{"id":37,"date":"2006-11-18T12:42:45","date_gmt":"2006-11-18T10:42:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/11\/18\/selbststaendig-arbeiten-rationalisierung-als-abenteuer\/"},"modified":"2006-11-25T12:05:01","modified_gmt":"2006-11-25T10:05:01","slug":"selbststaendig-arbeiten-rationalisierung-als-abenteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/11\/18\/selbststaendig-arbeiten-rationalisierung-als-abenteuer\/","title":{"rendered":"Selbstst\u00e4ndig arbeiten: Rationalisierung als Abenteuer"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich will mein eigener Chef sein!&#8220;. Der Wunsch nach Selbstbestimmung, nach freier Entfaltung der eigenen Kreativit\u00e4t, motiviert nahezu alle, die sich irgendwann mal selbstst\u00e4ndig machen. Selbst beschlie\u00dfen, was man tut und wie man es tut, die Zeit selbst einteilen k\u00f6nnen, keine nervigen Endlos-Besprechungen im Team und mit Vorgesetzten: das Reich der Freiheit scheint zu winken, in dem man noch immer &#8222;seines Gl\u00fcckes Schmied&#8220; sein kann.<\/p>\n<p>Zehn Jahre arbeite ich nun schon auf eigene Rechnung. Ohne Z\u00f6gern verlie\u00df ich 1995 die einzige l\u00e4ngerfristige Anstellung meines Lebens, weil mich das Internet faszinierte wie kaum etwas zuvor.  Nach zwei Jahren &#8222;Projekt leiten&#8220; hatte ich die Nase auch gestrichen voll von den schwierigen Bedingungen eines &#8222;Tr\u00e4gers&#8220;, der sinnvolle (!) ABM-Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Akademiker veranstaltete. Oft klappten unsere komplexen Vorhaben nur dann, wenn alle beteiligten &#8222;Akteure&#8220; ein wenig NEBEN den Vorschriften agierten &#8211; sie dazu zu bewegen, das um der Sache willen (Energiesparkampagnen) zu wagen, war keine Kleinigkeit. Ich war froh, in dem Laden nicht Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin sein zu m\u00fcssen!<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Im Reich der Freiheit<\/h2>\n<p>Dann also DIE FREIHEIT. Binnen eines Jahres autodidaktischer Einarbeitung schwamm ich im jungen Web wie der sprichw\u00f6rtliche Fisch im Wasser und es kamen erste Webdesign-Auftr\u00e4ge.  Anders  als viele &#8222;Existenzgr\u00fcnder&#8220;, die sich Ende der 90ger selbst\u00e4ndig machten, hatte ich nicht &#8222;Business geplant&#8220; und viel Papier mit allerlei Hoffnungen gef\u00fcllt, sondern einfach drauf  los gewerkelt: eigene Projekte im Reich der Netzkultur, kostenlos und mit Freude an der Sache, ganz  ohne Gedanken ans Geld verdienen &#8211; ich hatte ja Arbeitslosengeld und irgendwas w\u00fcrde sich schon ergeben, wenn ich einfach meinem D\u00e4mon folgte.<\/p>\n<p>Und ich hatte Gl\u00fcck, es war der richtige Zeitpunkt, das wachsende Web brauchte Webworker\/innen, die Auftraggeber fanden sich  &#8222;wie von selbst&#8220;. Nie musste ich Werbebriefe aussenden oder auf Stehpartys Visitenkarte verteilen, um &#8222;ins Gesch\u00e4ft zu kommen&#8220;. Meine Projekte und die Freude an der virtuellen Kommunikation waren Werbung genug. Lange lebte ich in der Euphorie der &#8222;Einheit von Leben und Arbeiten&#8220;:  Was ich f\u00fcr Kunden tat, machte (fast) genauso viel Freude wie das, was ich auch ohne Auftrag tat &#8211; wow, was f\u00fcr ein Leben!<\/p>\n<p>Im Grunde hat sich an meiner Art, zu arbeiten, bis heute nicht viel ge\u00e4ndert, nur ist es schwieriger geworden, Euphorie zu erleben. Wo fr\u00fcher jeder Auftrag ein Abenteuer war, mit dem ich auf irgend eine Art zu neuen Ufern aufbrach, braucht es heute andere Motive, um Freude an der Arbeit zu entwickeln &#8211; etwa der Sinngehalt des zu erschaffenden Projekts, das anwenden d\u00fcrfen der eigenen F\u00e4higkeiten und Erfahrungen, und schlussendlich auch das schn\u00f6de Geld verdienen!