{"id":371,"date":"2009-10-20T11:43:06","date_gmt":"2009-10-20T09:43:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=371"},"modified":"2009-10-31T12:56:28","modified_gmt":"2009-10-31T10:56:28","slug":"der-abenteuer-modus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/10\/20\/der-abenteuer-modus\/","title":{"rendered":"Der Abenteuer-Modus"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich zappte ich in eine Doku-Sendung, in der das Elend eines Spiels\u00fcchtigen gezeigt wurde: ein Familienvater, der alles Geld verspielte, in die Beschaffungskriminalit\u00e4t abglitt, zeitweise in den Knast und dann wieder auf Entzug und in Therapie ging. <\/p>\n<p>Man sah ihn dann nach so einer Therapie-Phase, wie er wieder mit den Kindern spielte, kochte und Stein und Bein schwor, nie wieder in den alten Status zu verfallen. Und die Frau sagte zum Interviewer: <em>Ich kann gar nicht mehr begreifen, wie ich sein Doppelleben so lange \u00fcbersehen konnte!<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Durch insistierende Nachfragen kam heraus, dass die Frau durchaus bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmt. Doch auf ihre Fragen wurde der Mann ruppig und aggressiv, woraufhin sie sich &#8222;in ihre eigene Welt zur\u00fcck zog&#8220; und weiteres Bohren unterlie\u00df. <\/p>\n<p>Warum ich das erz\u00e4hle? Beide Personen in diesem Drama eignen sich gut, die menschliche Sehnsucht nach dem Abenteuer bei gleichzeitiger Angst davor zu thematisieren: Der Mann verfiel der Spielsucht, weil er &#8222;sich von der Arbeit ablenken&#8220; wollte, die ihn nicht ausf\u00fcllte, aber ohne Ende in Stress versetzte. Er riskierte nicht etwa die Suche nach einer neuen Arbeit oder konfliktreiche Bem\u00fchungen um deren Ver\u00e4nderung, sondern suchte den vermissten &#8222;Kick&#8220; im Leben an den Spielautomaten. Die Frau scheute die Auseinandersetzung, weil sie Angst davor hatte, dass das ganze Konstrukt &#8222;heile Familie&#8220;, das einzig noch in ihrem Kopf existierte, auseinander brechen w\u00fcrde. Sie f\u00fcrchtete, verlassen zu werden (obwohl sie lange verlassen worden war!) und ihr Leben in eigener Verantwortung \u00e4ndern zu m\u00fcssen. Beide schlossen die Augen vor der Realit\u00e4t, wodurch sich die Probleme zur Katastrophe aufschaukeln konnten.<\/p>\n<p>In der TV-Doku wurden diese Ursachen selbstredend NICHT angesprochen: die Sucht war einfach Krankheit, ein Ungl\u00fcck, das Menschen leider zust\u00f6\u00dft &#8211; und die Reha-Situation am Ende (sorgender Familienvater beim Kuchenbacken) wurde als Heilung und L\u00f6sung betrachtet, die &#8211; toi toi toi!- hoffentlich anhalten werde. <\/p>\n<p>Es wird NICHT anhalten. Denn nichts hat sich ge\u00e4ndert, man versucht nur, wieder in den gesellschaftskompatiblen Lebensstil VOR der Katastrophe zu gelangen. Sobald die schlimmen Erinnerungen verblassen, wird die Suche nach dem Abenteuer den Mann in einen R\u00fcckfall treiben und die Frau wird aufs Neue schweigen, hoffen und bangen&#8230; <\/p>\n<p>Wir alle wollen, dass das Leben auf irgend einer Ebene spannend ist, dass unser Tun Bedeutung hat und sich nicht in blo\u00dfen Routinen und Gewohnheiten, Sachzw\u00e4ngen und \u00f6konomischen Notwendigkeiten ersch\u00f6pft. Wer sich ein Leben aufbaut, dass nur noch &#8222;weiter funktionieren&#8220; als Perspektive bietet und alle Risiken meidet, die im Versuch, das zu \u00e4ndern liegen, dessen Unbewusstes \u00fcbernimmt irgendwann die Steuerung. Sucht, psychische und physische Krankheiten oder gar Unf\u00e4lle ereignen sich und machen dem faulen Frieden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter den Garaus. <\/p>\n<p>Es hilft nichts: wir m\u00fcssen jeder selbst einen bewussten Weg in den &#8222;Abenteuer-Modus&#8220; suchen und finden. Eine Ebene des Handelns, auf der wir uns mit ganzer Kraft einsetzen f\u00fcr Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Das kann sich mehr im \u00c4u\u00dferen, in der Welt des arbeitenden Engagements abspielen, oder mittels einer forcierten Innenschau auf der Suche nach den Abenteuern des Bewusstseins &#8211; darauf verzichten und &#8222;nur noch funktionieren&#8220; f\u00fchrt nirgendwohin bzw. direkt in die pers\u00f6nliche Katastrophe. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich zappte ich in eine Doku-Sendung, in der das Elend eines Spiels\u00fcchtigen gezeigt wurde: ein Familienvater, der alles Geld verspielte, in die Beschaffungskriminalit\u00e4t abglitt, zeitweise in den Knast und dann wieder auf Entzug und in Therapie ging. 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