnlichen &#8222;hohlen&#8220; Ereignissen, denen ich mich fortan zu verweigern suchte. Wenn das absolut nicht ging (jetzt zeigte sich der Zwangscharakter der Sache: ich MUSSTE mitmachen!), dann stand ich allenfalls m\u00e4kelnd dabei und verdarb den anderen wenigstens erfolgreich die Stimmung. Mit jeder Geste schwitzte ich meine Kritik aus, dass n\u00e4mlich weder Kerzenduft noch Lichterglanz, weder die gef\u00fcllte Riesenpute noch die Zwangsbeschallung mit Weihnachtsliedern dar\u00fcber wegt\u00e4uschen k\u00f6nne, was in unserer Familie IN WAHRHEIT Sache war: blanker Hass und Machtk\u00e4mpfe Tag f\u00fcr Tag, halt so ein ganz normales Familienleben.<\/p>\n<p>Seither ist viel Zeit vergangen, so richtig warm bin ich mit Weihnachten nie geworden, zumindest nicht in seinem mehr denn je dominanten Shopping-Event-Charakter. Das eigentliche Anliegen solcher Feste kann ich heute verstehen und guthei\u00dfen. Sie sollen nicht etwa eine \u00fcblicherweise schlimme zwischenmenschliche Realit\u00e4t f\u00fcr einen Tag oder f\u00fcr Stunden einfach nur verbergen, mit Glitzerkram und Hulligully zusch\u00fctten. Sondern sie sind als Ausdruck eines Konsenses gemeint, der in Worten lauten k\u00f6nnte: Ja, wir wissen, dass wir alle Egoisten sind und DER ANDERE uns normalerweise nicht viel bedeutet. Dieses Fest ist Ausdruck unserer Unzufriedenheit mit diesem Zustand: Wir leben mal f\u00fcr ein paar Stunden, wie wir es &#8222;eigentlich&#8220; gerne h\u00e4tten, wenn&#8230;. tja, wenn wir nicht solche Bestien w\u00e4ren, wie wir es nun mal sind.<\/p>\n<p>Gerade von dieser weihnachtlichen Wahrheit sp\u00fcre ich allerdings wenig im Bewu\u00dftsein meiner Mitmenschen. Die meisten glauben von sich, sie seien ganz wunderbare Typen, stets bereit zu helfen und \u00fcber alles zu reden, immer auf der Seite des GUTEN, Wahren und Sch\u00f6nen. Und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann sind Andere oder &#8222;die Umst\u00e4nde&#8220; schuld. Diesen Glauben m\u00f6chte kaum jemand ersch\u00fcttert sehen und ein erfolgreich inszeniertes Weihnachten mit maximalem Warenumschlag geh\u00f6rt eben einfach zum Leistungsspektrum erfolgreicher Individuen.<\/p>\n<p>Der Bericht hier w\u00e4re unvollst\u00e4ndig, ohne anzuf\u00fcgen, dass ich &#8222;trotz alledem&#8220; auf Weihnachten konditioniert bin. Ich mu\u00dfte feststellen, dass ich glitzernden Baumschmuck, den Duft angesengter Tannennadeln, jubelnde Familien und die gro\u00dfen Fressen zu Weihnachten irgendwie mag. Die sinnlichen Einzelheiten des Weihnachtsszirkus&#8216; sind tief in mich eingeschrieben, in die Schicht, die nicht diskutiert, sondern nur f\u00fchlt und reagiert. Und DAR\u00dcBER reg&#8216; ich mich heute nicht mehr auf, sondern genie\u00dfe es, soweit das im \u00dcberangebot der dreimonatigen Kommerzweihnachten \u00fcberhaupt noch m\u00f6glich ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar Tage ohne Diary verbracht, daf\u00fcr umso aktiver das Webwriting-Magazin angeschoben. In den n\u00e4chsten Tagen wird sich da einiges tun. Das Log auf Seite 1 scheint zu gefallen und ich bekomme viele positive Mails. 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