<\/p>\n<h2>Rationalisierung<\/h2>\n<p>Geld verdienen \u00fcber das Notwendigste hinaus war mir lange keinen Gedanken wert. Erst wenn mal nicht absehbar war, wie die \u00fcbern\u00e4chste Miete herein kommen w\u00fcrde, sorgte ich mich um mein Auskommen und dachte \u00fcbers Einkommen nach. Und erst seit ich W\u00fcnsche habe, die nicht vor dem Monitor sitzend verwirklicht werden k\u00f6nnen, schaue ich genauer hin, auf welche Art und Weise ich die Auftr\u00e4ge abarbeite, wie ich das Honorar verhandle,  wie ich zu neuen Kunden komme und wie viel Zeit ich eigentlich damit zubringe. So wird mir das Arbeiten selbst, der unternehmerische Aspekt daran, zum Abenteuer und nun bin ich dem Geheimnis auf der Spur, was eigentlich &#8222;Erfolg&#8220; ist und wie er zustande kommt.<\/p>\n<p>Wow, und was f\u00fcr ein Fass ich damit aufgemacht habe! Auf einmal sehe ich, wie irrational und uneffektiv ich oft vor mich hin werkle: da flie\u00dfen locker mal f\u00fcnf Stunden in eine Sache, die mir mit Gl\u00fcck 50 Euro mehr bringt, daf\u00fcr vernachl\u00e4ssige ich Dinge, mit denen ich in der gleichen Zeit 150 h\u00e4tte einnehmen k\u00f6nnen. Sowas hab&#8216; ich fr\u00fcher nicht mal bemerkt, da ich w\u00e4hrend der Arbeit nie daran dachte, &#8222;was hinten raus kommt&#8220;.  Jetzt &#8222;rationalisiere&#8220; ich, was ich tue und wundere mich: Hey, warum mach&#8216; ich das eigentlich? Wenn es schon kein Geld bringt, was ist es denn dann, was ich davon habe? Rationalisierung bedeutet in meinem Fall nicht, nun auf einmal alles dem Profit-Gedanken unterzuordnen, sondern mir die jeweiligen Motive bewusst zu machen, die mich &#8222;in Arbeit halten&#8220; &#8211; und zwar ganz konkret, bez\u00fcglich jeder einzelnen Aktivit\u00e4t. Was habe ich davon, wenn es NICHT um Geld geht?<\/p>\n<h2>Pleasure, Pride, Profit, Peace &#8211; die motivierenden vier Ps<\/h2>\n<p>Das eigene t\u00e4gliche Tun auf diese Art zu betrachten, beschert mir erstaunliche Erkenntnisse! Denn ich stelle fest: ich kreise des \u00f6fteren in alten Gewohnheiten und Routinen, die durch rein gar nichts mehr gerechtfertigt sind, die aber gleichwohl Zeit fressen und mich der Ersch\u00f6pfung n\u00e4her bringen. Ich leiste mir Pausen, ohne wirklich zu entspannen und tue Dinge, die weder Geld (Profit), noch Ruhm und Ehre (Pride), noch Freude am TUN (Pleasure), noch Sinngef\u00fchl oder Sicherheit (Peace) bringen &#8211; einfach so, weil sie mir im Alltag begegnen, weil ich gewohnt bin, die Dinge SO und nicht anders zu tun. Z.B. schreibe ich immer wieder Kunden seitenlange Erkl\u00e4rungsmails zu technischen Dingen, ohne dass das irgendwie n\u00fctzlich w\u00e4re. Sie wollen ja nicht Webworker werden, sondern eine schicke Website, die ihre Aufgaben erf\u00fcllt. Da gehen mit R\u00fcckfragen locker mehrere Stunden drauf, die ich nie und nimmer auf eine Rechnung schreiben kann &#8211; warum mach ich das also?<\/p>\n<p>Genau besehen, finde ich Motive von vorgestern, die heute nicht mehr gelten, jedoch Gewohnheit wurden. Etwa das Bed\u00fcrfnis, die Verantwortung zu teilen: ein kundiger Kunde, der genau wei\u00df, welche Variante aus verschiedenen M\u00f6glichkeiten ich aus welchem Grund ausw\u00e4hle, wird mir sp\u00e4ter nicht vorwerfen k\u00f6nnen, ich h\u00e4tte die Sache &#8222;falsch&#8220; gemacht.   