{"id":3765,"date":"2000-12-25T12:58:13","date_gmt":"2000-12-25T11:58:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3765"},"modified":"2023-05-07T13:00:44","modified_gmt":"2023-05-07T11:00:44","slug":"sich-veraendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/12\/25\/sich-veraendern\/","title":{"rendered":"Sich ver\u00e4ndern?"},"content":{"rendered":"<p>Nicht weit von Gottesgabe liegt am Rande von Schwerin das Sieben-Seen-Center: Eine Shopping-Mall, ein Baumarkt und Mecklenburg-Vorpommerns gr\u00f6\u00dfter Sportpark. Dazu geh\u00f6rt die wunderbare Saunalandschaft, die ich des \u00f6fteren besuche, ein Fitness-Bereich mit den bekannten Kraftmaschinen, auch Tennis, Squash und jede Menge Kurse f\u00fcr Leute, die lieber im Kollektiv zu fetziger Musik schwitzen als alleine mit einem Ger\u00e4t.<\/p>\n<p>An diesen Ger\u00e4ten hab&#8216; ich mich schon vor zehn Jahren in Berlin versucht. Eine Probestunde mit Trainer erlebt, Mitglied geworden, noch ca. dreimal hingegangen, Ende. An den Apparaten bin ich vor Langeweile fast gestorben, es war einfach kein Anreiz da, mich anzustrengen, mich irgendwie zu maltr\u00e4tieren und die Tr\u00e4gheit zu \u00fcberwinden. Nat\u00fcrlich w\u00e4re ich gern schlank und fit gewesen, doch diese Wunschbilder in meinem Kopf waren kraftlose Vorstellungen, so wie man manchmal an den Strand denkt und doch in der Stadt wohnen bleibt, Tr\u00e4ume ohne Bezug zur wirklichen Welt.<\/p>\n<h2>Sind \u00c4nderungen machbar?<\/h2>\n<p>Immerhin hab&#8216; ich mittlerweile die Stadt verlassen. Nicht in einem Hau-Ruck-Entschlu\u00df, sondern indem ich \u00fcber mehrere Jahre immer deutlicher bemerkte, was mir die Metropole gegeben und genommen hat. Das immense Kulturangebot, die unendlichen M\u00f6glichkeiten, die unz\u00e4hligen Veranstaltungen gingen zunehmend an mir vorbei, wie viele Berliner lebte ich &#8222;im Kiez&#8220;, das ich nur ungern und selten verlie\u00df. Als auch meine Arbeit nicht mehr an den Ort gebunden war, fragte ich mich immer \u00f6fter: Warum bleibe ich hier? Warum tue ich es mir an, t\u00e4glich von morgens bis nachts diesen L\u00e4rm, dieses st\u00e4ndige Hintergrundget\u00f6se zu ertragen? An die dreckige Luft ist man als St\u00e4dter ja eigentlich gew\u00f6hnt, doch jahrelange Yoga-\u00dcbungen machen jede Nase empfindlicher, ich konnte nicht mehr so leicht ignorieren, was ich da von fr\u00fch bis sp\u00e4t einatmete. Am meisten nervten mich gegen Ende die vielen Eindr\u00fccke, die str\u00f6menden Menschenmengen, die L\u00e4den, Lichter und Schlagzeilen, der ganze Glitter und das ganze Elend: Die aufgemotzen reichen Selbstdarsteller genauso wie die &#8222;Haste mal ne Mark&#8220;-Jugendlichen, die vielen Hunde und die viele Hundeschei\u00dfe&#8230; ich verweigerte einfach die Wahrnehmung und lief v\u00f6llig &#8222;dicht&#8220; durch die Stra\u00dfen, Bekannte mu\u00dften schon laut rufen, damit ich sie \u00fcberhaupt bemerkte.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hatte ich genug und beschlo\u00df, Berlin zu verlassen und mir im Speckg\u00fcrtel etwas zu suchen. Es fand sich auch &#8222;wie von selbst&#8220; eine M\u00f6glichkeit, in ein altes Bauernhaus in der N\u00e4he von Potsdam zu ziehen. Eine Berlinerin hatte es gekauft und suchte h\u00e4nderingend nach Mietern. Zuerst gefiel es mir recht gut und ich unterzeichnete schon bald den Mietvertrag, doch irgendwie erschien mir das ganze NICHT REAL. Monate gingen ins Land und die versprochenen Modernisierungen kamen nicht zustande, ich glaubte immer weniger daran, dass ich Berlin jemals verlassen w\u00fcrde. Letztlich war es mir auch nicht recht vorstellbar, ohne meinen langj\u00e4hrigen Lebensgef\u00e4hrten wegzuziehen. Der aber wollte erstmal in der alten Wohnung bleiben.<\/p>\n<h2>Zieh doch mit uns weg!<\/h2>\n<p>Dann, gerade als ich den &#8222;Traum vom Land&#8220; praktisch schon aufgegeben hatte, kam auf einmal das Angebot von Freunden: Zieht doch mit uns nach Gottesgabe, wir haben da ein frisch renoviertes Schlo\u00df! Pl\u00f6tzlich waren wir in der Lage, sehr schnell ja zu sagen. Nicht allein, sondern zusammen, nicht zum Speckg\u00fcrtel von Berlin, sondern zum d\u00fcnn besiedelten Mecklenburg! Selber w\u00e4re ich da nie drauf gekommen&#8230;.<\/p>\n<p>War dieses &#8222;aufs Land ziehen&#8220; ein aktives Tun? Ich f\u00fchlte mich die meiste Zeit eher passiv, mit Ausnahme der Phase mit dem Potsdam-Plan, der auch prompt nicht funktionierte. Tatsache war die wachsende Sensibilit\u00e4t, die vom K\u00f6rper ausging und mich immer mehr an der Stadt leiden lie\u00df &#8211; man kann es auch Weichheit und Schw\u00e4che nennen. Tatsache war das Internet, das mich vom Raum unabh\u00e4ngig machte. So viele Dinge spielten bei dieser gro\u00dfen Lebensver\u00e4nderung eine Rolle &#8211; mein Anteil daran ist eher gering.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchre mir all das vor Augen, weil ich dar\u00fcber nachdenke, wie man sich ver\u00e4ndert, in der Wirklichkeit, nicht in der Vorstellung. Es scheint, dass es dieses Jahr auch gelungen ist, vom Rauchen so weit wegzukommen, wie noch niemals zuvor (100%ig ist es noch immer nicht, ich rauche gelegentlich eine mit, f\u00fchle keine Sucht, sondern ein &#8222;nicht GANZ loslassen wollen&#8220;). Auch das ist nach dreissig Jahren mit 20 bis \u00fcber 40 Zigaretten am Tag eine spektakul\u00e4re Ver\u00e4nderung. Eine, die ebenfalls nicht per Einsicht, Entschlu\u00df und Willenskraft zustande kommt, sondern durch l\u00e4ngeres Leiden und wiederholtes Wahrnehmen psychisch g\u00fcnstiger Gelegenheiten, durch beil\u00e4ufige Experimente mit K\u00f6rper und Geist &#8211; bloss nicht so hoch h\u00e4ngen wie 1998, als ich anl\u00e4\u00dflich eines Aufh\u00f6rversuchs gleich ein ganzes Nichtrauchertagebuch schrieb und in den Texten geklungen habe, als wolle ich eine Sekte aufmachen!<\/p>\n<p>Wirkliche Ver\u00e4nderungen scheinen leise zu geschehen. Man ist nicht unbeteiligt, kann sie aber auch nicht &#8222;machen&#8220;. Die Gelegenheit im Sportpark werd&#8216; ich mal versuchsweise ergreifen &#8211; nicht die Ger\u00e4te, sondern die Fitness-Kurse. Vielleicht ist mein Horror vor k\u00f6rperlichen Anstrengungen ja nur noch eine alte Vorstellung&#8230;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht weit von Gottesgabe liegt am Rande von Schwerin das Sieben-Seen-Center: Eine Shopping-Mall, ein Baumarkt und Mecklenburg-Vorpommerns gr\u00f6\u00dfter Sportpark. 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