Und ich gl\u00e4nze mit Wissen, spiele mein umfangreiches Net-Knowhow aus, was mich lange Zeit stolz machte. Mittlerweile aber spielt das keine Rolle mehr, denn es ist ja doch selbstverst\u00e4ndlich, als Webworkerin fachkompetent zu sein. Zudem hab&#8216; ich mich vor ein paar Jahren dagegen entschieden, als &#8222;technische Expertin&#8220; zu re\u00fcssieren, sonst h\u00e4tte ich das Webwriting-Magazin nicht aufgegeben und mich als Mit-Gr\u00fcnderin der CSS-Design-Liste nicht zur\u00fcck gezogen. Was &#8222;unter der Haube&#8220; einer Website vor sich geht, liefere ich in korrekter und zeitgem\u00e4\u00dfer Machart &#8211; aber als Thema, mich zu profilieren, interessiert es mich nicht wirklich. ALSO sollte ich auch keine Zeit darauf verwenden, halbe Romane \u00fcber technische Dinge zu schreiben, wenn ein Kunde mal was nachfragt. In der K\u00fcrze liegt die Kraft! Unn\u00f6tiges wegzulassen schafft Freiraum f\u00fcr Dinge, die Freude machen &#8211; das sehe ich erst so deutlich, seit ich mit einem Wochenplan arbeite.<\/p>\n<h2>Chefin sein reicht nicht<\/h2>\n<p>Oh ja, der Wochenplan beschert mir so manche Erkenntnis, die mir in Zeiten der To-Do-List komplett verborgen blieb!  Zum Beispiel erkenne ich mit Schrecken das Ausma\u00df der Zerstreuung, der ich mich mutwillig aussetze: immer mal wieder ein Blick ins Mail-Programm, ein kleiner Ausflug in ein nettes Forum &#8211; kaum dass ich mich mal eine Stunde am St\u00fcck auf EINE SACHE konzentriere!  Fr\u00fcher glaubte ich, es sei &#8222;befreites Arbeiten&#8220;, wenn ich nur jederzeit meinen Impulsen folgen kann. Etwa mailen, wenn mir danach ist, anstatt z\u00fcgig fertig zu stellen, was ich gerade angefangen und einen Schritt weiter gebracht habe. Die Mails entf\u00fchren mich jedoch in g\u00e4nzlich andere Aktionsfelder privater und beruflicher Natur. Sie vermitteln &#8222;Erregungszust\u00e4nde&#8220; und fordern Reaktionen, denen ich mich zwar zugunsten der laufenden Arbeit entziehen kann, doch nur mit einem miesen Gef\u00fchl des Ungen\u00fcgens. Mal bleibt auch eine unangenehme Emotion, weil mir irgend ein Idiot was \u00c4tzendes geschrieben hat, ein andermal ist es was Sch\u00f6nes, das mich so anzieht, dass ich die &#8222;eigentliche Arbeit&#8220; pl\u00f6tzlich als Last empfinde. All das bringt Stress, Belastung, Verz\u00f6gerung, ohne dass dem irgend etwas Positives gegen\u00fcber st\u00fcnde, das ich durch dieses &#8222;zersplitterte arbeiten&#8220; gewinnen w\u00fcrde.  Freiheit?  Nicht wirklich!<\/p>\n<p>So erkenne ich mehr und mehr, dass die Freude, &#8222;sein eigener Chef zu sein&#8220; erst dann wirklich Fr\u00fcchte tr\u00e4gt, wenn man etwas anderes gelernt hat: N\u00e4mlich &#8222;der eigene Angestellte&#8220; zu sein &#8211;   es ist ja sonst keiner da! Als Selbstst\u00e4ndige bin ich das GANZE Unternehmen: in der Chefrolle plane ich meine Vorhaben, als Angestellte f\u00fchre ich sie aus, als Chefin kontrolliere ich den Erfolg und sehe zu, was noch verbessert werden k\u00f6nnte. Und ich sehe: meine Angestellte tr\u00f6delt, vermischt Privates und Berufliches, folgt den Launen des Augenblicks und verliert sich in allerlei Zerstreuungen. Ich muss sie wohl besser motivieren, denn k\u00fcndigen kann ich ihr nicht.<\/p>\n<p>Ab der n\u00e4chsten Woche werde ich nicht nur die Arbeiten auf die Wochentage verteilen, sondern auch sch\u00e4tzen, wie viel Zeit sie im Einzelnen ben\u00f6tigen. Und dann erfassen, ob das gestimmt hat. Ich hoffe, meine Angestellte entwickelt eine Art &#8222;sportlichen Ehrgeiz&#8220; und die Neugier, das auch selbst wissen zu wollen. Sklavische Disziplin kann ich von ihr nicht erwarten, denn dann droht sie mit der &#8222;inneren K\u00fcndigung&#8220;. Das aber bedeutet maximalen Schaden f\u00fcr das Ganze &#8211;  wie in jedem Unternehmen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich will mein eigener Chef sein!&#8220;. Der Wunsch nach Selbstbestimmung, nach freier Entfaltung der eigenen Kreativit\u00e4t, motiviert nahezu alle, die sich irgendwann mal selbstst\u00e4ndig machen. 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